Ein talentierter Tourist

Die Globalisierung auf den Äckern im Seeland, das Déjà-vu 
am Mittelmeer in St-Tropez, die Apokalypse 
im Lauterbrunnental: Der Berner Martin Bieri debütiert 
mit aufregender Landschaftslyrik.

Fremdartige Gewalten, die das Terrain umwälzen: A?2 im Tessin.

Fremdartige Gewalten, die das Terrain umwälzen: A?2 im Tessin.

(Bild: Balz Murer (Archiv TA))

Daniel Di Falco

Was, um Himmels willen, ist ein Apotropaion? Ein Kontrapost? Was sind Dilatationen, Spolien, Pylonen, Flares? Und wer ist Tscherenkow? Keine Ahnung. Aber auch kein Problem, Wikipedia weiss es. Trotzdem hat man diesem Dichter «Bildungsdünkel» vorgeworfen, und zwar in einer ansonsten ebenso tiefgehenden wie wohlmeinenden Besprechung. Der Kritiker hat, sagt er, länger nachschlagend am Bildschirm gelesen als in diesem Buch.

Dabei ist Dünkel, die Pose des Aufschneiders, hier nirgendwo zu finden. Bildung zwar sehr wohl, doch erstens kann man gegen die nicht im Ernst irgendetwas haben. Zweitens geht es hier um Tourismus, und der hat mit Bildung allerhand zu tun. Weil jedem Touristen, der einer Sehenswürdigkeit gegenübersteht, immer etwas in den Sinn kommt. Und sei es nur, dass sie im Prospekt besser ausgesehen hat.

Diese Texte 
verändern das 
Bewusstsein nicht. Eher schalten 
sie es um.

Oder dass Goethe auch schon hier war. Genau das ist Tourismus schliesslich: Er besteht aus der Produktion und dem Konsum von Bildern, inneren wie äusseren; aus dem Ort vor Ort und dem Ort im Kopf. Und der Autor, der hier Europa besichtigt, in 66 Gedichten von Istanbul bis Assisi, vom Berliner Landwehrkanal bis zur Neubaustrecke der SBB zwischen Mattstetten und Rothrist − auch er ist ein Tourist.

Ein enorm begabter allerdings. Und ein ebenso reflektierter obendrein. «Wahrscheinlich haben schon viele / über diesen Schleier geschrieben, / der sich nachmittags über die Wellen legt, / über die ganze weite Bucht», schreibt Martin Bieri über St-Tropez.

«Wie gemalt» – das wollte er «auch nie mehr denken», sagt er sich in Andalusien (und macht «trotzdem ein Foto»). Beim Rohstoffhändler Vitol in Genf, im Erdgeschoss des Firmensitzes, stösst er auf ein Solarium und eine Disco, die sich La Bomba Latina nennt, und für seine Assoziation in diesem Augenblick hat er nur ein Seufzen übrig: «Ach, der Süden.»

Heroin und Humanismus

Der Mann kennt das Spiel, auf das er sich als Reisender eingelassen hat. Martin Bieri, Jahrgang 1977, von Bern aus operierender Theatermacher (bis vor kurzem bei der Gruppe Schauplatz International), Kunstkritiker (regelmässig im «Kleinen Bund»), zudem Kultur­wissenschaftler mit einer Doktorarbeit (2012) zur Frage, was ein Terrain überhaupt zu einer Landschaft macht, also zu einer ästhetischen Erfahrung – dieser Bieri weiss, dass es den nackten, den unverbildeten Blick auf die Welt nicht gibt.

Und gerade daraus macht er seine Dichtung: Sein Material, ja sein Motor sind all die Bilder, Bezüge und Bedeutungen, die ihm bei seinen Ortsterminen auf- und zufallen. Wobei nicht etwa Altstädte oder Alpengipfel, sondern Infrastrukturen die bevorzugten Ziele dieses eigensinnigen Touristen sind: Kraftwerke, Verkehrswege, Industrieruinen, Fussballstadien.

Und natürlich ist es nun eine Frage der Bildung, wenn man so will, von Informiert­heit also, Recherche oder Geistesgegenwart, wenn Bieri etwa in Rotterdam an den Humanisten Erasmus gleichermassen denkt wie an die «Afghan Trails of Heroin».

Oder wenn er im Grossen Moos nicht nur die landwirtschaftliche, sondern auch die «politische Ingenieurskunst» bemerkt: «Warschau findest du wieder in den Feldern bei Brüttelen, Ins, Kerzers. / Ein Erzeugnis der ökonomischen Vernunft sind die Biographien in / Europa, das trampelt und erntet, was wächst, auf fallenden Feldern.»

Ja doch, da spricht ein Lyriker – ein Ereignis für sich – vom freien Personenverkehr.

Ja doch, da spricht ein Lyriker – ein Ereignis für sich – vom freien Personenverkehr. Und davon, wie viel Gesellschaft in den Landschaften steckt, die er sich ansieht. Das ist sie denn auch, die «Tektonik des Kapitals», die dem ganzen Band den Titel gibt: Es geht um die Verschiebungen und Verwerfungen, die die politisch-ökonomisch-kulturelle Ordnung im Gelände hinterlässt.

In diesen «späten Landschaften», wie er sie nennt, arbeitet Bieri als Tektoniker − kein gefühliges Ich, das seine innere Welt auf die äussere projiziert, wie man das von der gängigeren Art der Landschaftslyrik kennt. Sondern eine Art Detektor, der die fremdartigen Gewalten aufspürt, die unter unseren Füssen wirken. Man sieht, vor allem, wie sich Natur in Zivilisation verwandelt. Und, umgekehrt, Zivilisation in Natur. Ergebnis: Unbehagen, flächendeckend.

So produziert die Cité Lignon am Rand von Genf, Europas grösster Wohnbau, schon «tagsüber die Düsternis eines Gratzugs, der selbst Fels geworden ist». Auf der Insel Beznau in der Aare gruppiert sich der Beton der Kraftwerksanlagen mit dem Wald derart malerisch am Wasser, «als wäre es Natur» − und «als wäre es die Natur, die hier einen Untergang vorbereitet».

Auf der Fahrt durchs Mittelland schliesslich, beim Blick aus dem Zug, enthüllt sich schlagartig ein prähistorisches Szenario: Die Nutzbauten der Bundes­bahnen stehen da wie «Findlinge aus Zement», die Drähte verankern ein Koordinatensystem im Urgrund der Geologie, der Fahrplan bildet eine neue Topografie: «Zeichen einer Eiszeit am Reissbrett, / und des Erscheinens von Menschen». Es sind solche Kurzschlüsse, unerwartete und geraffte Entladungen assoziativer Poten­zia­le, mit denen Bieris Texte elektrisieren. Sie verändern das Bewusstsein nicht. Eher schalten sie es um.

Schnee, der brennt und donnert

«Europa, Tektonik des Kapitals» ist, nach einzelnen Auftritten in Sammelbänden, Bieris erster eigener Gedichtband. Und wenn man nicht allzu sehr auf die Verlagsverpackungsaufschrift pocht, wonach das «Lyrik wie eine grosse Reportage» sei (vielmehr ist sie essayistisch), dann kann man es sich auch gefallen lassen, dass bei manchen Ortsterminen gar nicht klar wird, von welchem Ort die Rede ist.

Das kann einem kryptisch vorkommen, und der Wille zur Entschlüsselung endet dann womöglich genau im Vorwurf des «Bildungsdünkels». Aber hier geht es immer noch um Lyrik. Und damit um einen Gebrauch von Sprache, der auch jenseits des Wörtlichen etwas zu bieten hat, im besten Fall. Und bei Bieri gibt es lauter beste Fälle.

Man nehme sein fulminantes Bildergewitter im Lauterbrunnental. Die Gegend heisst hier «Rivendell», so wie ihre literarische Verarbeitung im berühmten Fantasy-Epos «Herr der Ringe», und das nicht umsonst:

Mit den Webcams drehst du dich vor dieser Mauer, die morgens noch aussah wie angefacht, wie in Flammen von Schnee. Später kamen die Jets und warfen Flares. Zur Probe setzten sie die Welt in Brand, und ihr Donnern glich dem der Lawinen in der Nacht. Da lief längst Tolkien im Programm, Materialschlachten der Unverwundbarkeit, das letzte Refugium der Krieger und Künstler unter den Sternen. Halbwelten, war dein letztes Wort, dann Vertrauen in die Verbauungen an den gleissenden Hängen: linierte Blätter mit Spuren, die Schrift vom Tier

Gar nicht recht zu glauben, was dieser Bieri alles sieht. Wie er es zusammenbringt. Und wie sie leuchten, diese ­Flares. Auch wenn man sie nicht kennt.

Martin Bieri: Europa, Tektonik des Kapitals. Allitera, München 2015. 96 Seiten, etwa 27 Franken. Lesung in Bern, zusammen mit Rolf Hermann, Gerhard Meister und Raphael Urweider: 17. Juni, 20 Uhr, Café Kairo.

Der Bund

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