«Ich bin psychisch stabil»

Autorin Michelle Steinbeck nimmt Stellung zum Vorwurf der Literaturkritikerin Elke Heidenreich, gestört zu sein.

Die Zürcherin Michelle Steinbeck wurde 1990 geboren und lebt in Basel. Der Roman «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» ist ihr Debüt.

Die Zürcherin Michelle Steinbeck wurde 1990 geboren und lebt in Basel. Der Roman «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» ist ihr Debüt.

(Bild: Sabina Bobst)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Wenn Sie Ihr Buch ernst meinen, dann haben Sie, so Elke Heidenreich im «Literaturclub», «eine ernsthafte Störung». Wie gesund sind Sie? Mir geht es gut. Ich bin weder normaler noch gestörter als andere Menschen. Aber keiner ist davor gefeit, psychisch abzustürzen.

Verletzt Sie eine solche Aussage? Meine Mutter und meine Freunde, die den «Literaturclub» gesehen hatten, waren entsetzt über die Äusserungen von Elke Heidenreich. Ich dachte: Oh Gott, was ist denn da passiert? Als ich die Sendung dann angeschaut habe, war ich erleichtert, und zwar deshalb, weil die Beleidigung auf keiner Grundlage beruht, sondern eine reine Behauptung ist. Zum Glück bin ich psychisch so stabil, dass mir so etwas nichts ausmacht. Das Gestörtsein als Abwertung zu benutzen, ist nicht zuletzt deswegen daneben, weil damit alle psychisch Kranken beleidigt und verletzt werden. Kurz: Wenn Heidenreich mein Buch gut gefunden hätte, hätte ich wirklich ein Problem gehabt!

Wenn Sie selbst nicht gestört sind, ist es dann vielleicht Ihr Buch? Seit wann soll die Literatur aus Blümchentapeten bestehen? Unsere Gesellschaft ist so normiert, dass ich mich frage, wieso auch die Kunst normiert sein soll. Gewisse Stellen des Romans mögen ja anstössig sein, aber für mich sind dies Bilder und Metaphern, die für sich selbst stehen. Ich habe meine Welt nicht als so dunkel und brutal empfunden, wie dies manche Leser tun. Gerade die überspitzte Brutalität war für mich eher ein komisches Element – was für einige vielleicht gestört sein mag. Aber ich frage dann zurück: In was für einer Welt leben wir denn! Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Texte wie meiner geschrieben werden. Jetzt sitze ich gerade in einem Zug von Basel nach Zürich, in dem es Bombenalarm gegeben hat: Ein Koffer stand ohne Besitzer im Gang. Es gab grosse Aufregung, und vier Bombenentschärfer wurden aufgeboten.
Manche Passagen lese ich als Traumbilder. An einer Lesung in Winterthur hat mir eine Frau gesagt, das erste Kapitel habe sie abgeschreckt, aber sie selbst habe auch immer wieder Träume, die sie sich niemandem zu erzählen getraue. Man hat also die Wahl, den Schrecken und Horror zu unterdrücken oder ihn auszudrücken oder darzustellen. Wie immer man sich entscheidet: Solche Bilder sind in uns allen drin. Mit dieser Tatsache habe ich bewusst operiert, um zu schauen, wie sich das Abgründige in Literatur verwandeln lässt.

Sind Sie froh um diese Debatte? Sie bringt Ihnen und Ihrem Buch doch mehr iPublicity als ein fades Lob.  Ja, bestimmt. Ich habe nicht erwartet, dass mein Buch ein grosses Publikum findet. Aber eine solche Diskussion kann helfen, es bekannter zu machen. Das freut mich, zumal ich sehe, dass es doch einige Menschen anspricht.

Elke Heidenreich enerviert sich im «Literaturclub» über das Buch von Michelle Steinbeck. (Quelle: SRF)

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