«No einisch im Meer buttele u schwadere»

In einer eben erschienenen Sammlung seiner Gedichte und Texte erweist sich der 70-jährige Berner Troubadour und Schriftsteller Fritz Widmer als begnadeter Virtuose der Berner Mundart.

Aus William  Shakespeares 71.Sonett macht Fritz Widmer eine erschütternde berndeutsche Totenelegie. (Christoph Hoigné, zvg)

Aus William Shakespeares 71.Sonett macht Fritz Widmer eine erschütternde berndeutsche Totenelegie. (Christoph Hoigné, zvg)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Natürlich: Am gefälligsten sind Fritz Widmers Gedichte, wenn er sie singt. Den «Wintersamschtig» auf dem Berner Märit, das «Sonett vo de Müntschi» mit der wunderbaren Quintessenz, dass «es Müntschi e Bsuech vo eir Seel biren andre isch», die «Schärischlyferballade» über den verträumten Vaganten, den Widmer aus Skandinavien auf den Weg «über Langete gäge Buchsi» verpflanzt hat. Dann nimmt man mit Freuden wahr, was für ein begabter und liebenswerter Liedermacher dieser Berner Troubadour und Freund von Mani Matter doch ist.

Faszinosum Dialekt

Aber wer die im Band «Wo geit das hi, wo me vergisst» vereinigte Auswahl seiner schönsten Gedichte, Lieder und Prosatexte zur Hand nimmt und Zeile um Zeile im stillen Kämmerchen auf sich wirken lässt, wird etwas erkennen, was der Gesangsvortrag in seiner auf den Augenblick und die Stimmung konzentrierten Umsetzung eher verbirgt als enthüllt: dass Widmer in seiner traumhaft sicheren Beherrschung des Berner Dialekts und seiner Fähigkeit, diesem Medium all das abzugewinnen, was Sprache an Beglückend-Unverwechselbarem zu leisten vermag, ein echter, wirklicher Dichter ist.

Vom gefährlichen Leben der Vögel in den Felsriffen der norwegischen Lofoten bis zu einem verregneten Feriensonntag im Tessin, von den Fragen eines neugierigen Kindes – die dem Band auch den Titel gegeben haben – bis zu einem keltischen Hügelgrab in Irland oder einem pflügenden Bauern in Syrien stehen Widmer und seinem mundartlichen Zugriff die Bilder und Phänomene ohne alle sprachliche oder geografische Begrenzungen gleich selbstverständlich zur Verfügung. Nie aber betreibt er literarischen Tourismus oder Landschaftsbeschreibung um ihrer selbst willen. Wohin auch sein Blick fällt, immer liest er aus dem, was er sieht, eine Anwendung, eine Botschaft, eine überraschende Erkenntnis oder eine berührende Geschichte heraus.

Lofoten und Politik

So kommt ihm im Gedicht «I de Lofote-flüe» beim Betrachten der bescheiden-zähen Vögel mit ihren genial «disainten» Eierformen die aktuelle Schweizer Politik in den Sinn und räsoniert er: «Mängisch wünschen i mir / so öpper, wo still u gheim / würkt, chönnt au bi üs / albeneinisch i der Politik/ cho mitmischle, / wä öppis söt usbrüetet wärde, / für dass es nit abstürzt, / bevor öppis Läbigs / druus entstanden isch.» Handkehrum aber liefern die gleichen Vögel, deren Verhalten eine Berner Studentin erforscht, den Anlass für einen zärtlich gereimten Liebesbrief, den ihr der Freund, dem es bei den Berner Kühen «gäng no am wöhlschte» ist, mithilfe des Windes nachschicken würde, wenn am betreffenden Tag nicht die Bise statt des Nordwinds geweht hätte …

Ländliche Herrlichkeiten

Man spürt aus Widmers Texten eine Liebe und ein Verständnis für die Natur heraus, die verrät, dass er auf einem Bauernhof aufgewachsen ist – und doch sind seine Naturbilder weit entfernt von Heimattümelei und folkloristischer Sentimentalität. Sein Welt- und Menschenbild ist, wie «Am Anfang war das Wort» mit seiner Gegenüberstellung von Urknall und «Ur-Stilli» oder «Vergässe u verdränge» mit der Auflistung der epochalen menschlichen Fehlleistungen der letzten hundert Jahre eindrücklich zeigen, das eines um den Erhalt der Umwelt und des Planeten überhaupt zutiefst besorgten, nachdenklich gewordenen Zeitgenossen.

Und ausserdem gibt man all die ländlichen Herrlichkeiten in seinen Gedichten mit Freuden her für die Art und Weise, wie Fritz Widmer in «Wintersamschtig» zwölf Stunden lang die städtisch-urbane – und doch auch bäuerliche! – Welt zwischen Zytglogge und Münster zum Leben erweckt: «Angeri läse Plakat oder hange am Händy u lyre, / was es so öppe für Party-Events gäb, für d’Nacht dürezmache / für dass de ömu der Sunndi churz gnue wird zum Überstah.»

Ebenso zeitnah und modern wie rührend sind allemal die Liebesgedichte, in denen Widmer die zärtlichsten, feinsten, leisesten Töne trifft. Das Gedicht «Morge», wo sich zwei Liebende im Gesang der Amsel nahe fühlen, «Liebi», wo der Bogen vom Prediger Salomon über Max Frisch bis zu dem Grosselternpaar geschlagen wird, das sich mit Arthritis in den Armen und Beinen noch kleine Gefälligkeiten erweist. Oder das «Sonett für d Aglaja Veteranyi», das der jung verstorbenen Autorin auf feinsinnig-zärtliche Weise einen Trost hinterherschickt.

Am Rand des Todes

Auch die schwere Krankheit, die ihn selbst an den Rand des Todes geführt hat, taucht in den Versen ebenso versteckt wie bewegend auf. Wenn er von den Fingernägeln, die er, weil er keine Schere mehr holen gehen kann, als Werkzeug beim Öffnen eines Pakets verwendet, eine wunderbar einleuchtende Geschichte der menschlichen Erfindungsgabe ableitet («Fingernegel»).

Oder im Gedicht «Drei Wünsch», das einen Spitalaufenthalt evoziert und den Patienten auf die freundliche Frage der Schwester nach seinen Wünschen das schmerzfreie Geniessen eines Apfels und einen Augenblick am verschneiten Waldrand nennen lässt. «U dass i no einisch im Meer cha buttele / u schwadere un nachär dür e Sang loufe, / ohni dass mir eis Bei meh wehtuet / weder ds angere.»

Brillanter Übersetzer

So nahe einem Widmers eigene, die ihm vertraute Welt und persönliche Lebenserfahrung spiegelnden Gedichte gehen: Seine Virtuosität in der Verwendung des Berner Dialekts zeigt sich am anschaulichsten in den Übersetzungen aus anderen Sprachen und aus dem Hochdeutschen, von denen der Band eine ganze Reihe enthält. Wenn er Lars Gustafssons Elegie über verlorene Gegenstände auf den Bauernhof seiner Eltern verlegt, wenn er aus Shakespeares 71. Sonett eine erschütternde berndeutsche Totenelegie macht, oder wenn er «Fin ch’han dal vino», die Arie des Don Giovanni aus Mozarts gleichnamiger Oper, in ein wunderbar pfiffiges Berndeutsch überträgt:

«Feschte u lache,
suufe u singe,
heiss wärde d Gringe
vo all däm Wy.

Nume nid lugg la,
Meitli hät’s gnue da,
nume nid zaagge,
göht se ga fa.»

Friz Widmer: Wo geit das hi, wo me vergisst? Mundarttexte. Cosmos Verlag, Muri bei Bern 2009. 128 Seiten. Fr. 29.–. (Der Bund)

Erstellt: 08.12.2009, 13:52 Uhr

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Blogs

Geldblog Geberit ist grundsolid und ­punktet mit hohen Margen

Zum Runden Leder Der Karren in der Krise

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...