Sie tauchte hinab, um hochzukommen

Die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Egan ist bekannt für ihre literarischen Tricksereien. Mit «Manhattan Beach» überrascht sie jetzt aber richtig.

Für ihren neuen Roman hat Jennifer Egan auf Mehrschichtigkeit verzichtet. Er ist für einmal fadengerade erzählt. Foto: Getty Images

Für ihren neuen Roman hat Jennifer Egan auf Mehrschichtigkeit verzichtet. Er ist für einmal fadengerade erzählt. Foto: Getty Images

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Ganz am Ende von Jennifer Egans «A Visit from the Goon Squad» (auf Deutsch «Der grössere Teil der Welt») gibts noch eine Powerpoint-Präsentation. Es ist eine Art Tagebuch, erstellt von einem Mädchen, das die Dialoge mit seinem Vater in Form von Flussdiagrammen oder Schnittmengen festhält. Für den Roman von 2010 erhielt die 56-jährige US-Schriftstellerin den Pulitzerpreis.

Jennifer Egan galt damals als coolste Stimme einer Literatur, die die postmoderne Gymnastik gleichzeitig vollzieht und vorführt: Kaum ein Egan-Roman, in dem das Erlebte nicht auch kommentiert wird, sei es von Therapeuten oder im Creative-Writing-Unterricht. Der Leser verstand: Das geradeheraus ­Ungebrochene, das war so was von vorbei. Egan hat Literatur studiert und viel Theorie gelesen, sie schreibt so süffig wie mehrschichtig. ­Immer spielt Technologie eine Rolle; sie verfasste ­sogar einen Twitter-Roman: «Black Box» lief über den Account des «New Yorker».

Grässliche Entwürfe

Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Jennifer Egan an einem Roman gearbeitet, der ursprünglich den Zweiten Weltkrieg mit 9/11 hätte verbinden sollen. Halt so klug verspielt, wie man das von ihr kennt. Denn ernsthaft kann man das ja nicht schreiben, einen historischen Roman, der so tut, als sei er dabei gewesen. Widerliche Vergangenheitsaneignung!

Leider waren die Entwürfe von «Manhattan Beach» grauenhaft. Das sagte ihre Schreibgruppe, der sie ihre Manuskripte gibt, das sagt Egan selbst in Interviews. Es habe eine Weile gedauert, aber dann habe sie gemerkt, wie sie das Buch schreiben müsse: straight, ohne Kurven.

Also ist «Manhattan Beach» eben doch ein historischer Roman geworden. Noch dazu einer, der eröffnet wird wie ein Film noir: 1934 begleitet die 12-jährige Anna ihren Vater zu einem Treffen mit Dexter Styles. Der stilvolle Gangster lebt mit seiner Familie in einer Strandvilla in Manhattan Beach, einem Viertel von Brooklyn direkt am Atlantik. Schnell begreift Anna, dass für ihren irischstämmigen Vater, der für den Gangster mysteriöse Dienste verrichtet, viel von diesem Gespräch abhängt. Vermutlich alles.

Ein paar Jahre später ist ihr Vater – ein Mann, der «bestenfalls auffiel, weil er durch Türen schlüpfen konnte, die nur mit einer Kette gesichert waren» – verschwunden, und der Krieg hat das Land erreicht. Anna arbeitet jetzt in der Werft Brooklyn Naval Yard, wo sie neben den «verheirateten Frauen» Metallteile ausmisst.

Ein tödlich langweiliger Job, da üben die Taucher eine weitaus stärkere Faszination aus, die an den Docks der Marinewerft den Rümpfen der alliierten Kriegsschiffe entlang hinabgleiten, um unter Wasser Reparaturen vorzunehmen. Das will Anna auch tun und erkämpft sich die Ausbildung zur Taucherin.

Es ist nicht verbürgt, ob es bei der Navy Taucherinnen gab. Aber wieso nicht, die Männer waren ja im Krieg, möglich wärs also durchaus gewesen. Die Stimmung der Weltkriegszeit gestaltet Egan in üppiger Sprache, aus der die Recherche manchmal deutlich hindurchscheint: Sie hat Nautik-Handbücher gelesen und historische Fotografien studiert, sie nahm an Hafentouren teil und führte Interviews. Fast romantisch zeichnet sie die Verbrecherwelt von Dexter Styles, der sich in altes Geld eingeheiratet und nach der Prohibition das ­legitime Nachtclubgeschäft entdeckt hat, um so sein Vermögen zu waschen.

«Manhattan Beach» ist ein Abenteuerroman für alle Heimweh-New-Yorker – Bewohner einer Stadt, in der gern vergessen geht, dass das Meer nicht allzu weit entfernt liegt. Er erzählt vom Kampf der Frauen, die von ihren Vorgesetzten gewaltsam ignoriert werden, und von der Gewalt der Männer, die sich nehmen, worauf sie Lust haben.

Überscharfe Beschreibungen

Man könnte es Egans Technik nennen, den historischen Roman aufzubrechen: Indem die feministische Perspektive ins Geschichtssetting eingeht, wird Vergangenes utopisch umgedeutet, ohne dass es ständig angestrengt in Richtung Gegenwart zwinkert. Nicht nur arbeitet sich Anna zur Taucherin hoch, es gibt auch eine Passage, in der sie auf verstörende Art ihre sexuellen Bedürfnisse entdeckt. Ganz lassen kann es Jennifer Egan sowieso nicht. Die Cliffhanger an den Kapitelenden wirken fast ironisch, die for­male Fragmentierung greift im Einzelnen. Mal ist es die Auslassung des Wesentlichen, mal eine grandios bruchlose Parallelmontage, die sich zum doppelten Showdown steigert. HBO könnte das eigentlich gleich zur Miniserie machen.

Und die Logik des Pageturners will es, dass die Wege von Anna, ihrem Vater und Dexter Styles aufeinander zulaufen – und sogar am selben Ort zusammenlaufen, einfach nicht zur gleichen Zeit. Eine Art magischer Zufall: Richtig zusammenhalten tun die Begegnungen den Roman nicht, dafür wirken sie zu erzwungen. Aber es kommt nicht so drauf an, weil man Jennifer Egan dort am meisten glaubt, wo sie ihr literarisches Können ausspielt. Wo sie trickreich überwältigt und überscharf beschreibt: Als Anna zum ersten Mal einen nackten Mann sieht, fällt ihr Blick auf dessen Genitalien, die sie «an zwei Stiefel erinnerte, die an Schnürbändern an einem Laternenpfahl baumelten». Muss man mehr sagen?

Jennifer Egan: Manhattan Beach. Übersetzt von Henning Ahrens.Fischer, Berlin 2018. 496 S., 32 Fr. Lesung mit Jennifer Egan am 13. September um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 18:01 Uhr

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