«Schweizer haben in Deutschland eine Sprachbehinderung»

Nachdem Peter von Matt einen «Dialektwahn» konstatiert hat, äussert sich der Mundart-Literat Pedro Lenz über die Schweizer Muttersprache, Bildungspolitiker und Mundart-Talibane.

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Herr Lenz, haben wir eine oder zwei Muttersprachen?
Wir haben eine gesprochene Muttersprache, das ist die Mundart. Hochdeutsch ist angelernt, also eine Fremdsprache. Dass wir zwei Muttersprachen haben, wie Herr von Matt es postuliert, ist vielleicht wünschenswert, entspricht jedoch nicht der Realität. Wenn ich in einem Dorf in Obwalden jemanden auf Schweizerdeutsch interviewe, kommt das doch ganz anders heraus, als wenn ich das Interview auf Hochdeutsch führe.

Sehen Sie darin ein Problem?
Eher eine Tatsache. So wie die meisten Schweizer in Deutschland eine Sprachbehinderung aufweisen. Bundesrat Maurer etwa hat einen Nachteil, wenn er mit einem deutschen Kollegen debattieren muss. Weil er nicht gleich eloquent ist. Es wäre deshalb schlau, wenn Schweizer Politiker bei solchen Debatten einen Übersetzer hätten. Zum Manifestieren, dass es sich um ein Sprachproblem handelt, keine intellektuelle Minderwertigkeit.

Diesen Missstand prangert Herr von Matt ja gerade an.
Aber er hat keinen Lösungsansatz. Ausser dass er behauptet, Hochdeutsch sei unsere Muttersprache. Doch dadurch wird unser Hochdeutsch nicht besser. Was ich besser verstehe, ist seine Sorge um einen schweizerischen Isolationskurs. Man muss tatsächlich schauen, dass man sich von Mundart-Talibanen fernhält. Dass man Schweizerdeutsch nicht zur Landessprache machen will. Bloss: Die Gefahr von Peter von Matts Artikel, eine Debatte übrigens, die er schon mehrere Male angerissen hat, ist dass ein Dualismus geschaffen wird. Zwischen weltoffenem Hochdeutsch und der SVP, die Mundart propagiert. Für mich eine völlig falsche Linie.

Was schlagen Sie vor?
Ich finde, dass man Hochdeutsch und Mundart nicht gegeneinander ausspielen darf. Und wenn man Sprachkompetenz und Sprachlust über die Mundart fördert, hat das auch einen positiven Einfluss auf das Hochdeutsche.

Von Matt sieht einen direkten Zusammenhang: Das Erstarken der Mundart lässt das Hochdeutsche verkümmern.
Das glaube ich nicht. Sprache ist keine Mathematik. Zwei minus eins ist hier nicht gleich eins. Dass man das Hochdeutsche fördert, indem man die Mundart abklemmt, ist leider gerade bei Bildungspolitikern eine weit verbreitete Annahme.

Sie stellen gar keine Verkümmerung des Hochdeutschen fest?
Was heisst schon Verkümmerung? Die deutsche Sprache ist andauernd im Wandel - das gilt übrigens auch für Deutschland und Österreich. Dass in der Schweiz früher ein besseres Hochdeutsch gesprochen wurde, bezweifle ich. Im Gegenteil, die Jungen reden heute – wohl dank des deutschen Fernsehens - ein akzentfreieres Hochdeutsch als die ältere Generation. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2010, 15:09 Uhr

Pedro Lenz lebt in Bern als Dichter, Schriftsteller und schreibt als Kolumnist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (zurzeit: NZZ, WoZ). Als Autor ist er Mitglied des Bühnenprojekts «Hohe Stirnen» und der Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall». Er hat Texte für verschiedene Theatergruppen und für das Schweizer Radio DRS verfasst. Lenz ist auch Mitglied des Teams der «Morgengeschichte» von Radio DRS1.

Peter von Matt ist emeritierter Professor der Universität Zürich und vielfach preisgekrönter Buchautor.

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