Lug und Trug beim britischen Secret Service

Krimi der Woche: saukomisch und voller brillanter Dialoge: «Slow Horses» von Mick Herron ist der Auftakt zu einer aufregenden britischen Agentenromanserie.

Mick Herrons Politthriller bietet mehr als kurzweilige Satire. Er wirft die Frage auf, welche Rolle Geheimdienstler in der Zeit nach dem Kalten Krieg spielen.

Mick Herrons Politthriller bietet mehr als kurzweilige Satire. Er wirft die Frage auf, welche Rolle Geheimdienstler in der Zeit nach dem Kalten Krieg spielen. Bild: Alberto Venzago/Diogenes Verlag

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Der erste Satz

Und so kam River Cartwright von der Überholspur ab und geriet zu den Slow Horses.

Das Buch
Aus welchen Gründen auch immer – zum Beispiel «wegen Drogendelikten, Trunkenheit und Bestechlichkeit, aus politischen Gründen oder wegen Betrugs, wegen Depression und Zweifeln und der unverzeihlichen Nachlässigkeit, einen Mann in einer U-Bahn-Station nicht daran gehindert zu haben, sich selbst in die Luft zu sprengen» – in Ungnade gefallene Mitarbeiter des britischen Inlandgeheimdienstes MI5, die man nicht einfach entlassen kann, weil sie zu viel wissen, werden unter das Kommando von Jackson Lamb ins sogenannte Slough House, was man als Drecksloch übersetzen kann, abgeschoben. Von den Kollegen im Hauptsitz am Regent’s Park werden sie als «Slow Horses», lahme Gäule, verspottet.

«Slow Horses» ist der Titel des ersten Bandes einer Agentenserie des englischen Autors Mick Herron, die nun, acht Jahre nach dem Start, erfreulicherweise auch auf Deutsch erscheint. Viel zu tun haben die abgeschobenen Agenten nicht, was sie tun müssen, ist langweilig. Die meisten gieren nach einer Möglichkeit, sich für die Rückkehr unter die «richtigen» Agenten am Park zu qualifizieren.

Eine Möglichkeit dafür wittern sie, als eine rassistische Splittergruppe einen jungen Briten mit pakistanischen Wurzeln, einen Betriebswirtschaftsstudenten, der Comedian werden möchte, entführt und ankündigt, ihn in 48 Stunden mit Liveübertragung im Internet zu enthaupten. Doch schnell stecken die Slow Horses mitten in einer dreckigen Geschichte, die ihnen angehängt werden soll. Jackson Lamb, ein mit allen Tricks und Kniffen vertrauter Agent der alten Schule, der etwas verwahrlost wirkt und deshalb gerne unterschätzt wird, sieht schnell, wie das Spiel läuft und schaltet von «Moskauer Regeln» auf «Londoner Regeln» um: «Wenn Moskauer Regeln bedeuten, dass man für Rückendeckung sorgen musste, bedeuten Londoner Regeln, dass man seinen Arsch retten musste. Die Moskauer Regeln waren auf den Strassen geschrieben, doch Londoner Regeln in den Korridoren von Westminster ausgetüftelt worden, und die Kurzversion besagte: Irgendjemand muss immer bezahlen. Schau zu, dass nicht du es bist.»

Es geht um politische Spiele, um Lug und Trug. «Slow Horses» ist dabei very British: saukomisch und voller brillanter Dialoge. Dabei ist der Politthriller aber mehr als eine kurzweilige Satire, er befasst sich im Grunde mit der schwieriger zu definierenden Rolle der Geheimdienstler in der Zeit nach dem Kalten Krieg. Er handelt auch davon, dass heute jede und jeder nur darauf aus ist, selbst gut dazustehen. Und das schon mal mit komplett irren Aktionen zu erreichen versucht.

Die Wertung

Der Autor
Mick Herron, geboren 1963 in Newcastle-upon-Tyne, studierte Englische Literatur in Oxford. Sein erster Roman war 2003 der erste Band einer Reihe um die Privatdetektivin Zoë Boehm in Oxford, von der bis 2009 vier Bände erschienen. 2010 startete er mit «Slow Horses» die Slough-House- bzw. Jackson-Lamb-Serie, in der 2019 der sechste Roman erscheinen wird. Die Serie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Herron veröffentlichte zudem drei Romane ausserhalb seiner Serien. «Slow Horses» ist sein erstes Buch, das auf Deutsch erscheint. Mick Herron lebt in Oxford.

Mick Herron: «Slow Horses» (Original: «Slow Horses», Constable & Robinson, London 2010). Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes, Zürich 2018. 472 S., ca. 32 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2018, 14:47 Uhr

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