Ewige Fremde

Elena Ferrantes Debütroman liegt in einer neuen, fantastischen Übersetzung vor. 

Am Freitag war damals jeweils Waschtag: Neapel im Juli 1956. Foto: Hulton Archive, Getty Images

Am Freitag war damals jeweils Waschtag: Neapel im Juli 1956. Foto: Hulton Archive, Getty Images

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Genau an Delias Geburtstag, dem 23. Mai, wird die Leiche ihrer Mutter Amalia am Strand eines Ferienorts angeschwemmt. Sie trägt nichts als einen BH aus feiner Spitze. Ein teures Stück, wie es die Mutter in ihrem Leben nie getragen hat. Dieses effektvolle Detail wird in Elena Ferrantes Debütroman, der 1992 erschien und jetzt in einer fantastischen neuen Übersetzung von Karin Krieger vorliegt, noch eine Rolle spielen. Und doch führt die Autorin der Welterfolgsreihe von der «Genialen Freundin» ihre Leser mit dieser Andeutung auf eine nicht ganz richtige Fährte.

Delia, die längst erwachsene Tochter, reist aus Rom in ihre Heimatstadt Neapel und beginnt zu recherchieren: Wer war der Mann, von dem die Mutter kurz vor ihrem Tod am Telefon gesagt hatte, er wolle ihr etwas antun und der Tochter auch? Wie ist Amalia ums Leben gekommen? War es Mord, ein Unfall, oder hat sie sich das Leben genommen? All das sind Krimifragen, aber Delias Nachforschungen führen sie nicht zu Mördern und Verschwörern, sondern tief hinab in ihre eigenen, teils trügerischen Kindheitserinnerungen.

Zu Erinnerungen an einen Mann namens Caserta, der früher ein Verehrer – und vielleicht der Liebhaber – ihrer Mutter Amalia war und ihr in den letzten Monaten ihres Lebens erneut den Hof gemacht hat. Und zu ihrem eifersüchtigen Vater, der Amalia in Delias Kindheit regelmässig blutig schlug. Der nie akzeptieren konnte, dass sie ihn viele Jahre zuvor verlassen hatte.

Ekel vor der Mutter

Es gibt viele solcher «lästigen Lieben» in diesem schmalen, klugen Roman. Zuerst einmal ist da die Mutterliebe: Wenn ihre Mutter sie besucht, nervt sich Delia über deren Geschäftigkeit, sie ekelt sich vor ihr. Aber nach ihrem Tod erwacht eine alte, nie zufriedenzustellende Tochterliebe in ihr. Delia beginnt sich nach etwas zu sehnen, das die meisten Töchter gerade nicht wollen: nach einer geradezu physischen Identität mit der Mutter.

Passend dazu fliesst und quillt der Roman beinahe über vor Körperlichkeit. Als Delia den Sarg der Mutter trägt – ungehörig für eine Frau! –, setzt ihre Menstrua­tion ein; Tampons und blutige Schlüpfer spielen eine Rolle und immer wieder der frühere Widerwille der Tochter gegen den Mutterkörper. Delia erinnert sich, wie sie Amalia einmal gefragt hat, ob sie nach der Trennung vom Vater Liebhaber gehabt habe. «Nein», sagt Amalia, und Delia ist sicher, dass sie lügt. Wie zum Beweis ihrer Keuschheit hebt Amalia «ihr Kleid bis zur Taille, wobei ihre grossen, ausgeleierten rosa Unterhosen sichtbar wurden. Kichernd sagte sie etwas Wirres über ihr schlaffes Fleisch und ihren Hängebauch.» Delia denkt: «Und vor allem wünschte ich mir, dass sie sich bedeckte.»

Das arme, grobe, vor lauter Leben stinkend brodelnde Neapel wird in Ferrantes Beschreibung, wie später in der «Genialen Freundin», zum Höllenschlund eines alten Patriarchats. Der Alltag der Frauen ist durchsetzt mit grossen und kleinen Unterdrückungsgesten, mit verschiedenen Formen von Belästigung. Da sind die obszönen Bemerkungen auf der Strasse, die früher Amalia galten und heute Delia. Die Verachtung, die Amalia von ihrem Bruder entgegenschlägt, weil sie ihren brutalen Mann verlassen hat. Als der Ehemann, da ist Delia noch ein Kind, glaubt, ein Mann habe sie im Gedränge der Strassenbahn angefasst, ohrfeigt er Amalia und nicht den Fremden. «Vielleicht, um sie dafür zu bestrafen, dass sie die Körperwärme des anderen durch den Stoff ihres Kleides auf der Haut gespürt hatte.»

Natürlich kann man Elena Ferrante auch in ihrem Debüt kaum anders als feministisch lesen. Aber Frauen und Männer sind bei ihr nicht einfach in gegnerischen Lagern, sondern bleiben vielmehr ineinander verstrickte, ewige Fremde. Wie die Brutalität der Männer beschreibt Ferrante die weibliche Nachsicht diesen Männern gegenüber. Als ein Kindheitsfreund sie beinahe vergewaltigt, denkt Delia im Gehen: «Aber ich war ihm doch dankbar dafür, dass er mir nur ein Minimum an Schmerz und Demütigung zugefügt hatte.» Mit ihrem überwältigenden tiefenpsychologischen Feingefühl lässt Ferrante auch die Frauen nicht aus der Verantwortung. 

Die Lust an der eigenen Lust

Am Ende ist Delias Suche nach der verlorenen Mutter eine Ehrenrettung. Die Tochter beginnt Amalia nicht mehr nur, wie als Kind, als verantwortungslose Verführerin zu sehen, die sich und ihre Töchter mit ihren Flirtereien in Gefahr bringt. Und auch nicht bloss als nervige Alte mit Hängebauch. Sondern als eine Frau, die mit ihren geringen Möglichkeiten Widerstand gegen einen Verhaltenskodex geleistet hat, mit dem Männer ihr wie allen Frauen die Lust an der eigenen Lust, an Körperlichkeit und Lebensfreude verbieten wollten.

Als Delia zuletzt an dem Strand sitzt, an dem ihre Mutter starb, hat sie zumindest diese «lästige Liebe» in etwas anderes verwandelt. In eine rohe, schmerzhafte Liebe, die sich von der eigenen Identität nie wird trennen lassen. Elena Ferrante entlässt die Leser ihres Debütromans durchgewalkt, erschüttert und emanzipiert.

Elena Ferrante: Lästige Liebe. Roman. Aus dem Italienischenvon Karin Krieger. Hanser, München 2018. 206 S., ca. 34 Fr.  (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.11.2018, 18:29 Uhr

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