«Perspektiven»: Im Galopp durch die Galaxien

Ben Moore, Rockstar, Brite und Professor für Astrophysik, nimmt den Leser mit auf einen rasenden Ritt durch die «Geschichte des menschlichen Wissens».

«Elefanten im All»: Ein Buch, wie man es nur alle paar Jahre in die Hände bekommt.

«Elefanten im All»: Ein Buch, wie man es nur alle paar Jahre in die Hände bekommt. Bild: zvg

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Um unseren Beruf auszuüben, häufen wir umfassendes Halbwissen an. Davon ausgenommen sind im konkreten Fall alle Naturwissenschaften und im Besonderen die Physik. Im Klartext: In Sachen Physik bin ich ein Vollidiot. Oder ich war es bis vor einigen Tagen. Da ist mir ein Buch untergekommen, das etwas Licht in die Finsternis bringt, ein Buch also, wie man es nur alle paar Jahre einmal in die Hände bekommt. Es heisst «Elefanten im All».

Den Autor habe ich an einer Party kennen gelernt. Er sass auf einem Sofa, sang Popsongs zur Gitarre und machte Sprüche – typisch britische Sprüche, denn Ben Moore ist unverkennbar Engländer. Er spielt in der Elektro-Rockband MILK67 und hat für die Zürcher Street-Parade 2010 ein Love-Mobile namens Big Bang gebaut.

Rockstar und Astrophysiker

Dieser Name war nicht allzu weit hergeholt, denn Ben Moore, 46, ist auch Professor für Astrophysik an der Universität Zürich. Die Dreifaltigkeit Brite/Rockstar/Physiker hat sich nun äusserst positiv in Moores soeben auf Deutsch veröffentlichtem Buch niedergeschlagen. Dieses ist wissenschaftlich fundiert, zugleich witzig und verständlich – und überdies sehr menschlich.

So steigt Moore in jedes Kapitel mit einer Anekdote ein, schildert Erlebnisse mit dem Vater, Abenteuer mit Freunden beim Klettern oder Snowboarden, oder er beschreibt selbstironisch, wie er einst in einem Observatorium ein Teleskop ruinierte, weil er es statt auf ferne Galaxien auf den viel zu lichtstarken Mond richtete. Dass ihm – der inzwischen Hunderte wissenschaftliche Arbeiten verfasst hat – einst ein Physiklehrer mitteilte, «meine Fähigkeiten seien unter aller Sau», ist eine von vielen herrlichen Pointen.

Wissen gegen Glauben

Moore nimmt uns zuerst mit auf einen rasenden Ritt durch die «Geschichte des menschlichen Wissens», dessen «Erwachen» er von 30000 bis 144 v. Chr. datiert, als zuerst Kunst und Musik aufkamen, ab etwa 10'000 v. Chr. Acker- und Siedlungsbau und schliesslich um 1000 v. Chr. eine Häufung von philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen bei den alten Griechen und anderen Kulturvölkern. Die Hochblüte der Wissenschaft endete mit dem Sieg der Römer über die Griechen 144 v. Chr. und dem gleichzeitigen Aufkommen der Religionen mit ihrem wissenschaftsfeindlichen Anspruch auf den jeweils allein selig machenden Glauben.

Ab 144 v. Chr. bis etwa 1600 n. Chr. herrschte «geistige Finsternis», die erst zu Ende ging, als Wissenschaftler wie Giordano Bruno, Galilei, Kepler oder Newton die Lehren der Kirche infrage stellten und durch experimentelle Erkenntnisse ersetzten. Dass es ein Priester war, der Belgier Georges Lemaître, der 1927 den Urknall entdeckte und damit die kirchliche Lehre von der Schöpfung endgültig beerdigte, mag als besondere Ironie in die Geschichte eingehen.

Um die Evolutionsgeschichte auch blutigen Laien näherzubringen, hat Moore die brillante Idee gehabt, die gesamte Evolution seit dem Urknall bis heute «in einen einzigen Sonnentag zu packen», das heisst unvorstellbare 13,7 Milliarden Jahre auf vorstellbare 24 Stunden zu reduzieren. Diese Methode ermöglicht uns zu begreifen, dass es sehr kurze, heftige und sehr lange, träge Perioden der Evolution gegeben hat: «Um Mitternacht knallt es», schreibt Moore – und gibt gleichzeitig zu, dass man noch wenig weiss von diesem Urknall, wie überhaupt die fundamentalen Fragen noch offen sind: «Warum gibt es das Universum?» – «Wie fing es an?» – «Welche Stellung und welche Bestimmung haben wir im Universum?» – «Sind wir allein?»

Schon 2,37 Sekunden nach dem Urknall – immer auf 24 Stunden verdichtet – tritt die «kosmische Mikrowellen-Hintergrundstrahlung» auf, um fünf nach Mitternacht schwimmt die «Ursuppe», um zwanzig nach taucht der erste Stern auf; um halb vier Uhr morgens sind es Billionen von Sternen. Erst um 16 Uhr bildet sich unsere Sonne und eine Sekunde danach unser Planetensystem.

Eine Sekunde vor Mitternacht

Um 17.30 Uhr finden sich frühe Formen biologischen Lebens, ab 19.50 Uhr wird die Atmosphäre mit Sauerstoff angereichert, um acht gibt es erste komplexe Zellen, um halb neun primitive Vielzeller, fünf nach elf die ersten Tiere, dann die ersten Wirbeltiere, die ersten Pflanzen, Amphibien, Reptilien, Dinosaurier, um zwanzig vor Mitternacht kommen die Haie – eine der ersten Gattungen, die bis heute überlebt haben. Dann, wir rücken näher gegen Mitternacht, die ersten Säugetriere, die Vorläufer der Vögel, Blütenpflanzen. Um fünf vor zwölf schlägt ein gewaltiger Asteroid ein; neun Zehntel aller Arten, unter anderem die Dinosaurier, werden ausgelöscht. Zwanzig Sekunden vor Mitternacht läuft der Australopithecus auf zwei Beinen, eine Sekunde vor Mitternacht folgt der Homo sapiens.

In ähnlich anschaulicher Form bringt uns Ben Moore auch andere Erkenntnisse und Hypothesen der Physik näher, die schwarzen Löcher, braunen, weissen und roten Zwerge, Photonen, Hadronen und Bosonen. Er erklärt uns den Zweck der Experimente im Cern. Und er wagt einen Ausflug in die Sciencefiction, indem er darüber spekuliert, wie die nächsten «24 Stunden» der Erde aussehen könnten und wann wir mit dem nächsten verheerenden Einschlag eines Asteroiden rechnen müssen. (Dieser ist überfällig; er findet etwa alle 50 Millionen Jahre statt, aber seit dem letzten sind bereits 65 Millionen Jahre vergangen.)

Unsere Bedeutungslosigkeit

Zu Beginn der Lektüre möchte man verzweifeln, denn «beim Blick auf die hundert Milliarden Galaxien, die der unseren ähneln und jeweils Milliarden von Sternen enthalten, die unserer Sonne gleichen, sind wir uns unserer Bedeutungslosigkeit bewusst».

Doch wenn man weiter ins Buch vordringt, wird einem immer mehr bewusst, dass der Autor nicht nur die nüchterne wissenschaftliche, sondern auch eine romantische Ader hat. Ein Bild vom Orion-Nebel, aufgenommen vom Hubble-Teleskop, kommentiert er mit dem Satz: «Die von neu entstehenden Sternen beleuchteten Wolken von staubigem, violett-rot-braunem Gas sind ein abstraktes Kunstwerk in Reinform.» Noch nie habe «ein Künstler etwas so Wunderschönes gemalt».

Am Ende spendet Ben Moore Trost. Sein letztes Unterkapitel trägt die Überschrift «Der Sinn des Lebens». Freilich meint er, es gebe «keinen tieferen Sinn, überhaupt keinen». Alles liege an uns: «Leben hat den Sinn, den man ihm verleiht.» Deshalb lautet Moores Fazit: «Alles, was wir tun können, ist, unser kurzes Leben voll auszukosten, unseren flüchtigen Moment des Bewusstseins in diesem riesigen und spektakulären Universum zu geniessen. Machen Sie das Beste aus Ihrem Leben. Leben Sie Ihre Träume!»

Abschiedsparty

Wir müssen uns auf das Ende der Welt gefasst machen, auch wenn die finale Abschiedsparty sich noch nicht aufdrängt: Wenn wir die Erde nicht vorher selber zerstören, zum Beispiel durch einen nuklearen Weltkrieg, und wenn sie nicht durch einen Asteroiden-Einschlag aus der Bahn geworfen wird, dann wird das Ende kommen, wenn die Sonne in 7,6 Milliarden Jahren «ihren Brennstoff aufgebraucht» hat. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2012, 10:46 Uhr

Der Autor: Ben Moore ist Rockstar, Brite und Professor für Astrophysik. (Bild: zvg)

Das Buch

Ben Moore: Elefanten im All – Unser Platz im Universum, illustriert von Katharina Blansjaar, aus dem Englischen von Friedrich Griese und Monika Niehaus; Kein & Aber, Zürich und Berlin 2012, 384 S., cirka 30 Fr.

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