Ein Heizgerät für Hadis Familie?

Sarah Glidden begleitete junge US-Journalisten in den Irak und nach Syrien. Sie hinterfragt deren Rolle in der Comic-Reportage «Im Schatten des Krieges».

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) – sie kann im Krieg auch Journalisten treffen. Bild: Sarah Glidden, «Im Schatten des Krieges»

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) – sie kann im Krieg auch Journalisten treffen. Bild: Sarah Glidden, «Im Schatten des Krieges»

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Hadi sieht aus wie 40, dabei ist er 27 – zwei Jahre jünger als die US-Journalistin, die ihn im abgerissenen Zelt interviewt. Das Zelt steht in einem Flüchtlingslager im irakischen Kurdistan bei der Stadt Sulaymaniyah. Man sitzt auf dem Boden, alles wirkt notdürftig, improvisiert, abbruchreif.

Sarah Gliddens Comic-Reportage «Im Schatten des Krieges» ist schonungslos ehrlich – auch gegenüber eigenen Vorurteilen. Und in dieser Episode zoomt der Dok-Band in acht vielsagenden Comic-Panels aufs Lager und auf Hadi zu, ehe dessen erstes Wort fällt. Es sind Panels, die über staubige Strassen durch jene offene Wunde führen, die der Irak seit dem Angriff der Amerikaner 2003 ist, und hin zum Gespräch mit dem Lagersprecher, der von den 60 Familien erzählt, die dort leben und warten.

Unethisches Helfen?

Es sind Menschen wie Hadi. Mit Frau, Kindern und den Kindern seines grossen Bruders floh er aus Mosul hierher: Vom Bruder wurde der abgeschnittene Kopf gefunden, nachdem er es gewagt hatte, für eine amerikanisch-irakische Polizeistation Malerarbeiten zu übernehmen. Und der jüngere Bruder kam vor Hadis Augen bei einer Explosion ums Leben. Jetzt hofft er wider besseres Wissen, dass ihm irgendwer irgendwie helfen wird, ihm eine Perspektive gibt. Oder wenigstens ein Heizgerät: Seine Familie und er frieren bitterlich im Zelt.

«Erklär ihm, dass wir Journalisten sind, keine NGO-Leute, und wahrscheinlich nichts tun können», bittet die Journalistin ihren kurdischen Kollegen Kamran, der für sie übersetzt. Ihr journalistisches Ethos verlangt, niemanden zu täuschen, unabhängig zu arbeiten, keinen Schaden anzurichten, zuzuhören, nicht einzugreifen, nicht die Lage zu verfälschen, keine Zeugen zu beeinflussen – weder durch Geschenke, noch durch das Wecken falscher Hoffnungen. Kamran, selbst ein Vertriebener, sieht das etwas anders. «Kann man überhaupt über das Leben eines Menschen berichten, ohne darin einzugreifen?», lautet für ihn die Frage. Kamran gibt Interviewpartnern zwar nie etwas fürs Gespräch. «Aber manchmal brauchen sie Hilfe.» Er wird ein Heizgerät für Hadi besorgen.

Kriegsveteran mit im Boot

Mit solchen Fragestellungen schlägt sich das Journalistenteam des 2005 gegründeten «Seattle Globalist» herum, während es Ende 2010 zwei Monate lang mit Filmkamera, Laptop und Aufnahmegerät den Nahen Osten bereist – von Istanbul über Van nach Sulaymaniyah (Irak), und von dort weiter nach Damaskus (Syrien). Und der Comic-Band über die Recherchefahrt zeichnet jeden Zweifel, jede Wendung auf wie ein Seismograf. Er fasst als eine Art metajournalistischer Reportage in anschaulichen Szenen, wo und wieso Journalisten ihre Arbeit hinterfragen, was sie erreichen wollen, wann sie scheitern.

Man trifft Kollegen, fachsimpelt über den Zusammenbruch des Fotojournalismus nach Kriegsende und über die Neuausrichtungen heute. Mit von der Partie ist ein befreundeter amerikanischer Irakkriegsveteran, der mit eigenen Augen sehen will, wie es um Land und Leute sieben Jahre nach der «rettenden» Invasion bestellt ist. Die Journalistenregel, auch der anderen Seite Gehör zu geben, ist nun die seine. Er selbst hat – trotz erbitterter Kämpfe in Ramadi – vor allem positive Erinnerungen an den Dienst. Und die möchte er nicht aufgeben.

Es ist für die «Globalists» nicht die erste ausgedehnte Reportagereise, aber die anspruchsvollste. Vieles ist am Anfang offen, noch stehen nicht alle Kontakte; und fixe Abnehmer für die angedachten Geschichten gibts auch nicht. Sie müssen ihre Storys über Menschen, die durch den Irakkrieg auf die eine oder andere Weise ihr Zuhause verloren, marketingfähig anlegen. Sie gehen dabei mit Bedacht vor. Immerhin haben sie eine feste Onlineplattform: ihr eigenes Non-Profit-Medium. Es verfügt als Ort für innovativen Journalismus über gesellschaftliche und humanitäre Fragen, als Hallraum für Stimmen der Diversität, schon 2010 über einen guten Namen.

2016 sind die drei «Globalist»-Gründer – Jessica Partnow, Alex Stonehill und Sarah Stuteville – allesamt mehrfach preisgekrönte Journalisten; sie unterrichten auch Journalismus. Bei der langen Tour nach Damaskus vor sechs Jahren hatten sie aber ihrerseits eine vierte Gewalt, eine Kontrollinstanz dabei. Eine Studienkollegin und alte WG-Genossin von Stuteville beobachtete die Globalists quasi als «embedded journalist» beim Story-Finden und Story-Bauen – eben Sarah Glidden.

Human ohne Sentimentalität

Kollegin «Glid» entwickelt in «Im Schatten des Krieges» eine pralle Reportage entlang der Leitfrage «Was ist Journalismus?». Das Buch geht weit über jede Nabelschau hinaus, verknüpft den Blick auf die Welt mit Grundsatzfragen der Mediengesellschaft: Es ist ein starkes Stück Comic-Journalismus. Die 1980 in Boston geborene Wahl-Seattlerin steckt auf rund 300 Seiten Hardcore-Informationen, Zahlen und Fakten über irakisches Leben im Jahr 2010 in der Türkei, in Syrien und im Irak in sehr zugänglich gezeichnete Erzählpakete. Und Gliddens fiktive Visualisierungen der diversen Augenzeugenberichte lassen die Vergangenheit auf eine Weise lebendig werden, wie das im Filminterview nie gelingen kann. Die Zeichnerin fokussiert auf die Menschen, kultiviert den Human Touch, ohne zu sentimentalisieren. Sie malt sich als recherchierende, interpretierende, auch mal fehldeutende Journalistin konsequent in die Panels mit ein. Und sie sucht hinter den Einzelstorys politisch wie journalistisch das grosse Ganze. Quo vadis vierte Gewalt?

Die drei Globalists hatten 2009 eine Reportage über den Untergang der Printausgabe des über 150-jährigen «Seattle Post-Intelligencer» gemacht. Aber auch sie als Digital Natives müssen kämpfen. «Die Leute sind vollauf mit sich selbst beschäftigt und bringen vielleicht eine Viertelstunde am Tag für etwas auf, was nicht direkt mit ihnen zu tun hat. Wie schaffe ich es, dass sie diese Viertelstunde meiner Geschichte widmen?», rätselt etwa Stuteville in «Rolling Blackouts». So nämlich titelt der im Oktober erschienene Originalband Gliddens – benannt nach der regelmässigen, von Quartier zu Quartier «rollenden» Stromabschaltung in Sulaymaniyah – und nach den wiederkehrenden blinden Flecken im eigenen Sichtfeld, dem Dunkel in Fremd- und Selbstverständnis. Grossartig, dass das kluge Logbuch nun auf Deutsch vorliegt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2016, 09:21 Uhr

Graphic Novel

Sarah Glidden: Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei. Reprodukt, Berlin 2016. 290 S., ca. 42 Fr. Hier gehts zur Leseprobe.

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