«Gschyd, gschickt und gwaglet»

Ruth Bietenhard verfasste 1976 das epochale «Berndeutsche Wörterbuch», übersetzte mit ihrem Mann die Bibel in den Berner Dialekt und war über ein Vierteljahrhundert als«Stübli»-Kolumnistin beim «Bund» tätig.

Im Leben wie in der Sprache war ihr alles Sture und Rechthaberische fremd: Ruth Bietenhard im Jahr 2010.

Im Leben wie in der Sprache war ihr alles Sture und Rechthaberische fremd: Ruth Bietenhard im Jahr 2010. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man stelle sich das vor: Die Grossmutter fordert ihre Enkel auf, ihr doch einmal die «Schlämperlige» zu nennen, welche die junge Generation heute benutze. Verständlicherweise zögern die Kinder zuerst und schauen sich etwas verlegen an, werden aber dazu ermuntert, auch «wüeschti Wörter» nicht auszulassen. Und als die Enkel dann ihre Hemmungen ab- und verbal loslegen, macht sich die Grossmutter aufmerksam Notizen.

Ruth Bietenhard liebte den Berner Dialekt nicht als «bluemets Trögli», sondern als einen Organismus, der sich ständig entwickelt. «Das Berndeutsche», sagt Christian Schmid, bis 2012 verantwortlich für die «Schnabelweid» bei Radio SRF 1, «war für Ruth Bietenhard ein sprachlicher Blumen- und Gemüsegarten, den man be­ackert, nutzt, erkundet und nach Bedarf neu einrichtet, keine sentimentale ­Kuschelecke».

In der Tat: Ein schulmeisterlicher Sprachpurismus wie überhaupt alles Sture und Rechthaberische waren ihrem freiheitlichen Geist fremd. Es gebe nichts Schrecklicheres als eine statische Sprache, sagte sie einmal gegenüber dem «Bund». Das Berndeutsche habe den Einfluss des Französischen überstanden, es werde auch am Einfluss des Englischen nicht zugrunde gehen.

Bietenhard faszinierte die Entwicklung von Worten und Lauten durch die Jahrhunderte hindurch, die Sprache war für sie das Medium, welches ein Individuum mit der Gesellschaft verknüpfte. Bewundert an Ruth Bietenhard hat ihr Verleger Roland Schärer vom Cosmos Verlag «wie jung sie bis ins hohe Alter geblieben ist». Stets sei sie offen für Neues gewesen, gerade auch in Sprachfragen, «das Gegenteil einer Berndeutsch-Päpstin», wie sie zuweilen fälschlicherweise bezeichnet worden sei.

«Trucke mit Zedeli»

Als Autorin des «Berndeutschen Wörterbuchs» – 1976 ist diese Pionierleistung erstmals erschienen und heute in der 9. Auflage greifbar –, als Bibelübersetzerin zusammen mit ihrem Mann, dem 2008 verstorbenen Theologen Hans Bietenhard, und nicht zuletzt als langjährige «Stübli»-Kolumnistin war Ruth Bietenhard für viele Bernerinnen und Berner während Jahrzehnten die zuverlässigste und verlässlichste Autorität auf dem Gebiet des Berndeutschen.

Aber diese Frau, die mit Charme und Witz für ihren Berner Dialekt gewirkt hat, war noch viel mehr: Pfarrfrau in Steffisburg, Gymnasiallehrerin, Referentin, Buchautorin, als unbequemes SVP-Mitglied – das Wertkonservativismus mit geistiger Offenheit verband – eine Kämpferin für das Frauenstimmrecht und Mutter von sechs Kindern.

Am 11. Januar 1920 wurde sie als Ruth Lehmann in Bern geboren, der Vater war Notar und wollte nichts davon wissen, als seine Tochter ein Germanistik-Studium aufzunehmen gedachte.

«Das sind alle Nazis», beschied er ihr in einer Zeit, als viele Schweizer Germanisten tatsächlich einen geistigen Kotau vor der Blut- und Bodenideologie des Dritten Reichs machten. Stattdessen studierte sie Romanistik; ihr sprachwissenschaftliches Interesse für den Berner Dialekt erwachte über den «Umweg» der italienischen «dialetti» und französische «patois».

1946 heiratete sie den Theologen Hans Bietenhard, die junge Familie liess sich sieben Jahre später in Steffisburg nieder, wo ihr Mann das Pfarramt Sonnenfeld-Schwäbis übernahm.

Als Kind in dieser Familie habe man von der offenen Atmosphäre profitiert, erinnert sich ihre Tochter Sonja Bietenhard, und auch die Sprache sei immer irgendwie Thema gewesen: «Auf Wanderungen dienten meiner ­Mutter die Flur- und Dorfnamen immer wieder als Anlass für Geschichten und etymologische Erklärungen.»

Den Anstoss zu ihrem Standardwerk «Berndeutsches Wörterbuch» verdankte Ruth Bietenhard ihrem Grossonkel, dem Mundart-Schriftsteller Otto von Greyerz. Er hinterliess ihr eine «Trucke mit ­Zedeli», eine berndeutsche Materialsammlung mit rund 5000 Stichworten.

Bietenhard hat mehrmals auf den Umstand hingewiesen, dass das Aufbruchgefühl der in den 1960er-Jahren einsetzenden «­modern mundart»-Bewegung mit Exponenten wie Kurt Marti, Ernst Eggimann, Mani Matter, aber auch Musikern wie Polo Hofer und Tinu Heininger ihr einen unschätzbaren «Rückenwind» bescherten.

Mit Unbestechlichkeit und einem guten Gespür für das Angemessene habe sie, sagt Christian Schmid, viel dazu beigetragen, «dass Alt und Neu in einer neuentdeckten Freiheit mundartlichen Schaffens zusammenfanden».

Im Wörterbuch wandte sie sich zum Verdruss gewisser Sprachwächter auch gegen eine rein phonetische Schreibweise der Wörter. Für sie war die Lesbarkeit ein zentrales Kriterium, deshalb entschied sie sich für eine eher traditionelle, moderat an die deutsche Schrift angelehnte Schreibweise.

Mit ihrem Mann und teilweise auch mit ihrem Sohn Benedikt übersetzte sie 1984 das Neue Testament ins Berndeutsche, 1990 folgten Teile des Alten Testaments, 1994 die Psalmen. Die Zusammenarbeit mit ihrem Mann erlebte sie als glückliche Erfahrung.

Im Interview mit dem «Bund» 2003 sagte sie: «Wir haben immer einen Weg gefunden, Theologie, Sprache und persönliche Erfahrung zu vereinigen.» 1993 erhielt sie für ihre Leistungen den Ehrendoktortitel der Theologischen ­Fakultät der Universität Bern.

«Wen i Luscht derzue ha»

Als Ruth Bietenhard am 4. Januar 2003 als Kolumnistin Abschied nahm im «Bund», trug ihr letzter Text den Titel «Gschyd, gschickt und gwaglet». Diese drei Adjektive sind nicht die ungeeignetsten, um das von bodenständiger Lebenstüchtigkeit und herzlicher Weltzugewandtheit geprägte Wesen von Ruth Bietenhard zu charakterisieren.

Zuletzt lebte sie in der Pflegeabteilung des Thuner Burgerheims, zunehmend an Demenz leidend. Sie habe sich aber bis zu ihrem Tod nie gelangweilt, sagt ihre Tochter Sonja Bietenhard», «immer war sie mit einem Buch, einer Zeitung oder einer Lismete ­beschäftigt.»

Wann sie denn Berndeutsch und wann Hochdeutsch beim Schreiben vorziehe, wurde Ruth Bietenhard immer wieder gefragt. Im Vorwort zum Buch «Wörter wandere dür d Jahrundert» (Cosmos-Verlag 1999) hat sei darauf geanwortet: «I sälber schrybe nume bärndütsch, wen i Luscht derzue ha; ‹si le coeur m’en dit›, seit der Franzos.

Derby zilet ds Wort ‹coeur› vil tiefer und höcher als ds dütsche ‹Gefühl›‚ oder ‹Lust›. Der Philosoph Blaise Pascal het dermit di mönschlechi Offeheit für ­alles, wo über e Verstand uusgeit, bezeichnet. Und wil däm d Mundart, d ‹­Muetersprach› vil besser zum Usdruck hilft als d Hochsprach, reden und schryben i so gärn bärndütsch.» (Der Bund)

Erstellt: 25.02.2015, 12:01 Uhr

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Die nervigsten Kinderfiguren

Politblog 200-Meter-Riesen im Gegenwind

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...