Krimi

«Selbstsüchtig, unfair? Natürlich.»

In «Jenseits der Rache», dem dritten Krimi der in Thun beheimateten Esther Pauchard, gibt Psychiaterin Kassandra Bergen die Amateurdetektivin und zeigt sich dabei hartnäckig und zickig.

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Mia, Alina, Sara und Laura waren im 2013 die beliebtesten Mädchennamen, während der Name Kassandra gar nicht erst auf der Liste aufgeführt wird. Tatsächlich gibt es in der ganzen Schweiz gemäss elektronischem Telefonbuch gerade mal sieben Damen, welche diesen Vornamen tragen. Wenn nun also eine Schriftstellerin ihre Hauptfigur Kassandra nennt, tut sie das wohl mit gutem Grund, so die Vermutung.

Die mythologische Kassandra war ja diejenige tragische Heldin, die zwar Ereignisse vorhersehen konnte, ihre Ankündigungen und Warnungen aber wurden von allen in den Wind geschlagen. Der Name Kassandra steht somit sinnbildlich für die mahnende Stimme, der niemand Gehör schenkt.

Brisante Internet-Psychotherapie

Auch in «Jenseits der Rache» der Thuner Schriftstellerin Esther Pauchard geht eine Kassandra zu Werke. Nach «Jenseits der Couch» und «Jenseits der Mauern» legt die 41-Jährige ihren dritten Krimi vor, in welchem die Protagonistin Kassandra Bergen, genannt «Ka», auf eigene Faust ein Verbrechen aufzuklären gedenkt. ­Dabei ist Ka zwar nicht mit Hellsichtigkeit gesegnet, verfügt aber immerhin über ein ausgezeichnetes Bauchgefühl. Und ist zudem eine furchtbare Zicke. Aber der Reihe nach. Kassandra Bergen verbringt zusammen mit ihrem Mann Marc, ihrem besten Freund und gleichzeitig Vorgesetzten Martin Rychener und dessen Freundin Selma ein Wochenende im stattlichen Grandhotel Giessbach. Dort werden die beiden Paare Zeugen eines vermeintlichen Selbstmordes. Zu Tode gekommen ist der berühmte Berner Psychoanalytiker Adrian Wyss, ein Mitinitiant der brisanten Intpers-Studie. Besagte Studie setzt sich mit dem recht neuen und noch wenig erforschten Bereich der Internet-Psychotherapie auseinander, bei der eine Behandlung nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern eben via E-Mail oder Chat erfolgt.

Da der verstorbene Adrian Wyss kurz vor seinem Tod noch versucht hat, Kassandra Bergen telefonisch zu erreichen, gerät diese ins Visier der Polizei und beginnt quasi aus Selbstverteidigung Nachforschungen zu Adrian Wyss’ myste­riösem Tod anzustellen. Hat sein vermeintlicher Suizid mit Fehlschlägen in der Intpers-Studie zu tun, die nun vertuscht werden sollen? Wie passt dabei eine alkoholkranke Patientin ins Bild, welcher der Tod von Adrian Wyss offenbar ungemein zusetzt? Welche Verknüpfung gibt es zum Autounfall einer unterschenkelamputierten Dame? Und welche Rolle spielt die eiskalte Chefin eines traditionsreichen Pharma-Unternehmens, die mit zwei verschiedenfarbigen Augen ausgestattet ist und stets in Begleitung einer grossen schwarzen Dogge auftritt?

Fundierte Fakten

Esther Pauchard beschreibt in «Jenseits der Rache» diejenige Welt, die sie selber bestens kennt. Die 41-Jährige ist Fach­ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet als Oberärztin in einer Suchtfachklinik in Burgdorf. Entsprechend fundiert sind denn auch die Fakten, welche in ihrem Krimi vermittelt werden. Pauchards Geschichte bietet einen interessanten Einblick in den Alltag einer psychiatrischen Klinik und den Ablauf medizinischer Studien, von Psycho- und Online-Therapien und bleibt zudem mit überraschenden Wendungen spannend bis zum grossen Showdown. Allerdings finden sich in «Jenseits der Rache» auch einige Ungereimtheiten in der Logik, der eine oder andere Vorgang erscheint eher unwahrscheinlich, und zudem sind ein paar Charaktere – etwa jener der dümmlichen, männerfixierten Informationslieferantinnen – etwas gar klischeehaft geraten.

Und dann ist da eben auch noch diese Kassandra Bergen. «Selbstsüchtig, unfair, unvernünftig? Natürlich war ich das. Aber ich konnte es nicht ändern», beschreibt sich Ka an einer Stelle selber. Sie will einem nicht recht ans Herz wachsen, diese verbissene, aufbrausende, impulsive und manchmal zynische Frau, die zwar durchaus Momente von Einsicht, Selbstzweifel und Scham kennt, deren zwischenzeitlich manipulatives Verhalten aber einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, auch wenn sie sich selber und der Leserschaft versichert, dass ihre Aktionen im Dienste der Gerechtigkeit passieren würden. Klar doch, Psy­chiater sind auch nur Menschen. Aber irgend­wie hätte man sich doch ein bisschen mehr Edelmut erhofft von einer Frau, die den klingenden Namen einer Königstochter und Mahnerin trägt.

Esther Pauchard: «Jenseits der Rache». Lockwort Bern, 2014, Fr. 35.90.

Esther Pauchard liest heute Abend 20 Uhr in der Buchhandlung Thalia zusammen mit Nicole Bachmann und Paul Lascaux. (Der Bund)

Erstellt: 17.09.2014, 08:26 Uhr

Ein Tatort des Krimis: Das Grandhotel Giessbach.

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