Ein Sheriff in den Bergen von Wyoming

Krimi der Woche: Die originellen und vergnüglichen Romanvorlagen von Craig Johnson für die erfolgreiche TV-Serie «Longmire» erscheinen jetzt auf Deutsch.

Sheriff Longmire macht sich auf die Suche nach zwei Vergewaltigern und dem Mörder der anderen beiden: «Bittere Wahrheiten» von Craig Johnson.

Sheriff Longmire macht sich auf die Suche nach zwei Vergewaltigern und dem Mörder der anderen beiden: «Bittere Wahrheiten» von Craig Johnson. Bild: Guillaume Paumier, CC-BY (https://guillaumepaumier.com)

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Der erste Satz:
«Bob Barnes sagt, sie haben draussen im BLM-Gebiet eine Leiche gefunden.»

Das Buch:
Der Krimi ist traditionell eher ein urbanes als ein rurales Genre; die Grossstadt, in der sich Gangster tummeln, ist lange Zeit so etwas wie seine natürliche Heimat gewesen. Es gab zwar den auf Deutsch erst sehr spät entdeckten Jim Thompson, der schon in den 1950er-Jahren wüste Geschichten in gottverlassenen Käffern ansiedelte, doch die literarischen Privatschnüffler und Cops ermittelten vorzugsweise in den Strassenschluchten von New York, Chicago oder Los Angeles. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert. Zum Glück nicht nur durch die in Deutschland boomenden Regionalkrimis, die leider allzu oft unsäglich sind.

Auch aus den USA kommen immer mehr Krimis, die in der tiefen Provinz angesiedelt sind. Dass die dünn besiedelte Bergregion von Wyoming eine gute Kulisse für Crime-fiction bildet, zeigt Craig Johnson mit seiner 2004 gestarteten Romanserie um Sheriff Walt Longmire. Die inzwischen 14 Romane sind in den USA nicht nur Bestseller, seit 2012 gibt es auch die erfolgreiche TV-Serie «Longmire», die inzwischen von Netflix übernommen wurde und von der bisher fünf Staffeln veröffentlicht wurden.

Jetzt kommen die Longmire-Romane erstmals auf Deutsch heraus; der Festa-Verlag hat die ersten drei Titel gekauft, und es bleibt zu hoffen, dass sie gut genug laufen, dass auch die weiteren Romane übersetzt werden. Der erste Band, im Original «The Cold Dish» betitelt, weil Rache ein Gericht ist, «das am besten kalt serviert wird», trägt auf Deutsch den banalen Allerweltstitel «Bittere Wahrheiten». Man würde sich die deutsche Übersetzung generell etwas eloquenter wünschen, aber auch so ist die Lektüre dank reichlich trockenem Humor, witzigen Dialogen und gut gezeichneten Figuren ein Vergnügen.

Walt Longmire, der Icherzähler, ist Sheriff im fiktiven Absaroka County, einer kargen Gegend, umgeben von hohen Bergen und Indianerreservaten. Seit seine Frau vor vier Jahren gestorben ist, ist er ein bisschen melancholisch. Sein bester Freund ist der Barbetreiber Henry Standing Bear; mit dem Ureinwohner war er auch im Krieg in Asien. Seine beste Mitarbeiterin ist Vic Moretti, eine Karrierepolizistin aus Philadelphia mit ziemlich provozierendem Mundwerk, die der Job ihres Mannes in die Gegend verschlagen hat.

Die Cops in Absaroka County sind mit so dramatischen Fällen wie einem Drive-by-Eierwerfen an der Mittelschule oder der Verkehrsregelung während des Montierens der Weihnachtsbeleuchtung im Hauptort Durant beschäftigt. Als ein notorischer Trinker den Fund einer Leiche meldet, nimmt Sheriff Longmire das zunächst nicht ernst. Doch dann ist es doch nicht nur ein Schaf, sondern ein Junge aus der Gegend, der mit einem ziemlich grossen Loch in der Brust auf einer Weide liegt. Longmire kennt ihn nur allzu gut: Er hatte ihn zusammen mit drei anderen der Vergewaltigung eines geistig behinderten Indianermädchens überführt, aber die vier bekamen dafür vom Gericht nur milde Strafen, was nicht nur Longmire gegen den Strich ging. Als dann der Nächste von der Viererbande tot aufgefunden wird, ist definitiv klar, dass es um mehr als einen Jagdunfall geht. Longmire und seine Leute machen sich auf die Suche nach den anderen beiden Vergewaltigern und nach einem guten Schützen, der seine Opfer aus mehreren Hundert Meter Distanz sicher trifft.

Craig Johnson erzählt eher bedächtig, holt oft weit aus, baut Geschichten aus dem früheren Leben seines Helden ein, schildert Landschaften und Schneestürme, das Leben der Indianer im Reservat. Langweilig ist das aber nie, weil Johnson sein Handwerk versteht. Und auch, weil er seine Hauptfigur auch immer wieder originell sein Leben und seine Arbeit reflektieren lässt. Zum Beispiel so: «Ich scheute bei öffentlichen Verlautbarungen lange Monologe und lebte mit der ständigen Angst, dass ich eines Tages den Mund aufmachen und versehentlich die Wahrheit sagen würde. Bis jetzt war das noch nie passiert; auch das bereitete mir Sorgen.»

Die Wertung:

Der Autor:
Craig Johnson, geboren 1961 in Hurlington, West Virginia, studierte Literatur und promovierte in Theaterwissenschaften. Er war unter anderem als Polizist in New York, Universitätsprofessor, Cowboy, Berufsfischer und Lastwagenfahrer tätig, bevor er sich als Schriftsteller in Wyoming niederliess. Die Serie um Sheriff Longmire machte ihn berühmt. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. In der Kleinstadt Buffalo, Wyoming, dem Vorbild für Johnsons fiktive Stadt Durant, finden seit 2012 jährlich die «Longmire Days» statt, ein Festival, das jeweils mehr als 10’000 Besucher anlockt. Johnson lebt mit seiner Frau Judy auf einer Ranch in Ucross, einem Ort mit 25 Einwohnern auf über 1240 Metern, der wie Buffalo im Sheridan County liegt.

Craig Johnson: «Longmire – Bittere Wahrheiten» (Original: «The Cold Dish», Viking/Penguin, New York, 2004). Aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann. Festa, Leipzig, 2017. 507 S., ca. 17 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 11:12 Uhr

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