Berner Literatur

Ich denke, also bin ich nicht

Heinz Helle studierte Philosophie und arbeitete als Werbetexter: Der Absolvent des Literaturinstituts in Biel wird für seinen Debütroman «Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin» vom Kanton Bern ausgezeichnet.

Da ist dieses kleine Wesen, das entdeckt jetzt die Welt: Der gebürtige Münchner Heinz Helle mit seiner Tochter.

Da ist dieses kleine Wesen, das entdeckt jetzt die Welt: Der gebürtige Münchner Heinz Helle mit seiner Tochter. Bild: zvg

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Ein langsamer Mensch sei er, sagte Heinz Helle Ende Mai in der Säulenhalle des Solothurner Landhauses von sich. Er sass da, in sich ruhend, im weissen T-Shirt, mit Bart und kurzem, dunkelblondem Haar. Da war nicht die Spur einer Inszenierung als Dichter feststellbar, es sei denn, man glaubt gerade im gänzlichen Fehlen entsprechender Attribute eine besonders raffinierte Selbstdarstellung zu erkennen.

Ruhig hob er an zu lesen, gedehnt und fast monoton die Stimme, um allmählich das Tempo zu beschleunigen, der Sprachrhythmus wurde gehetzter, die Ich-Figur kommt in New York an, registriert die Umgebung mit einer zwanghaft anmutendem Präzision, unterschiedslos, fast automatenhaft. Er sagt Sätze wie «Mein Problem ist die Frage, wieso wir etwas erleben» oder «Mein Problem ist die Frage, wie eine wissenschaftliche Theorie aussehen müsste, die unser Bewusstsein erklärt».

Schnell wird klar, dass diesem namenlosen «Helden» etwas fehlt, eine Art Kompass, mit dessen Hilfe er durch den Bewusstseinsstrom navigieren könnte. Was ihn beruflich beschäftigt, die Frage nach dem Wesen des Bewusstseins, überträgt er auf seine eigene Existenz, er schaut sich von aussen zu beim Amoklauf seiner Gedanken, er macht sich selbst zum Fall und diagnostiziert ein «analytisches Tourette-Syndrom».

Der 36-jährige gebürtige Münchner Heinz Helle las im Rahmen der Solothurner Literaturtage aus seinem Debütroman mit dem fulminanten Titel «Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin». Der Inhalt ist schnell erzählt: Ein deutscher Gaststudent fliegt von München nach New York; dort arbeitet der Philosoph an einem Vortrag über menschliches Bewusstsein. In Rückblenden erfahren wir, wie er und seine Freundin zusammenkamen. Sie besucht ihn in New York, sie machen Ausflüge, und am Ende des Aufenthaltes trennen sie sich. Statt seinen Vortrag zu halten, schweigt er schliesslich vor seinen Zuhörern und hat, während sich im Auditorium Empörung breitmacht, eine Art Erleuchtung. Er begreift, «wie überheblich es ist, davon auszugehen, ein Gehirn sei etwas Besseres als diese kreisende Staubkörner» vor der Lampe des Projektors.

Die Musikalität schafft den Inhalt

Einige Tage nach der Lesung sitzt Heinz Helle mit seiner kleinen Tochter auf einer Parkbank im Viktoriapark in Berlin. Im Hintergrund hört der Anrufer aus Bern fröhliches Gezwitscher der Vögel. Bis Ende August lebt Helle mit seiner Familie in Berlin. Hauptwohnsitz ist aber nach wie vor Biel, wo er am Literaturinstitut studiert und auch seine Ehefrau Julia Weber kennen gelernt hat.

Mit seinem Protagonisten verbindet Helle, dass auch er mit einem Stipendium nach New York ging. Er arbeitete dort an einer Dissertation über zwei zeitgenössische amerikanische Bewusstseinsphilosophen. «Ich merkte jedoch bald, dass mir dieses wissenschaftliche Arbeiten nicht liegt.» Bereits während des Studiums habe er davon geträumt, erzählt Helle, einen sprachlichen Ausdruck dafür zu finden, «was mich philosophisch beschäftigt». In der Prosa, so spürte er, konnte er diese in seinem Fach kühl und analytisch verhandelten Fragestellungen intuitiver und wahrhaftiger angehen.

In der Philosophie sind das natürlich grosse, ewige Fragen wie das klassische Leib-Seele-Problem. Ein komplexes Problem auf eine griffige Botschaft reduzieren: Das hat Helle auch als Werbetexter gemacht. So erfand er einmal für eine Lebensversicherung den Slogan: «Man muss nicht da sein, um für jemanden da zu sein.» Zu dieser Zeit war er bereits in Biel am Literaturinstitut immatrikuliert, aber noch nicht in die Schweiz umgezogen: «Ich hatte intensiven Mail-Kontakt mit einer Dozentin, und sie sagte einmal etwas in dieser Richtung, das ich dann leicht abgewandelt als Werber benutzen konnte.»

Mit der Werbung als zweitem Standbein verdiente er sich seinen Lebensunterhalt und sah sich in einer paradoxen Situa­tion. In der Werbung ging es darum, Dinge verständlich auszudrücken, die ihm nichts sagten. In der Philosophie war es umgekehrt. «Da ging es um Dinge, die mir etwas bedeuteten, die ich aber nicht verstand. Daraus entstand der Wunsch, einen eignen Weg zu finden, um darüber etwas zu sagen.» Auf diesem Schreibweg sind Inhalte für ihn zweitrangig; an erster Stelle steht die Musikalität der Sprache, die sich in seinem Roman etwa in suggestiven, parataktischen Satzreihungen äussern kann. Der Ausgangspunkt sei bei ihm stets ein Klang, ein bestimmter Tonfall: «Von da aus versuche ich in die Handlung und in die Figur hineinzukommen.»

Die Angst des Tormanns

Heinz Helle hat den Übergang vom Literaturstudenten zum viel beachteten Schriftsteller mühelos geschafft. Am Bachmann-Wettbewerb gewann er im vergangenen Jahr mit einem Auszug aus dem Romanmanuskript den Ernst-Willner-Preis, und dann kam er sogar bei Suhrkamp unter, seinem absoluten «Traumverlag». Suhrkamp verlege halt auch Bücher, die etwas schwieriger und nicht so marktgängig seien, sagt Helle und fügt trocken hinzu: «Ein Bewusstseinsphilosoph, der an der Liebe scheitert, das klingt ja zuerst nicht so massentauglich.»

Potenziell massentauglicher ist indes der Umstand, dass es in Heinz Helles Roman auch um Fussball geht. Der Roman beginnt und endet mit einem Fussball­spiel. Im Prolog wird ein kleiner Junge, wahrscheinlich der Ich-Erzähler, vom Verteidiger zum Torhüter umfunktioniert, «und plötzlich denkt er, dass er vielleicht nur denkt, dass er keine Angst hat». Prompt lässt er acht Tore rein. Die Angst des kleinen Tormanns vor dem Versagen und die spätere Suche des Protagonisten nach der wahren Empfindung in einer fragmentierten Wirklichkeit: Einen Ausweg aus dem Ich-Gefängnis weist Helle seinem Helden in der Gemeinschaft von Fussballfans, die, so unterschiedlich sie auch sind, vereint sind durch den Ball als zentralen Fluchtpunkt im Universum.

Heinz Helle ist selber ein grosser Fussballfan und von der gesellschaftlichen Bedeutung des Fussballs überzeugt: «Wir alle werden in den nächsten Wochen dieses vorübergehende Aufleben der Vaterlandsliebe wieder an uns selber erleben, dem folgt dann ein Kater und eine gewisse Müdigkeit, das ist auch gut so.»

«Am Ende ist er glücklich»

Wenn die Rede auf seine literarischen Vorbilder kommt, dann fällt vor allem ein Name: Don DeLillo («Underworld»). Den amerikanischen Romancier verehrt Helle. Von DeLillo stamme ein Aussage zu seiner Arbeitsweise, die er auch unterschreiben könne. Der Rhythmus eines Satzes sei entscheidend. Wenn eine Silbe fehle, müsse man eben das Wort ändern, auch wenn das Folgen für die Bedeutung des Satzes habe.

Die Reaktionen auf seine Figur, die zuweilen an Michel Houellebecqs egomanisch-narzisstisches Personeninventar oder an Albert Camus’ «Fremden» erinnern, fallen ganz unterschiedlich aus. Einerseits gebe es viel Ablehnung, sein Chauvinismus und seine Charakterlosigkeit würden kritisiert, «aber dennoch folgen ihm auch Menschen», hat Helle beobachtet, «die ihn überhaupt nicht mögen». Ein Moderator an der Buchmesse in Leipzig habe sich persönlich angesprochen gefühlt und eine starke Identifikation mit der Figur eingeräumt.

Hat sich Heinz Helle bewusst vorgenommen, einen bestimmten, über den Einzelfall hinausweisenden Typus zu gestalten? «Es war natürlich meine Hoffnung, dass viele Menschen sich mit der Figur identifizieren können.» Und tatsächlich entwickelt dieses Buch einen starken Sog, der die klinische Beschreibung einer von Sprachskepsis und Wirklichkeitsverlust geprägten psychischen Krise weit hinter sich lässt. Helles «Held» mag Züge einer Borderline-Persönlichkeit tragen, in seinem beruflichen und privaten Scheitern liegt auch der Keim eines Neubeginns. Helle selbst ist zuversichtlich für seine Figur: «So wie ich ihn sehe, ist er am Ende glücklich. Was er dann weiter macht, spielt in dem Moment keine Rolle.» Die Vögel im Viktoriapark zwitschern, als ob sie ihm beipflichteten.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.06.2014, 08:58 Uhr

Kantonale Literaturpreise

Die Gewinner der Literaturpreise des Kantons Bern sind 2014 neben Heinz Helle auch Christoph Geiser, Marie-Luise Könneker, Henriette Vásárhelyi und Peter Weibel.

Nebst den mit 10'000 Franken dotierten Literaturpreisen vergibt die Jury dieses Jahr auch eine Ehrengabe für Literaturvermittlung an Peter Rusterholz. Der emeritierte Germanistikprofessor hat während 30 Jahren im Rahmen der Ringvorlesung Collegium Generale der Universität Bern mehr als 100 literarische Lesungen organisiert. Den Prix Trouvaille erhält Bettina Gugger. Im November gehen die Preisträgerinnen und Preisträger auf eine Lesereise durch den Kanton Bern. Die «Literatour» dauert vom 5. bis 14. November und macht halt in Biel, Ins, Saanen, Langnau und Schwarzenburg.

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Agenda

Die Literaturpreise des Kantons Bern werden am Di, 17. Juni um 20 Uhr in der Dampfzentrale überreicht. Der Anlass ist öffentlich, der Eintritt frei.

Infos zum Bund

Heinz Helle: Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 160 S. 28.90 Fr.

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