Nach dem Untergang des Bildungsbürgertums

Der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss hat einen faszinierenden Essay über das weltanschaulich-politische Schicksal der Achtundsechziger verfasst. Heute stellt er «Nach den grossen Erzählungen» in Zürich vor.

Besetzung des Zürcher Globus-Provisoriums im Sommer 1968.

Besetzung des Zürcher Globus-Provisoriums im Sommer 1968.

(Bild: Keystone)

Zum 40-Jahr-Jubiläum der 68er-Bewegung sind ganze Bibliotheken an Bewältigungsliteratur erschienen. Zu diesem Genre würde man das neue Buch von Beat Wyss nur bedingt zählen wollen. «Nach den grossen Erzählungen» handelt primär von den philosophischen Leitdiskursen, welche die Geisteswissenschaften über die letzten Jahrzehnte dominiert haben. Die Auslotung der Tiefenströme des Zeitgeistes rekonstruiert aber nicht nur den intellektuellen Werdegang einer ganzen Generation. Mit Klarsicht zeichnet der Autor, der anno 1968 an der Universität Zürich sein Studium der Kunstgeschichte begann, den politischen und ideologischen Mentalitätswandel unserer Epoche nach.

Siegeszug der Technokraten

«Das Ende der grossen Erzählungen» ist ein Schlagwort, das von dem Philosophen Jean-François Lyotard geprägt worden ist. Es bezeichnet den Glaubwürdigkeitsverlust umfassender Welterklärungssysteme wie etwa des Marxismus oder der hegelschen Geschichtsphilosophie und den Siegeszug des technokratischen Expertenwissens. Im 19. Jahrhundert mochte Hegel, der sich als Universalphilosoph verstand, als Urtypus des «master of the universe» gegolten haben. Heute sind blasse Mathe-Cracks in diese Rolle geschlüpft, welche Milliarden verdienen bzw. die Weltwirtschaft in den Sand setzen, aber nicht den Anspruch stellen, mehr von dieser Welt zu verstehen als ihre komplexen ökonomischen Modelle. Auf die Welterklärungssysteme der Moderne, d. h. des 19. und 20. Jahrhunderts, folgte laut Lyotard die technokratische Effizienz – und die Beliebigkeit der Postmoderne.

Aus diesem Befund leitet Wyss nun die historische Entwicklung ab, welche für die 68er-Generation die Hauptherausforderung gewesen sein soll: der Untergang des Bildungsbürgertums.

Suche nach neuen Meistern

Der Bildungsbürger, so wird die lyotardsche These zugespitzt, war der letzte Repräsentant des modernen Glaubens an Kunst, Geist und Geschichte. Indem die 68er gegen die Bildungsbürgerlichkeit revoltierten, wurden sie deshalb zu Wegbereitern der Postmoderne. Unter dem Banner der amerikanischen Popkultur, so Wyss, vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg die definitive massenkulturelle Wende. Die 68er spielten dabei eine wichtige Rolle: «Bei allem Antiamerikanismus, den die Protestbewegung an den Tag legte: Kulturell war sie die Erfüllungsgehilfin der Amerikanisierung.»

Allerdings war die Demontage eines als tyrannisch empfundenen Traditionszusammenhanges ein anspruchsvolles Unterfangen. Vor Erreichung eines die freie Marktwirtschaft flankierenden kulturellen Anything-Goes musste eine Zwischenetappe eingelegt werden, welche die Intellektuellen einer ganzen Generation beschäftigen sollte. Auf die grosse bürgerliche Erzählung folgte nicht die antiautoritäre Befreiung. Es folgten die neuen Meisterdenker, allen voran Marx und Freud, dann die Erbwalter der Frankfurter Schule und schliesslich die französischen Poststrukturalisten.

«Ihr Revolutionäre seid auf der Suche nach neuen Meistern. Ihr werdet sie finden!» Diesen prophetischen Satz hat Jacques Lacan einem Vorlesungssaal voller protestlustiger Studenten entgegengeschleudert, bevor er hinausstapfte und das Auditorium seinen unbewussten Unterwerfungsfantasien überliess. Es ist dieselbe Diagnose, die Wyss im Rückblick noch einmal stellt. Explizit will er die schulgebenden Texte der 60er- und 70er-Jahre «auf die Couch» legen, um das «kollektive Unbewusste» der Epoche zum Vorschein zu bringen. Dabei dekonstruiert Wyss seine eigenen Überväter, verleugnet aber nicht seine intellektuelle Herkunft. Die kulturpessimistische Grundfärbung, die psychoanalytische Hellhörigkeit, der dekonstruktivistische Ansatz: All dies hat der Autor bei eben jenen Meisterdenkern gelernt, die er nun einer tabulosen Kritik unterwirft.

Von der Messe in die Revolte

Allerdings rebelliert Wyss gegen den «Tod des Autors», den der Strukturalismus in den 70er-Jahren postuliert hat. Hinter der Forderung, von der Subjektivität eines Autors sei abzusehen, wittert er wiederum das Bedürfnis nach Verdrängung. Also beginnt er selber mit der anekdotischen Erzählung seines privaten Lebensweges, der von Luzern, wo Wyss als Messdiener und Schüler am humanistischen Gymnasium mit dem harten Brot der alteuropäischen Überlieferung genährt wurde, direkt ins «Kapital»-Seminar und die revolutionären Zellen an der Universität Zürich führte. Dort schien allerdings auch kein freierer Atem zu wehen als in der Sakristei der Luzerner Jesuitenkirche.

Kronzeuge für das Ende der grossen Erzählung ist Theodor W. Adorno. Wyss situiert ihn als Grenzfigur: «Als letzter Modernist ragt Adorno in die Postmoderne.» Einerseits blieb der Frankfurter Philosoph erfüllt von einem «wie auch immer gebrochenen Pathos schillerscher Erziehung». Andererseits setzte er seine ganze Kraft in die Zertrümmerung des deutschen Idealismus. Einerseits galt Adornos Leidenschaft der esoterischen schönbergschen Zwölftonmusik. Andererseits verstand er sich als marxistischer Sozialforscher.

Wyss liefert nicht nur eine souveräne Darstellung der adornoschen «Zerrissenheit». Es gelingt ihm auch, die «Ästhetische Theorie» in den Kontext ihrer Zeitgeschichte zu stellen. In einer ketzerischen Parallelmontage vergleicht er Adornos Denken mit der Kunsttheorie des amerikanischen Malers Barnett Newmann. Auch dieser Exponent des sogenannten Abstract Expressionism ist ein später Vertreter des jüdischen Bildungsbürgertums. Wie Adorno unterhielt Newmann ein existenzielles, abgründiges Verhältnis zur Kunstwahrheit. Der Abstract Expressionism wurde von der Pop-Art abgelöst, genau wie Adorno vom Postmodernismus.

Vor allem aber wurde Adorno zum «Scheissliberalen» erklärt von seinen eigenen Studenten. Der elitäre Professor war nicht tauglich als ästhetisches Leitgestirn der deutschen Revolutionäre. Diese Rolle sollte Joseph Beuys übernehmen. Am Beispiel von Beuys treibt Wyss die Demontage des 68er-Erbes auf ihre polemische Spitze: Es ist heute bekannt, dass Beuys ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Vergangenheit als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat unterhielt, dass er es bei der biografischen Selbststilisierung mit der Wahrheit nicht genau nahm und dass er eine Neigung hatte, seine Symbolsprache der deutschen Militärgeschichte zu entleihen.

Wyss interpretiert die Beuys-Begeisterung seiner Generationsgenossen wiederum als Verdrängungssymptom. Die deutschen 68er haben sich unbewusst mit den 33ern identifiziert. Sie handelten in der Gewissheit, die «Faschisten» zu bekämpfen. Aber ihr Aufbegehren gegen die Väter führte zu einer untergründigen Identifikation mit dem Bildersturm, den in den 30er-Jahren ihre Grossväter vollführt hatten. Dass die Schamanengeste bei Beuys etwas Harmloses, ja Ulkiges hatte, beweist, dass die Tragödien der Geschichte sich als Farce wiederholen. Diese Einsicht, die trotz allem Karl Marx geschuldet ist, zieht sich wie ein Leitmotiv durch Wyss' Essay.

Texte und Politik

Es ist die Verknüpfung der magistra- len Lektüre grosser Texte mit den Niederungen der politischen Zeitgeschichte, welche dem Essay sein erhellendes Irritationspotenzial verleiht. So schlägt er etwa eine Brücke zwischen der Semiotik von Umberto Eco und dem «compromesso storico» von Kommunisten und Christdemokraten im Italien der 70er-Jahre. Oder er stellt Foucaults «Überwachen und Strafen» in den Kontext des «deutschen Herbstes».

Wyss beschliesst seinen Essay mit einem Plädoyer für die empiristische «Dekolonisierung des Denkens». Da es den Stand der Unschuld und der Voraussetzungsfreiheit nicht gibt, sollte Geisteswissenschaft weniger um den Erhalt der reinen Lehre als um die Erkenntnis der Dinge selbst bemüht sein. Das ist ein bescheidenes Fazit. Aber keines, das sich von selbst versteht.

Heute Montag, 3. 5., stellt Beat Wyss seinen Essay in der Buchhandlung am Helvetiaplatz vor. Beginn 19.30 Uhr, Moderation Daniel Binswanger.

Tages-Anzeiger

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