Noras Hang zur Normalität

Welches Drama treibt sie um? Artur K. Vogel blickt in seinem zweiten Roman hinter die Fassade einer angepassten Frau.

Der ehemalige Chefredaktor des «Bund» thematisiert in seinem zweiten Roman den Durchschnittsmenschen.

Der ehemalige Chefredaktor des «Bund» thematisiert in seinem zweiten Roman den Durchschnittsmenschen. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gibt es überhaupt den Durchschnittsmenschen? Schleppt nicht jeder ein Trauma durchs Leben, das er auf seine Art ertragen oder bewältigen muss? Nora Ursprung hat nach einem abgebrochenen Jus-Studium Richard geheiratet, der als wissenschaftlicher Adjunkt im Bundesamt für Statistik arbeitet. Zusammen mit der Tochter Sophia führen sie ein geordnetes Familienleben, fahren zweimal jährlich in die Ferien. Nora liest viel, und die Zitate aus Büchern von Sartre, Camus oder W. G. Sebald garnieren als (unnötiger) Zierat die Buchseiten. Doch natürlich gibt eine solch ereignisarme Vorlage nicht den Stoff für einen Roman ab.

Artur K. Vogel interessiert denn auch ein anderer Aspekt: Noras düsteres Geheimnis, das sich für die Leserschaft erst gegen den Schluss des Romans offenbart. Gleich die expressive Sprache der ersten Seite lässt zwar Unheimliches ahnen, einen Missbrauch, einen Mord vielleicht. Der Autor aber baut geschickt eine Dramaturgie auf, die für Spannung sorgt, ohne dass er das zentrale Geschehen preisgibt.

Opfer oder Täterin?

Der Leserschaft dieser Zeitung ist der 1953 in Luzern geborene Artur K. Vogel bekannt als ehemaliger «Bund»-Chefredaktor, der neben Sachbüchern bisher auch eine Erzählung und einen historischen Roman vorgelegt hat. Sein neues Buch, «Uranus in der Jungfrau», dessen Titel auf eine astrologische Konstellation verweist, ist die Charakterstudie einer fünfzigjährigen Frau, die mit allen Mitteln versucht, die Normalität aufrechtzuerhalten und niemandem, auch nicht dem Ehemann, ihr belastendes Kindheitserlebnis mitzuteilen.

Zwar hat sie in früheren Jahren hektisch nach Nähe und Zuwendung gesucht, die sie von der eigenen Mutter, einer Spielerin und Alkoholikerin, nie erhalten hat. In schummrigen Lokalen, Bars und Stundenhotels gab sich Nora den Freiern hin, empfand dabei jedoch Ekel und musste diese negativen Gefühle im Whisky ertränken.

War sie Opfer oder Täterin? Sie wusste es nicht, und noch während der Ehejahre mit Richard lassen sie nachts Alpträume immer wieder aufschrecken. Ihre Tochter Sophia aber behütet sie über das zuträgliche Mass hinaus und kompensiert mit diesem Verhalten Mängel ihrer eigenen Kindheit.

Niedergang eines Mannes

Noras Geschichte, die Vogel konsequent und glaubhaft aus weiblicher Sicht erzählt, wiegt schwer genug, sodass sie ausreichend Stoff für einen Roman hergegeben hätte. Es erscheint daher nicht plausibel, dass der Autor noch eine weitere Geschichte einfügt, sodass wir schliesslich einen Roman im Roman lesen. Richard nämlich will sich verändern (worauf u.a. die Position des Uranus in der Jungfrau hinweist) und seinen Traum als Schriftsteller verwirklichen. Seine Stelle hat er kürzlich ohne Wissen Noras gekündigt.

Während eines Urlaubs in Havanna erzählt er Nora und der Ärztin Elena von seinem Projekt, der «Studie über den Niedergang eines Mannes, dem sein Leben entgleitet». Es handelt sich um einen Schweizer Diplomaten, der sich in eine Kubanerin verliebt und von ihr und deren Brüdern ausgenommen wird, sodass er schliesslich ins Elend stürzt und als Bettler dahinvegetiert.

Nun sind Richards Schriftstellerträume wie auch der Inhalt seines Romanprojekts reichlich naiv und mit Klischees gesättigt. Männer- und Künstlerfantasien scheinen sich gegenseitig hochzuschaukeln, wären da nicht Frauen wie Nora und Elena, die im Gespräch korrigierend eingreifen und den maskulinen Positionen ihre weiblichen Standpunkte entgegensetzen, der männlichen Selbsterhöhung ihren Realitätssinn. Ob Richard je als Schriftsteller erfolgreich sein wird, steht in den Sternen, auch wenn sein Selbstverständnis als «Künstler» von Zweifeln unangefochten bleibt.

Zurück zum Ursprung

Artur K. Vogel hält Richards weitere Entwicklung offen, ebenso die Beziehung zwischen ihm und seiner Ehefrau Nora. «Ich muss mit dir reden», wird Noras letzter Satz sein. Anders als Ibsens Protagonistin steigt sie nicht aus dem gemeinsamen Leben aus, sondern will es verändern. Denn inzwischen ist sie ihrem Ursprung – ihr sprechender Name verheisst dies von Anfang an – dank Elena wieder nahegekommen. Die Ärztin, die zugleich Astrologin ist, deutet Noras Horoskop. Die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit löst eine Erschütterung aus. Von nun an wird es für Nora kein Doppelleben, keine Verdrängung mehr geben, dafür eine neue Erfahrung des eigenen Frauseins.

Artur Kilian Vogel: Uranus in der Jungfrau. Roman. Salis-Verlag, Zürich 2018, 192 Seiten, 32 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 29.11.2018, 07:10 Uhr

Artikel zum Thema

Liebe, Tod und Altherrenfantasien

Artur K. Vogel, Chefredaktor des «Bund», hat seinen ersten Roman geschrieben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Ab in die Wüste

Zum Runden Leder Eyes wide shut

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...