Mord und Melancholie am Meer

Krimi der Woche: «Fischzug», das Debüt des Australiers Jock Serong, ist eine gelungene Mischung aus tristem Kleinstadtkrimi und Justizthriller.

Jock Serong, Jahrgang unbekannt, war ein erfolgreicher Anwalt und Strafverteidiger, der die Rechtswissenschaften zugunsten des Schreibens aufgab. Bild: Rowena Naylor

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Der erste Satz

«Mr. Jardim: Euer Ehren, ich danke Ihnen für die Möglichkeit, während der Mittagspause mit meiner Klientin zu sprechen.»

Das Buch
Charlie Jardim ist ein junger Jurist, der sich nicht beherrschen kann, wenn ihm jemand blöd kommt. Und sei es ein Richter während einer Verhandlung. Nachdem er «Euer Ehren» als «herzlosen alten Drecksack und Trunkenbold» beschimpft hat, wird er aus dem Gerichtssaal abgeführt. Aber ein alter Förderer bei der Staatsanwaltschaft gibt ihm trotzdem wieder einen Auftrag. In einem abgelegenen Fischerdorf soll er den Bruder eines auf einem Fischkutter Erschossenen nochmals befragen, da die Zeugenaussage offensichtlich nicht den Tatsachen entspricht.

So beginnt der erste Krimi eines auf Deutsch jetzt zu entdeckenden Autors aus Australien: Jock Serong war ein erfolgreicher Strafverteidiger, bevor er sich aufs Schreiben verlegte. Neben Büchern, inzwischen vier, schreibt er vor allem Beiträge für Surfer-Zeitschriften. Dass er das Meer kennt und liebt, merkt man bei der Lektüre von «Fischzug» immer wieder, und auch die Fischerei, die im Mordfall eine Rolle spielt, ist ihm nicht fremd – er ist seit vielen Jahren in einem Ort am Meer im Süden Australiens zu Hause, in dem die Menschen vor allem vom Fischfang leben.

In genau so eine Kleinstadt schickt er Charlie Jardim. Schon der Weg dahin ist beschwerlich. Unterwegs fährt er in der regnerischen Nacht ein Känguru an, das so stark verletzt ist, dass er es töten muss. Einmal angekommen, erweist sich Charlies Aufgabe als ziemlich schwierig. Niemand will mit dem Fremden aus der Stadt reden, der sich tagelang im Ort herumtreibt und sich abends im Pub volllaufen lässt.

«Er hatte genug gesehen und gehört. Die kleine Stadt hatte sich ihm enthüllt und dabei absolut nichts preisgegeben.» Serong wirft einen genauen Blick auf das Kleinstadtleben. Jeder kennt hier jeden, was aber nicht heisst, dass man sich mag. Es gibt Rivalitäten und Feindschaften. Es gibt die, die etwas zu sagen haben. Und es gibt Underdogs. Eine Familie wurde reich und beherrscht den Ort. Einer ihrer Söhne ist des Mordes angeklagt. Beim Mordmotiv spielen Drogenhandel und illegaler Fischfang eine Rolle.

Dann geht es zurück nach Melbourne, in den Gerichtssaal, wo der Autor die taktischen Spiele und verbalen Spitzfindigkeiten, die den Strafprozess prägen, unerbittlich vorführt. Wie im ganzen Roman hält sich auch da die Spannung in Grenzen. Aber diese braucht der stimmungsvolle und mitunter ganz schön melancholische Kriminalroman auch gar nicht. Ob die beiden Angeklagten nun schuldig gesprochen werden oder nicht: Nicht nur Charlie Jardim, sondern auch andere Beteiligte sind am Ende nicht mehr dieselben Menschen wie am Anfang der Geschichte.

Die Wertung

Der Autor
Jock Serong, Jahrgang unbekannt, war ein erfolgreicher Anwalt und Strafverteidiger in Australien, bevor er die Rechtswissenschaften zugunsten des Schreibens aufgab. Seine Karriere als Autor begann mit einem Beitrag für ein Surfer-Magazin. Er war Redaktor der inzwischen eingestellten Zeitschrift «Great Ocean Quarterley» und schreibt für australische Magazine wie «Surfing World», «Australian Surf Business» und «Slow». Für seinen ersten Roman «Quota» (2014), der jetzt als «Fischzug» auf Deutsch erschienen ist, wurde er mit dem renommierten australischen Krimipreis Ned Kelly Award für den besten Erstling ausgezeichnet. Inzwischen hat er drei weitere Bücher veröffentlicht: «The Rules of Backyard Cricket» (2016), «On the Java Ridge» (2017) und «Preservation» (2018). Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Port Fairy, einem Fischerort rund 300 Kilometer westlich von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria.

Jock Serong: «Fischzug» (Original: «Quota», The Text Publishing Company, Melbourne 2014). Aus dem Englischen von Robert Brack. Polar-Verlag, Stuttgart 2018. 299 S., ca. 26 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2018, 13:02 Uhr

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