«Handle so, wie wenn du nackt wärst»

Die 35-jährige Bernerin Bettina Gugger erhält für ihren Kurzgeschichtenband «Ministerium der Liebe» einen kantonalen Literaturpreis.

Seit 2012 darf sich Bettina Gugger diplomierte Schriftstellerin nennen: Die gebürtige Thunerin lebt heute im Engadin.

Seit 2012 darf sich Bettina Gugger diplomierte Schriftstellerin nennen: Die gebürtige Thunerin lebt heute im Engadin. Bild: zvg

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Auf einem Campingplatz am Bielersee leben die Mitglieder einer «Gemeinschaft der gemeuchelten Seelen». Es sind Aussteiger, Zivilisationsflüchtlinge, verletzte Jäger einer diffusen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit.

Sie ernähren sich von abgelaufenen Nahrungsmitteln, die sie nachts aus einem Container stehlen. Nathalie ist dort, die in einer postnatalen Depression ihren Freund und das Baby verlassen hat. David, der verkrachte Kunsthistoriker – der angesichts eines durchkommerzialisierten Kunstbetriebs, wo allein noch Vitamin B zähle, schlicht zu «Nichtkunst» rät – hat von einer Motorradtour Erika mitgebracht, eine junge Serviertochter, die aus der Enge der Berner Oberländer Berge geflohen ist.

Ein Rabe gehört ebenso dazu wie der junge Louis, der als Hilfskraft im Berner Kunstmuseum arbeitete und koksend «sein Gehirn so zart und geschmeidig machte wie eine Seidenbluse nach einem Waschgang Perwoll». Über Louis sagt David einmal: «Seine Gedanken gleichen der Ursuppe. In ihnen sind alle Ideen, aber noch kein Licht enthalten.»

Ominöse Geheimgesellschaft

Aber die Lichter dieses Figurenensembles entfalten allmählich Strahlkraft: In ihrem Prosadebüt «Ministerium der Liebe» versammelt die 35-jährige Bernerin Bettina Gugger vierzehn «short cuts» miteinander, die lose verbundenen Handlungsstränge entwickeln ein komplexes Geflecht von Figuren. «Ministerium der Liebe»?

In George Orwells Dystopie «1984» gibt es dieses «Liebesministerium». Es sorgt allerdings nicht etwa für einen von Liebe geprägten Umgang der Menschen untereinander, sondern bringt die Abtrünnigen und Andersdenkenden mittels grausamer Foltermethoden dazu, den «Grossen Bruder» zu lieben. Bei Bettina Gugger ist dieses «Ministerium der Liebe» eine ominöse Geheimgesellschaft, die ein rumänischer Dichter gegründet hat und die sich in den Räumlichkeiten der Botschaft in Bern trifft.

Scherz, Satire und tiefere Bedeutung fügen sich zu einer Sprachsinfonie von einnehmender Skurrilität.

Die Künstlerin Lara, die als Museumskassiererin im Kunstmuseum arbeitet, hat von einem mysteriösen Unbekannten eine Einladung erhalten und erfährt dort, wie der kategorische Imperativ dieses Ministeriums lautet: «Handle so, wie wenn du nackt wärst». Nacktheit als eine Metapher für den Verzicht auf Maskenzwang und Rollenspiele, als Plädoyer für Authentizität und Offenheit. Ihren Figuren gehe es immer auch um das «existenzielle Bedürfnis, sich auszudrücken», sagt Bettina Gugger. «Es geht um den Mut, seine eigene Wahrheit auszusprechen, auch wenn man weiss, dass man gleich eins auf den Deckel bekommt; dafür gewinnt man eine innere Freiheit, die wiederum Toleranz und Mitgefühl erst möglich macht.»

Halsbrecherische Mischung

Bettina Gugger erzählt ihre Geschichten vom Suchen und Finden der Liebe mit einer eigentümlichen, manchmal halsbrecherischen Mischung aus psychologischer Analyse, humorvoller Empathie und ungezügelter fabulierender Fantastik: Da werden auf der Therapiecouch von Carmen Borderline-Persönlichkeiten seziert, gleichzeitig kann diese Autorin auch Türen in magische Räume aufstossen, in denen der Rabe eines Zauberers einen Brief stibitzt und so seinen menschlichen Begleiter mit einer blinden Frau zusammenbringt.

Bettina Gugger hat am Schweizer Literaturinstitut studiert und lebt heute im Engadin. Sie bewegte sich in der Poetry-Slam-Szene, erhielt 2014 für das Büchlein «Musen und Museen» einen Prix Trouvaille des Kantons Bern. Und sie äusserst sich künstlerisch in verschiedenen Formaten: So unterhält sie einen Blog mit ziemlich witzigen, zuweilen auch esoterisch angehauchten literarischen Tagesbetrachtungen. Unter dem Künstlernamen Bettina von Buchholterberg betreibt sie zudem einen kabarettistischen Youtube-Kanal, wo sie unter anderem weltbeglückende Veganerinnen und verkopfte poststrukturalistische Dozentinnen persifliert.

Spricht man sie auf den möglichen gemeinsamen Nenner ihrer unterschiedlichen Tätigkeitsgebiete an, so antwortet sie dezidiert: «Ich habe keine Corporate Identity. Ich bin einfach auf dem literarischen Weg zu meiner bestmöglichen Version.» Dabei sei der Weg das Ziel, «und auf dem Weg gibt es viele Schreibtische mit tausend Schubladen, in denen sich wiederum tausend Nenner finden».

Dirigieren mit einer Karotte

In ihrem Kurzgeschichtenband demonstriert Bettina Gugger tatsächlich, dass ihr Schreiben nicht auf einen Nenner zu bringen ist: Scherz, Satire und tiefere Bedeutung fügen sich in den besten Momenten zu einer Sprachsinfonie von einnehmender Skurrilität. Oder wie es Lara einmal formuliert: «Sie wünschte sich einen Tag voller herrlicher Wörter, die zu einem Choral verschmolzen, dessen Lautstärke und Tempo sie mit einer Karotte dirigieren würde.»

Bettina Gugger: Ministerium der Liebe. Short cuts. boox-Verlag, Urnäsch 2017, 170 Seiten, 21 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 26.06.2018, 06:41 Uhr

Literaturpreise des Kantons Bern: Von Gornaya über Lerch bis Urweider

Neunzig Werke hat die deutschsprachige Literaturkommission des Kantons Bern in der Saison 2017/18 geprüft: Prosawerke, Lyrik, Theaterstücke, Hörbucher, Hörspiele, Spoken-Word-Texte und Audio-CDs.

Je 10'000 Franken gehen an die Theaterautorin Gornaya für das in Bern uraufgeführte Stück «Island. Als Freunde sind wir erbarmungslos», an Bettina Gugger für ihre Kurzgeschichtensammlung «Ministerium für Liebe», an Barbara Lutz für ihren Roman «Keinen Seufzer wert», an Lukas Hartmann für seinen Roman «Ein Bild von Lydia» sowie an die Dichter Beat Sterchi («Aber gibt es keins») und Raphael Urweider («Wildern»).

5000 Franken für seine Leistung als Herausgeber erhält der Publizist Fredi Lerch, der im Buch «Walter Vogt: hani xeit» eine Auswahl von Vogts Mundarttexten publiziert hat. Lerch lade mit der Sammlung zur «anregenden Wiederentdeckung des fast in Vergessenheit geratenen Wegbereiters der Spoken-Word-Szene ein», schreibt der Kanton in seiner Mitteilung.

Neben den preisgekrönten Autorinnen und Autoren werden heute in der Dampfzentrale auch die Empfängerinnen und Empfänger der Schreibstipendien geehrt: Je 10 000 Franken gehen an Gornaya, Sandra Künzi, Wilfried Meichtry und Levin Westermann. Die Ausgezeichneten gehen im November auf eine Lesereise durch den Kanton und werden in Langnau, Biel, Schwarzenburg, Langenthal, Ins und Spiez haltmachen.

Öffentliche Verleihung der Literaturpreise 2018 in der Dampfzentrale Bern (Turbinensaal), heute Dienstag, 26. Juni, 19.30 Uhr.

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