«Nichts an diesem Leben ist angenehm»

«Gomorrha»-Autor Roberto Saviano wird von der Mafia mit dem Tod bedroht. Nun will ihm der neue rechtspopulistische Innenminister Italiens den Polizeischutz entziehen.

Roberto Saviano ist nicht allein: «2016 wurden in Italien 412 Journalisten körperlich angegriffen, bedroht oder in ihrer Arbeit behindert», sagt er. Foto: Maki Galimberti (Laif)

Roberto Saviano ist nicht allein: «2016 wurden in Italien 412 Journalisten körperlich angegriffen, bedroht oder in ihrer Arbeit behindert», sagt er. Foto: Maki Galimberti (Laif)

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Der italienische Autor und Journalist Roberto Saviano, der sich mit der organisierten Wirtschaftskriminalität befasst, steht seit 2006 unter Polizeischutz. Damals hatte er das Buch «Gomorrha» veröffentlicht, in dem er die Praktiken des organisierten Verbrechens und dessen enge Verflechtung mit legalen Wirtschaftsstrukturen und der Politik detailliert beschrieb. Saviano steht seither auf der Todesliste der Camorra und erhält regelmässig Todesdrohungen.

Nachdem er in der vergangenen ­Woche die neue italienische Regierung im englischen «Guardian» scharf für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert hatte, reagierte Matteo Salvini, Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident Italiens, mit der Drohung, ihm den Polizeischutz zu entziehen. Salvini wörtlich: «Die zuständigen Institutionen werden beurteilen können, ob er irgendeinem Risiko ausgesetzt ist – auch weil ich den Eindruck habe, dass er viel Zeit im Ausland verbringt. Sie werden berechnen, wie die Gelder der Italiener ausgegeben werden sollen. Ich schicke ihm ein ­Küsschen.»

Die Empörung in Italien über diese Drohung ist gross, ­Salvini aber denkt nicht daran, zu dementieren. Saviano nannte ihn daraufhin auf Facebook «Minister der Unterwelt».

Das Facebook-Video von Roberto Saviano. Video: Facebook/Roberto Saviano

Der neue Innenminister Matteo Salvini der rechtsnationalen Partei Lega droht, Ihnen den Polizeischutz zu entziehen. Sein Vorgänger Marco Minitti empörte sich, das sei gar nicht möglich, es gebe strikte und transparente Regeln, wann in Italien Polizeischutz gewährt werde. Glauben Sie, dass Salvini seine Drohung trotzdem wahr macht?
Die wichtigste Aufgabe unserer nationalen Sicherheitsbehörde UCIS besteht ­darin, den Schutz für all jene zu organisieren, die durch Terrorismus oder organisierte Kriminalität bedroht werden. Matteo Salvini aber droht schon seit ­Jahren damit, mir den Personenschutz zu entziehen, sollte er jemals an die Macht kommen. Er tut so, als gehe es ihm dabei darum, Geld für die italienischen Bürger zu sparen. Wenn das der Fall wäre, sollte die Lega lieber die 50 Millionen an den italienischen Staat zurückzahlen, die sie in Form von erstatteten Wahlkampfkosten veruntreut hat. Als Folge davon sind heute die Konten der Lega gesperrt.

Sie nannten Salvini einen «skrupellosen Zyniker, dem man nicht das Recht einräumen darf, die Kräfte der Intoleranz im wahrsten Sinne des Wortes zu bewaffnen». Hat er darauf reagiert?
Matteo Salvini lacht sich ins Fäustchen. Er kann damit leben, wenn seine Partei als rassistisch bezeichnet wird. Haupt­sache, sie wird nicht als Diebesbande ­bezeichnet.

Sie haben geschrieben, Sie seien nur ein Instrument, mit dessen Hilfe Salvini den Rechtsstaat zerstören wolle. Wie meinen Sie das?
Personenschutz wird einem nicht aus persönlicher Sympathie gewährt und auch nicht aus persönlicher Antipathie entzogen. Eine Politik, welche die eigenen Anhänger begünstigt und die Opposition straft und ihr droht, negiert den Rechtsstaat. Wenn das passiert, tritt der Fall Roberto Saviano, auch wenn es mein eigener ist, in den Hintergrund im Vergleich zu dem prinzipiellen und viel grösseren Schaden, den so eine Regierung dem Staat zufügt.

In keinem anderen westlichen Land leben so viele Journalisten unter Polizeischutz wie in Italien. Wie viele sind es momentan?
Die Zahlen sind alarmierend. Laut Regierung standen im vergangenen Jahr 196 Journalisten unter Polizeischutz. Und 2016 wurden 412 Journalisten oder Blogger körperlich angegriffen, bedroht oder in ihrer Arbeit behindert. Wir haben untereinander ein enges Solidaritätsnetz geknüpft, und wir sind uns alle bewusst, dass eine Politik, die ausgerechnet diejenigen angreift, die über die Verbrecherorganisationen sprechen, das Spiel der Mafia mitspielt.

Sie sagten kürzlich, dass Sie seit zwölf Jahren Woche für Woche Todesdrohungen erhalten. Und Sie fügten hinzu, dass Sie diese Drohungen mittlerweile weniger fürchten als die Aussicht, für immer so weiterleben zu müssen wie momentan. Was ist das Schlimmste an Ihrem Leben unter Polizeischutz? Die Tatsache, dass Sie nie länger als zwei bis drei Nächte an ein und demselben Ort schlafen dürfen?
Mein Leben sieht seit zwölf Jahren so aus: Wenn ich hinausgehe, kann ich nicht einfach die Tür hinter mir zumachen. Ich muss erst die Carabinieri informieren, die sich um meine Sicherheit kümmern. Ich muss ihnen sagen, wen ich treffe und wo, weil sie dann erst einmal den Ort genau inspizieren müssen. Ich kann nie sagen: «Wart auf mich, ich bin in zehn Minuten da.» Bevor ich losgehen darf, vergehen mindestens zwei Stunden. Fahrten durch Italien werden noch viel länger im Voraus geplant, weil da jeweils lokale Sicherheitskräfte bereitgestellt werden müssen. Wenn ich ein neues Buch vorstelle, werde ich zu einer Art Paket, das von einem Auto ins nächste gereicht wird. Ich kenne Dutzende von Polizisten, die mich jeweils in Gewahrsam nehmen, wenn ich in ihre Stadt komme. Und wenn ich ins Ausland fahre, muss ich vorab jeden einzelnen Ort angeben, an dem ich mich um wie viel Uhr genau aufhalten werde – die ­Hotels, die Lesungsorte, die Restaurants, in denen ich essen werde. Wer von Ihnen weiss, was er am Abend des fünften Tages einer Urlaubsreise um 21 Uhr machen wird? Ich muss so etwas wissen. Einige tun so, als sei es ein Privileg, so leben zu müssen. Ich bin noch nicht mal 40 und lebe so seit meinem 26. Lebensjahr. Ich kann Ihnen versichern, dass nichts an diesem Leben unterhaltsam oder angenehm ist.

«Ich kann nie sagen: ‹Wart auf mich, ich bin in zehn Minuten da.› Bevor ich losgehen darf, vergehen zwei Stunden.»

Im Netz gibt es unter dem Hashtag #savianononsitocca – Saviano wird nicht angerührt – eine grosse internationale Solidaritätswelle für Sie. Wie reagiert Italien auf Matteo Salvinis Ankündigung?
Die sozialen Medien sind nicht wirklich bezeichnend für die Stimmung im Land, das Fernsehen hat in Italien immer noch eine enorme Macht. Und heute hat es mehr denn je die Pflicht, zu informieren. Beispielsweise über die Menschen, die hier in Italien ankommen. Über die Hölle, die sie durchlitten haben und in der sie immer noch leben. Über all die Migrantenfamilien, die es geschafft ­haben, sich im Lauf der Jahre hier gut zu integrieren. Die traditionellen Medien erreichen immer noch das hinterletzte Dorf, und sie geniessen enormes Vertrauen. Also müssen sie auch ihren Job richtig machen. Das heisst, sie müssen ausgewogen berichten und denen eine Stimme geben, die selber keine haben und die die eigentlichen Opfer der Desinformationskampagnen sind – indem sie zur Zielscheibe der Grausamkeit werden.


Bilder: Die wichtigsten Köpfe der neuen Regierung


Matteo Salvini sagt, Italien müsse «gereinigt» werden, «Haus für Haus, Strasse für Strasse». Er ist in der EU nicht mehr alleine mit solcher Hassrhetorik. Wie erklären Sie sich diese Welle aus Hass, Fake News und xenophobem Nationalismus, die mittlerweile durch ganz Europa schwappt?
Die Wirtschaftskrise tötet alle Unbeschwertheit ab. Sie vergiftet jeden Einzelnen und unser Gemeinwesen. Alle sind gehetzt – und das bisschen Zeit, das bleibt, nutzt man dann lieber für griffige Slogans als dazu, sich wirklich in die Probleme zu vertiefen. Slogans aber ­wirken sofort. Und sie profitieren von der Wut all der vielen Millionen Menschen, die leiden, weil sie von der Politik und den Institutionen tatsächlich ­völlig im Stich gelassen wurden – und das so lange schon, dass diese Leute ­alles akzeptieren, was ihnen das Gefühl vermittelt, dass endlich einmal alles über den Haufen geworfen wird. Und dann haben sie sofort das Gefühl, etwas gutzuhaben: In Italien lautet der Slogan zu diesem Gefühl #primagliitaliani, also «Die Italiener zuerst». Andernorts werden andere Parolen gemünzt; und während die hier strandenden Migranten ­angegriffen werden, verschlechtern sich auch die Lebensbedingungen für alle ­Migranten, die schon in Italien leben.

Freuen sich all die mafiösen Clans eigentlich über die neue Regierung?
Wenn das organisierte Verbrechen für die Regierung keine Priorität hat, erstarkt es und kann sich neu organisieren. In unserem berühmten Regierungsvertrag, den Lega und Cinque Stelle ­gemeinsam unterschrieben haben, taucht das Wort «Mafia» nur ein einziges mal auf. Und das auch nur ganz am Rande, in Klammern.

Gibt es direkte Verbindungen zwischen Matteo Salvini und dem organisierten Verbrechen?
Matteo Salvini wurde am 4. März in der Kleinstadt Rosarno gewählt. Die liegt im tiefsten Kalabrien. Er wurde also von Menschen gewählt, die in einer Gegend leben, die von der ’Ndrangheta verwüstet wurde. Am 17. März, nur wenige Tage nach der Wahl, kam Salvini zu einer Kundgebung nach Rosarno. In den ersten Reihen sassen Männer aus dem Clan der Bellocos und Leute, die verwandt sind mit den Pesces, einer anderen ’Ndrangheta-Familie. Und was macht Salvini? Er sagt: «Wofür ist Rosarno ­bekannt? Für seine Elendsviertel.» Das Problem für den italienischen Innenminister ist ein migrantisches Armenviertel und nicht die ’Ndrangheta, die die Elendsviertel von Rosarno kontrolliert.

Sie haben vorhin beschrieben, dass das Leben unter Polizeischutz mobiler Einzelhaft gleicht. Kürzlich hat Mario Calabresi, der Chefredaktor der «Repubblica», beschrieben, wie gelöst und heiter Sie waren, als er Sie einmal in New York erlebte, und wie bedrückt, nervös und grau Sie dagegen in Mailand auf ihn wirkten. Könnten Sie sich vorstellen, ins Exil zu gehen?
Italien ist mein Heimatland, ich schaffe es einfach nicht, wirklich daran zu denken, für immer wegzugehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2018, 20:23 Uhr

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Roberto Saviano

Der investigative Autor

1979 als Sohn eines Arztes in Neapel geboren, musste Roberto Saviano erleben, wie sein Vater im Auftrag der Camorra zusammengeschlagen wurde, weil er ein Camorra-Opfer verarztet hatte. Saviano studierte Philosophie und arbeitet als Journalist für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Er hat rund zehn Bücher veröffentlicht, Reportagen und literarische Werke. Der Fokus seiner Arbeiten ist die organisierte Wirtschaftskriminalität. 2006 veröffentlichte er die Doku­fiktion «Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra», die über 10 Millionen Mal verkauft, in zahlreiche Sprachen übersetzt, preis­gekrönt und auch verfilmt wurde. Seit Erscheinen des Buches lebt der italienische Autor mit seiner Familie unter ständigem Polizeischutz. (Red)

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