Hier brummt das Geschäft 
mit dem Verdrängten

Ein Familienbetrieb, der 
ein übersinnliches Handwerk praktiziert und dabei im Unter­bewusstsein fremder 
Menschen kramt: «Schein­werfen», der erste Roman des Berners Giuliano Musio.

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Über die Jahre haben sich rund ums Haus der Familie Weingart verschiedene Praxen angesiedelt. Das Angebot reicht von Shiatsu, Reiki und Qigong über Tanz-, Mal- und Edelsteintherapie bis zu Fuss­reflexzonenmassage und Schröpfen. So fallen die Weingarts mit ihren Fähigkeiten und Tätigkeiten gar nicht mehr auf, obwohl diese durchaus wundersamer Natur sind: Der Familienclan betreibt das «Scheinwerfen», einen Vorgang, bei dem durch einfache Berührung verdrängte oder unbewusste Erinnerungen anderer Person gesehen werden können.

Es ist fürwahr ein ungewöhnlicher Fami­lienbetrieb, den Giuliano Musio für seinen Debütroman «Scheinwerfen» ­entworfen hat. Vater Emil kam einst bei einem rätselhaften Selbstversuch mit ­einem Wanzensekret ums Leben; seine Frau Magda führt nun das Unternehmen, das «im schönsten Stadtteil Berns» zu ­finden ist, mit strammen Zügeln und sehr zum Missfallen des bärbeissigen Gross­vaters weiter. Wobei die beiden Söhne ­Julius und Toni und deren Cousine Sonja die eigentliche Kundenbehandlung, also das Scheinwerfen, übernehmen.

Wie ein Drogentrip

Das geht so lange gut, bis eines Tages ein betagter Herr namens Kaspar Ott in der Praxis auftaucht, der an Demenz erkrankt ist und an seine Erinnerungen erin­nert werden möchte. Sonja bettelt darum, den Fall übernehmen zu dürfen, denn «jemanden mit Alzheimer zu behandeln, muss wie eine Art Drogentrip sein: intensiv, farbenfroh, temporeich.» Die Sitzungen mit Ott verändern Sonjas Gemütslage allerdings dramatisch, offenbar sieht sie in den Erinnerungen des Mannes Dinge, die ihr stark zusetzen, über die sie aber partout nicht reden will. Das wiederum belastet Julius, der nicht nur Sonjas Cousin, sondern auch ihr Lebenspartner ist. Und dann taucht da aus dem Nichts auch noch ein Halbbruder namens Res auf, der äusserst schwer von Begriff, um nicht zu sagen geistig minderbemittelt ist, sich konsequent ins Leben der Weingarts drängt und offenbar eine gemeinsame Vergangenheit mit Sonja hat.

Musios Erstling legt man so schnell nicht mehr aus der Hand, denn «Scheinwerfen» beschert einem ein durchaus vergnügliches Leseerlebnis, was nicht zuletzt mit den lebendig und präzis charakterisierten Figuren zu tun hat. Da wäre zum einen dieser chronisch eifersüchtige Julius, studierter Psychologe mit Hang zu autistisch anmutenden Zwangshandlungen, der für alles eine wissenschaftliche Erklärung auf Lager hat. Zum anderen ist da der jüngere Bruder Toni, der mit seiner Homosexualität hadert und zu überdramatisierter Selbstzerstörung neigt, wenn es denn in der Liebe nicht klappt, was eigentlich ständig der Fall ist.

Skurrilitäten allenthalben

Und dann gibt es auch noch diese Sonja, die einen ungemeinen Lebenshunger an den Tag legt, der an Aktionismus grenzt und sie zu zweifelhaften Taten schreiten lässt. Einzig die Figur des tumben und triebgesteuerten Res mag ein bisschen überkonstruiert anmuten, was allerdings eine Vielzahl an Nebenfiguren wettmacht, die mit viel Liebe zum aussergewöhnlichen und skurrilen Detail gezeichnet wurden. Etwa der knorrige, asoziale und homophobe, aber trotzdem nicht gänzlich unsympathische Grossvater. Oder eine impulsive, exzentrische ­ungarische Künstlerin, die mit Vorliebe entstellte Babyfiguren modelliert.

Mit «Scheinwerfen» hat der junge Berner Autor Giuliano Musio ein temporeiches und süffiges Debüt hingelegt, das nicht nur vor fantastischen Einfällen strotzt, sondern auch mit einer Vielzahl an geschichtlichen und popkulturellen Hinweisen auf die Neunzigerjahre gespickt ist. Musios Humor ist wunderbar abgründig, manchmal nahe am Absurden, seine Sprache dabei stets prägnant und präzis und manchmal wohl­tuend derb. «Die Welt hatte den Frühling ausgekotzt», heisst es da etwa über den Beginn des Lenz. Nach und nach montiert Musio die verschiedenen Handlungsstränge zusammen, wobei er mit unerwarteten Wendungen und grotesken Zufällen bis zum Schluss für Spannung sorgt.

Dann doch besser Edelsteine

Aus irgendeinem Grund verdrängt der Mensch wohl gewisse Erinnerungen, und in bestimmten Fällen ist es sinnvoll, diese Erinnerungen dort zu belassen, wo sie sind: tief im Unterbewusstsein vergraben. So könnte ein mögliches ­Fazit nach der Lektüre von «Scheinwerfen» lauten. Drum bei Bedarf vielleicht besser eine Tanz-, Mal- oder Edelsteintherapie beginnen, statt bei den ­Wein- garts zu klingeln.

Giuliano Musio: Scheinwerfen. 
Roman. Luftschacht-Verlag, Wien 2015. 404 Seiten, etwa 34 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 27.04.2015, 08:05 Uhr

So abgründig wie präzis: Giuliano Musio. (Bild: zvg)

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