Ein Mann der Kirche, durch und durch

Bischof in der Zwinglistadt: Der 90-jährige Jesuit Peter Henrici legt einen bemerkenswerten Rechenschaftsbericht vor.

Paul Vollmar (links) und Peter Henrici (rechts) wurden 1993 dem Churer Bischof Wolfgang Haas zur Seite gestellt. Foto: Ulrich Nusko (Forum)

Paul Vollmar (links) und Peter Henrici (rechts) wurden 1993 dem Churer Bischof Wolfgang Haas zur Seite gestellt. Foto: Ulrich Nusko (Forum)

Michael Meier@tagesanzeiger

Das Foto von 1993, das sich im Bildteil des neuen Buchs findet, zeigt den Churer Bischof Wolfgang Haas umrahmt von Paul Vollmar und Peter Henrici. In der Bildunterschrift zitiert der Autor den launigen Ausspruch des damaligen Präsidenten der Bischofskonferenz, Henri Salina: «Wenn in Asien ein junger Elefant nicht gut arbeitet, spannt man ihn zwischen zwei alte Elefanten.» Dies tat Rom auf dem Höhepunkt der Churer Bistumskrise mit Bischof Haas, indem es ihm Vollmar und Henrici als Weihbischöfe zur Seite stellte. Doch gerade über die Spannungen und Querelen mit dem ungeliebten Churer Hirten schweigt Henrici sich aus.

Die teils bereits publizierten, teils unveröffentlichten Erlebnisberichte, Vorträge und Predigten des 90-Jährigen sind «eine Art Rechenschaftsbericht», verfasst von einem Christen, der das Denken zum Beruf gemacht hat und der in keine Schublade passt. Obwohl keine Biografie, führt das Buch einer ungewöhnlichen Vita entlang. Der Zürcher Henrici wurde in der Zwingli-Stadt spät, aber mit einem Schlag bekannt, als er 1993 erster ansässiger Bischof seit der Reformation wurde.

Den Spiess umgedreht

Über sein reiches Vorleben war und ist wenig bekannt. Als Altphilologe trat Henrici 1947 in den Orden der Jesuiten ein, zu einer Zeit also, als diese als Staatsfeinde verschrien und deren Gemeinschaften kraft Bundesverfassung verboten waren. Von 1960 bis 1993 dozierte er als Professor für neuere Philosophie­geschichte an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Damals lernte er die im Buch porträtierten illustren Persönlichkeiten kennen: den Theologen Karl Rahner, die Kardinäle Carlo Maria Martini und Joseph Ratzinger oder die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II.

Peter Henrici ist ein Mann der Kirche, durch und durch. Das Buch heisst «Erlebte Kirche». Eigentlich müsste es «Erträumte Kirche» oder «Erhoffte Kirche» heissen. Wobei Henrici klarmacht, dass sich die Kirche immer an ihrem Idealbild orientieren und ein Leuchtturm sein muss. Zu jeder Zeit hätten Christen versucht, «das Urbild zu realisieren und schon auf Erden etwas vom himmlischen Jerusalem anzuzeigen». In den Mönchsgemeinschaften und neuen kirchlichen Bewegungen etwa, die gemäss Henrici heute die meisten Priester hervorbringen. Stets die ideale Kirche vor Augen, spart der Bischof mit Kirchenkritik. Die Kirchenkrise in postkonfessioneller Zeit führt er mehr auf gesellschaftliche als auf innerkirchliche Faktoren zurück.

Als junger Professor in Rom erlebte er, wie sich die erstarrte Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) grundlegend verändert hat: Sie entdeckte die Geschichtlichkeit der eigenen Dogmen und der Bibel, wandte sich dem Menschen zu und – mit dem Begriff «Aggiornamento» – der Moderne. So hat sie mit 200-jähriger Verspätung den demokratischen Rechtsstaat samt Menschenrechten wie Religionsfreiheit anerkannt.

Interessant ist nun zu sehen, wie der Jesuit den Spiess umdreht und den heutigen Glaubensschwund mentalitätsgeschichtlich erklärt: «Unsere Schweizer Gesellschaft», meint er, mache «gegenwärtig mit zweihundertjähriger Verspätung ein Aufklärungszeitalter durch samt den historisch bekannten Begleiterscheinungen des Deismus, der Leugnung der Erbsünde, der Kirchen- und Priesterkritik und des wuchernden Aberglaubens». Für Henrici ist es offenbar nicht vorstellbar, dass die Aufklärung ein fortlaufender Prozess ist und sich mit jenem der Säkularisierung überlappt.

Schweizer Sonderfall

Dabei ist der Philosoph durchaus beweglich. Als Bischof hat er sich mit dem Schweizer Sonderfall arrangieren müssen, mit dem im Kanton Zürich entstandenen, weltweit einzigartigen dualen System und seiner Verdoppelung der Kirchenstrukturen: Der hierarchischen Bischofskirche steht die demokratische staatkirchenrechtliche Körperschaft gegenüber. Sofern diese gedeihlich zusammenarbeiten, kann Peter Henrici der Doppelstruktur viel Gutes abgewinnen, etwa den Einbezug der Laien.

Einige früher verfasste Texte sind nicht mehr ganz auf der Höhe der Diskussion. So ist Henricis Wertschätzung für die öffentlich-rechtliche Anerkennung der christlichen Kirchen noch unbeeinflusst von der veränderten religiösen Landschaft und der Präsenz des Islam. Auch seine in Zürich erlernte Offenheit für die Ökumene wirkt etwas altbacken. Trotz seiner Freundschaft mit dem damaligen reformierten Kirchenratspräsidenten Ruedi Reich und dem gemeinsamen Credo, dass die Kirchen heute mehr verbindet als trennt, hatte er 2003 in Witikon das gemeinsame Abendmahl der Osternacht verboten – der Kirchenspitze zuliebe, der Basis zum Missfallen.

Auffallend, wie reformatorisch und daher widersprüchlich Henrici zum Teil denkt. Weil das Gottesreich menschlich nicht machbar sei, sei das unberechenbare Wirken des Geistes entscheidender als kirchliche Organisation und menschliche Leistung. Ja, Peter Henrici hält mit dem reformierten Kirchenvater Karl Barth das Christentum weniger für eine Religion oder Kirche, sondern für einen Glauben. Erstaunlich für einen Bischof der römischen Kirche, die ihre Strukturen samt Recht lückenlos organisiert und nichts dem Zufall überlässt. Sein Buch «Erlebte Kirche» untermauert selber den spezifisch römisch-katholischen Glauben an die Institution.

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