Eine Frau packt ihre Koffer

Als wärs ein Roman von Tolstoi: Claire Parkes war immer unterwegs.

Mitten durch die Welt: «Tante Kläry» letzten Herbst.

Mitten durch die Welt: «Tante Kläry» letzten Herbst.

(Bild: Mara Truog (aus dem Buch))

«Weihnachten war sehr heiss und der nächste Tag so kalt, dass wir Feuer machen mussten.» Hastings, 20. Februar 1964: Clara Parkes-Bärfuss tippt den Brief an ihre Schwester Paula in ihre alte Hermes Baby. Die Schreib­maschine reiste mit, als sie und ihr Mann vor acht Jahren mit dem Schiff losfuhren. Von Liver­pool über den Atlantik durch den Panama­kanal in den Pazifik bis hierher nach Neuseeland. Das Haus von Claire und Stanley Parkes steht nur wenige Kilo­meter entfernt vom Meer.

«Habe noch immer von allem draussen, auch Apfelgurken und Zuckermelonen. Es pressiert nicht, letztere sind noch nicht ganz reif. Nächsten Monat werde ich dann alles räumen und etwas Wintergemüse pflanzen.» Claire erzählt auch von einer Kur, die Stanley letzten Winter machen musste. Jetzt geht es beiden recht gut, Arbeit ist genügend da, zum Beispiel in der Tiefkühlfabrik des Konzerns Unilever. Sie kann sich vorstellen, für immer zu bleiben.

Kochen, putzen, hüten

Solche Gedanken sind neu für Claire; sie hat sich früh daran gewöhnen müssen, nirgendwo daheim zu sein. Ihre Kindheit ist von Abschieden geprägt: Beide Eltern und mehrere Geschwister sterben; die meisten ihrer verbliebenen Angehörigen verliert Claire aus den Augen, als sie ins Erziehungsheim kommt. Bald besteht ihr Alltag aus Hausarbeit bei Leuten, die es nicht alle gut mit ihr meinen. Als sie dann auch noch zu hören bekommt, eine wie sie brauche im Leben nicht mehr als Haus­arbeit zu lernen, ist es ihr genug: Mit 34 Jahren reist sie zum ersten Mal länger ins Ausland. Alleine, als Au-pair nach ­Paris. Nach einem knappen Jahr geht sie in die Schweiz zurück – und gleich weiter, nach England. Dort sind die Arbeitstage weiter lang. Unermüdlich kocht, pflegt, putzt, hütet sie. Aber sie lernt auch Englisch und trifft ihren späteren Mann, ­Stanley Parkes. Mit dem Ex-Soldaten, der Albträume und Malaria von der Front mitgebracht hat, fährt sie 1956 auf ärztlichen Rat nach Neuseeland.

«Auf der Schreibmaschine hat sie, bis die Augen zu schlecht wurden, manchmal geschrieben, Dinge notiert aus ihrem Leben. Die Aufzeichnungen sind verloren gegangen. Ein paar Seiten hat einmal ein Hund erwischt», schreibt Simone Müller in einem Porträt über Claire Parkes, das 2013 im «Kleinen Bund» erscheint. Die Geschichte lässt die Berner Journalistin und Übersetzerin nicht mehr los. Und so wird daraus ein Buch: «Von London über Neuseeland nach Eggiwil» ist die Biografie einer eigenwilligen Frau, die immer wieder ihre Koffer packt.

In den Vierziger- und Fünfzigerjahren reisten jährlich 5000 bis 6000 junge Schweizerinnen nach Grossbritannien. Die billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland waren gefragt. Seit 2012 interessiert sich Müller für dieses «kaum bekannte Kapitel schweizerischer Emigration». Sie hat Zeitzeugen und deren Nachkommen interviewt. Oral History nennt sich die Methode. Menschen geben «nicht nur Auskunft über ihr eigenes Denken und über ihre Vorstellungen, sondern vermitteln auch dichte Informationen über ihre früheren Lebensverhältnisse», wie der Historiker Heiko Haumann und der Soziologe Ueli Mäder schreiben.

«Es war alles ganz flach»

Das Buch über Claire Parkes, illustriert mit Fotografien, den Briefen aus Neuseeland sowie mit Tagebucheinträgen aus der späten Zeit des Paars in London, ist auch ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts. Historische Ereignisse und Persönlichkeiten fliessen als Anekdoten ein. Auf der Bahnfahrt nach Paris sieht sie etwa die Trümmer des Kriegs, ganze Landschaften sind zerstört. «Es war alles ganz flach», erinnert sie sich. Oder, in England: Da sind alle aus dem Häuschen, als der König stirbt und Elisabeth II. gekrönt wird – erstmals live am Fernsehen. Bei einem Londoner Aristokraten, dessen Partygäste jeweils ein Chaos hinterlassen («So untidy!»), lernt Claire gar eine echte Prinzessin kennen: Margaret, die Schwester der Queen, stolpert in ihre Küche und bedankt sich für das Essen.

Wie gut kann man sich das aussergewöhnliche Leben von «Tante Kläry», wie ihre Schweizer Verwandten sie nennen, als Roman oder Spielfilm vorstellen. Doch Müller, die in Bern und Wien Ethnologie und Germanistik studiert hat, hält ihre Fantasie zurück. Lieber lässt sie Claire zu Wort kommen, die als zweite Erzählerin auf ihre Geschichte zurückblickt. «Mittags gingen wir nach Hause zum Essen und dann wieder in den Wald», erinnert sie sich zum Beispiel an die arme, aber glückliche Kindheit auf dem kleinen Bauernhof in Zwingen im Laufental, das damals noch zu Bern gehörte.

Am 12. November 1913 kommt Klara Bärfuss als zwölftes von vierzehn Kindern auf die Welt. Der Vater, der in die Armee muss, stirbt danach an der Spanischen Grippe. Die Behörden stecken Klara und zwei ihrer Schwestern ins Kinderheim Mariazell in Luzern. Hier gibt es keine Liebe, sondern nur Arbeit, Religion, Schule und Strafen. Der Kontakt zur Aussenwelt ist eingeschränkt, nur für eine halbe Stunde Kommunionsunterricht beim Pfarrer dürfen die Kinder ins Dorf. Von den Bärfuss-Kindern werden nur die vier jüngsten älter als 27 Jahre. Die Mutter und fünf von Klaras Geschwistern sterben an Tuberkulose.

Nach dem üblichen Haushaltsjahr, mit fünfzehn Jahren, wird Klara als Dienstmädchen verdingt. Sie arbeitet für Kost und Logis. Sie hat mal Glück, mal Pech mit den Arbeitgebern. Mehrmals flieht sie vor schlagenden Herrinnen und grapschenden Herren. An anderen Orten darf sie Ski fahren oder Ausflüge machen. Im Tessin schmiedet sie Pläne für eine Reise nach Mailand. Sie hat bereits eine Zusage für eine Stelle, als wieder Krieg ausbricht. Sie meldet sich für den Frauenhilfsdienst der Armee.

Fast wähnt man sich in einem Tolstoi-Roman, so viele Personen und Schauplätze tauchen in kurzer Zeit auf. Leider fehlen Karten, Stichwortverzeichnisse und ein Stammbaum. Im Text selber werden Begriffe gut erklärt und Einzelschicksale in Claires Familie in historische Kontexte eingebettet. Dabei nimmt das Thema der Fremdplatzierung zu Recht eine zentrale Rolle ein. In den letzten Jahren sind viele Forschungs­beiträge erschienen, die sich um eine differenzierte Darstellung der damaligen Verhältnisse bemühen.

Zwei Anläufe ins Emmental

Gereist ist auch Simone Müller. Die Autorin berichtet zwischendurch im Re­por­tage­­stil von der Recherche, die sie bis nach England führte. Man merkt, dass sie sich gewohnt ist, komplexe Zusammenhänge und mehrere Erzählebenen miteinander zu verknüpfen. Das harmoniert, zusammen mit der sachlichen, rhythmischen Sprache. Nur manchmal, da gerät die an Romane gewöhnte Leserin in ein Dilemma. Wenn sie sich nämlich ein wenig mehr Ecken und Kanten in der Erzählung wünscht – hier einen unerwarteten Cliffhanger, da einen unerhört langen Satz oder andere Stilelemente, die aus der Reihe tanzen. Würde ja gut zur Geschichte dieser Dame passen.

Denn auch nach Neuseeland, das Stanley Hals über Kopf verlassen wollte, kommt Claire nicht zur Ruhe. Durch halb England und die halbe Schweiz reisen sie. Nach dem Tod ihres Manns überlegt sich Claire, nach Eggiwil zu ziehen. Sie kennt das Emmentaler Dorf nicht, aber es ist der Heimatort ihres Vaters. Nach einem ersten Versuch zieht sie 2013 abermals hin, wieder in dieselbe Alterswohnung, wo sie noch heute lebt, mittlerweile 101. Abermals eine Heimkehr in die Fremde.

Simone Müller: Über London und 
Neuseeland nach Eggiwil. Die Geschichte der Claire Bärfuss-Parkes. Verlag 
Hier und Jetzt, Baden 2015. 208 Seiten, etwa 39 Franken. 
Vernissage mit der Autorin: heute um 
19 Uhr in der Buchhandlung 
Haupt in Bern (Eintritt 12 Franken).

Der Bund

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