Porträt

Für sie hat eben «alles einen Sinn»

Die Bernerin Ruth Binde ist eine sehr vitale Institution: Beharrlich und keck setzte sie sich während Jahrzehnten als Presseagentin für Bücher und Kulturereignisse ein. Am 7. März feiert sie ihren 80. Geburtstag. Ein Geburtstagsgruss.

«Ich habe die Gabe, in allem Negativen auch das darin schlummernde Positive zu sehen», sagt Ruth Binde.

«Ich habe die Gabe, in allem Negativen auch das darin schlummernde Positive zu sehen», sagt Ruth Binde. Bild: Adrian Moser

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Ein kleiner Zürcher Verlag sucht auf Ende 1957 eine «gute Sekretärin im neuen Jahr». Das Inserat im «Schweizer Buchhandel» ist mit einer Zeichnung des Cartoonisten Manzi illustriert: Man sieht darauf ein vierschrötiges Mannsbild, das am Schreibtisch sitzt und einen taxierenden Blick auf die neben ihm stehende Frau wirft. Schutzlos wirkt sie in ihrem schulterlosen Cocktailkleid auf den Betrachter.

Eine 25-jährige Berner Buchhändlerin lässt sich von dieser Illustration nicht abschrecken. Sie ist die einzige Bewerberin, aber das erfährt sie erst später. Auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch inspiziert sie im Zug ein Buch dieses Diogenes-Verlags und findet prompt 22 Druckfehler. Bereits als Kind hatte sie ihr erstes Geld mit Korrekturlesen verdient; ihr Vater Fritz Schwarz, der national bekannte Politiker und Vertreter der Freiwirtschaftslehre, war Chefredaktor der Wochenzeitung «Freies Volk» und zahlte seiner Tochter für jeden entdeckten Druckfehler fünf Rappen.

Nein, «alt» fühlt sie sich nicht

Die zierliche Frau mit dem hellwachen Blick und dem nach wie vor hochtourig laufenden Mundwerk – «ich bin eine leidenschaftliche Erzählerin, manchmal muss man mich eben bremsen» – sitzt in ihrer Wohnung im Zürcher Kreis 7, serviert Tee und Kuchen und blickt mit einer Mischung aus Stolz und Nüchternheit auf ihr Leben zurück. Es klinge vielleicht seltsam, sagt sie, aber «alt» fühle sie sich überhaupt nicht. «Alt bin ich erst, wenn ich nicht mehr lesen, nicht mehr meinen Balkon bepflanzen, nicht mehr meine Konfitüren einkochen und nicht mehr meine Freunde bewirten kann.» Mit ihrem Lebensmotto ist sie immer gut gefahren: «Es gibt keine Zufälle, alles hat einen Sinn.» Von ihren Eltern hat sie «Gottvertrauen und einen gesunden Optimismus» auf den Lebensweg mitbekommen. Ruth Binde erinnert sich an einen «wunderbaren Vater», der sie auch an die Kunst herangeführt habe. Als Kind lauschte sie oft am Sonntagmorgen zu seinen Füssen einer Opernsendung im Radio, während er am Stubentisch Zeitungen las und mit der Schere Artikel für sein Archiv ausschnitt. Die Papierschnipsel fielen dann wie riesige Schneeflocken auf die Tochter herunter.

Als junges Mädchen träumte Ruth Binde von einer Schauspielerkarriere. Seit sie Maria Becker als «Jungfrau von Orleans» im Berner Stadttheater gesehen hatte, stand dieser Wunsch unverrückbar fest. «Ich konnte das ganze Stück im Becker-Ton auswendig, schickte ihr Blumen und schrieb Briefe.» Es wurde ihr zwar Talent attestiert, etwa vom Schauspieler Gustav Knuth, aber er machte ihr keine Hoffnungen auf «Gretchen und Luise», sondern sah sie eher in «Therese-Giehse-Rollen». Dieses Rollenfach gefiel der jungen Ruth ganz und gar nicht. Damals sei sie eben schlicht zu dick gewesen, sagt Ruth Binde trocken. Nach dem Abbruch des Gymnasiums und einem halben Jahr im Bühnenstudio Zürich ging Ruth Binde, ehe sie eine Buchhändlerlehre antrat, für ein Zwischenjahr nach London. Eine wunderbare Zeit sei das gewesen, fast jeden Abend war sie im Theater. Aufbewahrt hat sie einen Brief von Laurence Olivier, den die 17-Jährige wegen Privatstunden angefragt hatte. Der Grossmime empfahl der jungen Dame aus der Schweiz einige Theaterschulen und wünschte «Miss Schwarz» höflich alles Gute.

Der Sprung ins Ungewisse

Die Schauspielerin Maria Becker war auch die Initialzündung für Ruth Bindes über die Jahrzehnte stetig gewachsene Autografensammlung. Angefangen hatte alles mit einem kleinen blauen «Vergissmeinnicht»-Büchlein, das sie als 14-Jährige von ihrer Schwester bekommen hatte. «Ich habe mein Leben lang immer nur Leute angesprochen, von denen ich eine hohe Meinung hatte.» Und das waren viele.

Aber zurück zum Vorstellungsgespräch: In Zürich angekommen, präsentiert die junge Buchhändlerin im Herbst 1957 Diogenes-Verleger Daniel Keel beim Bewerbungsgespräch selbstbewusst ihre Beute: die 22 Druckfehler. Seine Reaktion: «Sie sind engagiert!» 15 Jahre wird sie für den Diogenes-Verlag arbeiten, zunächst als «Mädchen für alles», sie erlebt die «heroischen Jahre» mit – im Winter wirft sie morgens den Ofen an und hat dabei ständig Angst vor einer Explosion, im Sommer schreibt sie auf dem Balkon bei schönem Wetter Geschäftsbriefe auf einer uralten «Erika» – und lernt als verlegerische Autodidaktin das Metier von der Pike auf. Weil ihr Berner Dialekt in Zürich «nachgeäfft» wird, schaltet sie schnell um auf «händsi, wändsi, chöndsi». Ihre Passion für die Bühne kommt Ruth Binde zugute, als sie für den Diogenes-Verlag die Theaterabteilung aufbaut und freundschaftlichen Umgang pflegt mit Grössen wie Friedrich Torberg oder Molière-Übersetzer Hans Weigel, der sie in ihrer Korrespondenz als «Hochverehrte Frau Kammer-Bühnenabteilungsleiterin» tituliert.

1972 macht sich Ruth Binde selbstständig – in einem Beruf, den es damals gar nicht gab. «Ich war Pressagentin, nicht Literaturagentin», diesen Unterschied betont sie. Für die alleinerziehende Mutter eines elfjährigen Sohns war es ein Sprung ins Ungewisse. Vom Vater des Kindes, einem deutschen Buchhändler, hatte sie sich nach sechs Jahren Ehe scheiden lassen: «Als ich mich 1964 trennte, war ich weit und breit die einzige geschiedene Frau.» Beruflich findet sie eine Nische, ihre PR-Agentur für kulturelle Mandate vertritt deutsche Verlage, «die damals in der Schweiz und in Österreich schwach vertreten waren». So machte sie von ihrem Büro im Zürcher Seefeld-Quartier aus Pressearbeit für Luise Rinser, Margarete Mitscherlich oder Siegfried Lenz.

Sie vertrat «Künstler und Autoren wie Emil Steinberger oder Maria Becker, zehn Jahre war sie Pressechefin des Genfer Salon du Livre» für die Deutschschweiz. Freundschaften entstanden, wie etwa mit dem kürzlich verstorbenen Liedermacher Franz-Josef Degenhardt. Der Umgang mit den Autoren», sagt Ruth Binde, sei für sie immer «die Konfitüre auf dem Brot» gewesen. Als ihren grössten Erfolg bezeichnet sie die Renaissance der jüdischen Lyrikerin Mascha Kaléko, die vollkommen vergessen war. Die «Begeisterung» für ein Buch hat bei ihr immer den Ausschlag gegeben. Als der Verlag Hoffmann und Campe Joseph Goebbels’ Tagebücher herausgab, «war ich hingegen entsetzt und habe dafür keinen Finger gerührt».

Legendäre Feste

Ihre Fähigkeiten als begnadete Netzwerkerin und Gastgeberin kamen ihr beim Bernhard-Littéraire zugute, das sie von 1985–2004 programmierte. Diese monatliche Veranstaltungsreihe sei ihr «Lieblingskind» gewesen: «Ich habe mich gefühlt wie eine Intendantin mit einem eigenen Theater und einem eigenen Programm.» Ruth Bindes Augen funkeln.

Der langjährige «Bund»-Literaturredaktor Charles Linsmayer war stets beeindruckt von Ruth Bindes «herzlichem Kämpfertum und ihrer durch nichts zu dämpfenden Unverdrossenheit». Legendär sind die bis 1997 jährlich durchgeführten «Binde-Feste», bei denen sich manchmal über 200 Leute in der 60 Quadratmeter grossen Bürowohnung zum Stelldichein im «Gschtungg» einfanden. Die Infrastruktur dort war anfangs ziemlich schlicht, sodass sie eine Kochnische einrichten liess: «Wenn mich Luise Rinser oder Siegfried Lenz besuchten, konnte ich doch zum Wasserholen nicht aufs WC gehen, oder?» Nein, wirklich nicht.

Die «grosse Liebe» hat sie gelebt

Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Zeitungsartikel, ein Interview mit dem Dirigenten Georg Solti. Einige Zeilen sind energisch unterstrichen: «Ich glaube nicht an Ruhestand. Wenn Sie mit Arbeiten aufhören, ist es fertig.» Loszulassen lernen, das bedeutet im Fall von Ruth Binde viel Arbeit. Das Zürcher Stadtarchiv besitzt bereits 50 Schachteln mit Dokumenten von Ruth Binde, das Literaturarchiv in Bern erhält demnächst ihre wichtigsten Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. «Ich bin im Berner Elternhaus in einem ‹Gnuusch› aus Büchern und Manuskripten aufgewachsen, früher oder später finde ich aber alles», sagt sie lachend, als sie in eine riesige Schranktür öffnet und ein Dokument sucht.

Ruth Binde lebt allein. Ihr Sohn Stefan ist seit zwanzig Jahren Biobauer in der Toskana. «Das sind neun Stunden von Haus zu Haus, ich sehe meinen Sohn und die beiden Enkelinnen deshalb nur ein- bis zweimal im Jahr.» Mit Italien verbindet sie auch ihre «grosse Liebe». Zwei Bilder des 1990 verstorbenen venezianischen Malers Giuseppe Santomaso hängen über dem Sofa. Sie lernte ihn Ende der Siebzigerjahre in einer St. Galler Galerie kennen: «Mit ihm habe ich die zehn glücklichsten Jahre meines Lebens erlebt.» Solche Persönlichkeiten gebe es heute nicht mehr, «er war ein homme à femmes mit Herzensgüte und Humor». Zusammengelebt haben die beiden nie, mit Santomaso verbrachte sie Ferien und begleitete ihn zu Vernissagen: «Wenn er sich in Zürich aufhielt, waren wir 24 Stunden am Tag zusammen.» Ruth Binde war dann jeweils offiziell verreist.

Viele der Widmungen in der Sammlung zeugen von Respekt und Dankbarkeit. Peter Ustinov rühmte die «ruhige Fanatikerin des geschriebenen Wortes»; Siegfried Lenz bekannte, ohne den Beistand von Ruth Binde könne man «in der Schweiz nicht heimisch werden». Und Jean Ziegler gab seiner Bewunderung Ausdruck «für ihren Mut, ihren geduldigen Kampf für Vernunft, Gerechtigkeit . . . und die schweizerische Literatur». Im Alter werde sie immer radikaler, sagt Ruth Binde, die intensive politische Diskussionen schon vom Mittagstisch im Elternhaus gewohnt war. Die passionierte Leserbriefschreiberin ist bekannt für ihren pointierten Stil. Wenn sich diese Frau über etwas ärgert, dann kommt ihr theatralisches Temperament zum Tragen.

Herr Geisers Huldigung

Und ja, auch die Ehrungen liessen in den vergangenen Jahren nicht auf sich warten; besonders gefreut hat Ruth Binde die Goldene Ehrenmedaille des Zürcher Regierungsrates für kulturelle Verdienste 1998. Aber der am tiefsten empfundene Dank stammt von «ihren» Autorinnen und Autoren. Der Schriftsteller Christoph Geiser etwa setzt, angesprochen auf Ruth Binde, stellvertretend für alle Künstler-Kinder der «Kupplerin» zu einer Huldigung an. Vergessen werden, das sei doch die permanente Angst des Autors. «Man steht vergessen an irgendeinem Empfang, ein Glas in der Hand, und fühlt sich verloren. Da spürt man ein leichtes Zupfen am Ärmel, und da steht sie, schräg hinter mir, stopft mir ein Zettelchen in die Tasche und erinnert mich daran, dass man etwas von mir will.» Jahrzehntelang sei Ruth Binde immer wieder plötzlich da gestanden und habe ihn daran erinnert, dass man sich noch an ihn erinnert. «Was will man mehr von einer Literaturvermittlerin. Ich werde sie nicht vergessen.» Ein schöner Schluss, findet Ruth Binde beim Gegenlesen des Textes. Und natürlich hat die geborene Korrektorin auch noch einige Druckfeheler gefunden. (Der Bund)

Erstellt: 03.03.2012, 10:23 Uhr

«Für Ruth Binde»

Anlässlich des 80. Geburtstages der über Jahrzehnte aktiven Kulturvermittlerin präsentiert der Antiquar Peter Bichsel in einer Verkaufsausstellung 467 Widmungsexemplare mit Autografen und vielen Zeichnungen. Zur Ausstellung bei «Fine Books» ( Gerechtigkeitsgasse 2 in Zürich) ist auch ein Katalog erschienen. Die Ausstellung dauert bis zum 23. März. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 14–18 Uhr.

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