«Interessante Unklarheiten»

Rezension

Ebene Wellen, skalare Felder und Raumzeitpunkte: Der neue Suhrkamp-Band «Philosophie der Physik» überfordert den Laien. Die Lektüre lohnt sich dennoch.

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Was war zuerst? Der faule Leser oder der eilfertige Verleger? So oder so, die Tendenz ist offensichtlich: Hörbücher, gnadenlose Komprimationen à la «Rilke für Gestresste» oder «Goethe in zehn Minuten» und in Häppchen filetierte Romane sollen den vielfach umschwärmten und tausendfach abgelenkten Medienkonsumenten zur Lektüre animieren.

«Philosophie der Physik» ist da ganz anders, widerspenstig und ungestalt. In zwanzig zwanzigseitigen Aufsätzen analysieren, meditieren, reflektieren Philosophen und Physiker; ihre grossen Themen heissen Raumzeit, Quantenmechanik und Kosmologie. Hauptsächlich beschäftige sich der Sammelband, so Herausgeber Michael Esfeld im Vorwort, mit der «Interpretation der fundamentalen physikalischen Theorien», der Quantentheorie und der allgemeinen Relativitätstheorie also. Esfeld sieht die Beiträger in einer ehrwürdigen Tradition, die von Aristoteles über Descartes und Leibniz bis zum philosophierenden Physiker Einstein reicht.

Ja, dieses Buch könne anstrengend sein, den detaillierten Argumentationen zu folgen sei nicht immer einfach, sagt Adrian Wüthrich, Post-Doktorand der Uni Bern, physik-versierter Philosoph und einer der Autoren des Sammelbands. Sein Beitrag heisst «Zur Anwendung und Interpretation der Feynman-Diagramme»; Wüthrich erörtert die Frage, welche Rolle die Diagramme des US-Physikers bei der Erarbeitung physikalischer Erkenntnisse spielen können – als Ergänzung oder Alternative zu Formeln.

Anstrengung und Poesie

Überforderung ist das dominierende Gefühl während der Lektüre von «Philosophie der Physik». Der Leser versucht, Erkenntnisreste jener fernen Schulnachmittagsstunden zu aktivieren, an denen er stoisch dösend die Physik-Lektionen an sich hatte vorüberziehen lassen, überbrückt abenteuerlich seine Wissenslücken und müht sich, der verwinkelten Argumentation zu folgen. Kurz: er strengt sich an.

Das ist der grosse Gewinn, den man aus der Lektüre zieht: «Philosophie der Physik» ist Gymnastik für den Geist. So wie der Muskelmann seine Hantel wird der Leser irgendwann diesen Suhrkamp-Band erschöpft sinken lassen; doch die nächste Lektüre, ob nun «Philosophie der Physik» oder ein anderes Buch, wird ihm bereits ein klein wenig leichter fallen.

Und wenn das Verständnis brüchig geworden oder bereits abhanden gekommen ist, dann bleibt da noch diese eigentümliche Poesie, die hervorgerufen wird durch den Versuch, physikalischen Begebenheiten und Ereignissen mit Text statt Formeln beizukommen. Wenn von skalaren Feldern, virtuellen Zwischenständen, Raumzeitpunkten oder ebenen Wellen die Rede ist, dann ähnelt das Lesegefühl irgendwann ganz unvermittelt einer Science-Fiction-Lektüre.

«Interessante Unklarheiten» könnten durch eine «explizite, ausführliche Formulierung physikalischer Erkenntnisse und Reflexion zu Tage gefördert werden», erklärt Wüthrich. Es sind ebendiese «interessanten Unklarheiten», die «Philosophie der Physik» so anstrengend und so anregend zugleich wirken lassen.

DerBund.ch/Newsnet

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