Ein Fall für zwei

Rezension

Astérix sucht im neuen, 35. Band die Schotten heim. Zugleich erobert der Gallier die französische Nationalbibliothek, die ihm eine grossartige Ausstellung widmet. Das neue Abenteuer ist weniger gelungen.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Diesmal reisen Astérix und Obélix zu den Pikten, wie die Schotten damals hiessen. Weil aber die Serie ihren satirischen Reiz daraus bezieht, im Vergangenen das Heutige zu parodieren, haben die Pikten von gestern viel mehr mit den Schotten von heute gemeinsam – oder wenigstens ihren Klischees. So geht es um Whisky, Kilt und Wetter, um Gesang und rote Haare, um kühle Temperaturen und hitziges Temperament. Und das Monster von Loch Ness schwimmt auch vorbei.

«Astérix chez les Pictes», der 35. Band in 42 Jahren, wurde gestern mit einer Startauflage von fünf Millionen lanciert. Die Gallier reisen wieder, aber ohne ihre Schöpfer. Erstmals wird die Serie von zwei Neuen gezeichnet und geschrieben: Didier Conrad, einem französisch-schweizerischen Doppelbürger, und Jean-Yves Ferri, Mitarbeiter beim ­Comicmagazin «Fluide glacial». Die beiden haben versprochen, die Serie an ihre besten Zeiten zurückführen. Damit setzen sie sich hohen Ansprüchen und einer intensiven Begutachtung aus. Schliesslich wurden die Astérix-Bände in 107 Sprachen übersetzt, darunter Lateinisch, und haben sich schon 350 Millionen Mal verkauft.

Herumfliegende Römer

Die besten Zeiten von Astérix fallen mit der gemeinsamen Zeit ihrer Schöpfer zusammen: dem Texter und Szenaristen René Goscinny (auch von Lucky Luke, dem Petit Nicolas und anderen) und dem Zeichner Albert Uderzo. Nach etwas ungelenkem Start produzierten die beiden Freunde mit «Astérix et Cléopâtre» (1965) ihr erstes Meisterwerk. In 18 Jahren schrieben und zeichneten sie 24 Bände. 1977 starb Goscinny mit 51 Jahren an einem Herzinfarkt – auf dem Hometrainer seines Kardiologen, komischer hätte nicht mal er sich seinen Tod ausmalen können. Goscinny sei für die «bande dessinée», was der Eiffelturm für Paris und Balzac für den französischen Roman, notierte «Le Monde» in seinem Nachruf.

Für viele war mit Goscinny auch Astérix gestorben. Die acht Folgebände wurden zwar von Albert Uderzo gezeichnet, aber leider auch ausgedacht und getextet. Er banalisierte den Gallier zur kommunen Comicfigur, frei von Geist, List und Ironie. Jetzt hat auch Uderzo den Stift aus der Hand gegeben. Der 86-Jährige fühlt sich zu alt für die «Toc!», «Tchac!», «Poum!», «Splatch!», «Bzing!», «Schplockk!» und andere Lautmalereien, die sich aus der Kollision von Galliern unter Zaubertrank und herumfliegenden Römern ergeben.

Immerhin hat sich der Zeichner jede Seite des neuen Abenteuers zeigen lassen und das Titelbild von «Astérix chez les Pictes» mitgestaltet. Wie es Astérix und Obélix in Schottland ergangen ist und was man von ihrem neusten Abenteuer halten kann, davon später, zuerst ein wenig Kultur.

Ein Monument eingenommen

Astérix mag zwar Amerika entdeckt haben und bis nach Indien gekommen sein, er hat mit seinen Mitgalliern Römer dezimiert und Piraten versenkt, hat Kleopatra zu Ruhm verholfen und den Briten zum Tee, er hat in einem Schweizer Banksafe übernachtet und die Korsen geeint, aber all seine Schlachten und Reisen und Witze und Wildschweinvertilgungen mit seinem dicksten Freund sind nichts gegen das, was dem Kleinen letzte Woche gelungen ist: Der Gallier hat die BNF erobert, die Bibliothèque Nationale de France. Gegen die Einnahme dieser Bildungshochburg sind die Siege über Römer, Goten und Wikinger ein Klecks.

«Astérix à la BNF!» steht auf den Pariser Ausstellungsplakaten, komplett mit Ausrufezeichen, dem Satzzeichen der Comicsprache, und man fragt sich, wofür es steht, Stolz oder Ironie? Die Frage erübrigt sich, weil Astérix und seine Mitgallier beides verkörpern. Den Stolz auf die mythische französische Identität und die Ironie über den Umgang mit ihr. Goscinny und Uderzo machen mit Frankreich, was Astérix und Obélix mit den Römern anstellen: eine Demontage.

Die beiden Gallier seien «in einem einzigen, zweistündigen Gelächter entstanden», erfährt man in der Ausstellung – 1959 an einem heissen Augusttag, zu Hause bei Uderzo und mithilfe grosser Mengen von Pastis und Zigaretten. Es waren zwei Immigrantensöhne, welche die französische Geschichte umzeichnen sollten. Alberto Aleandro Uderzos Eltern waren aus Italien eingewandert, Goscinnys Grossvater, ein polnischer Rabbiner, war vor den Pogromen geflohen. Uderzo wollte einen blonden Recken zum Helden, Goscinny fand das als Jude, der Verwandte in Auschwitz verloren hatte, nicht so gut; er zog einen kleinen Schlauen vor. Dafür durfte Uderzo einen einfachen Dicken dazugesellen.

Seither destabilisieren Astérix, Obélix und ihre Dorfmitbewohner die Pax Americana, terrorisieren die Unterdrücker und helfen den Unterdrückten, das Personal ist auf 325 Figuren angewachsen, die dazugestossenen schottischen Komparsen nicht einberechnet. Und wenn grad Friede herrscht, gehen die Gallier aufeinander los. Oder auf ihren Barden Assurancetourix, wie er in der Originalfassung heisst, der fast jede Episode im geknebelten Zustand beendet.

Die Résistance in Vichy

Nun meldet Julius Cäsar in seinem «De bello Gallico» kein gallisches Widerstandsnest in der Bretagne, auch wenn er zweimal die Gegend Aremorica erwähnt, die der Bretagne und Normandie entspricht, und zwar beide Male im Kontext des gallischen Widerstands gegen die römische Besatzungsmacht.

Wie die gallischen Kriege ausgingen, daran erinnert die Ausstellung der BNF mit dem Mahnbild von Lionel-Noël Royer von 1899, es zeigt den gallisch-keltischen Kriegsfürsten Vercingétorix auf den Knien vor Cäsar. Nur kann man sich das Bild nicht ansehen, ohne sofort an Uderzos Karikatur zu denken, bei der Vercingétorix Cäsar die Waffen nicht vor, sondern auf die Füsse wirft – und der Sieger in einer Weise aufschreit, wie sie nur Uderzo zeichnen kann.

Auch beim Anblick von Vercingétorix kommt keine feierliche Stimmung auf. Zwar fällt einem bei seinem Anblick der tapfere Widerstand der Gallier ein. Aber auch das Gebaren von Abraracourcix, dem runden Dorfchef. Der erinnert sich im «Bouclier Arverne» (1968) ausge­rechnet dann an den Widerstand, als er sich im Kurort Vichy einer Fastenkur unterzieht.

Die boshafte Kombination aus Résistance-Mythos und Vichy-Regime macht deutlich: Goscinny und Uderzo behandeln die Geschichte nicht als Epoche, sondern als Unterlage, als Karikatur der Gegenwart. Was die beiden an der Antike am meisten interessiert, sind Uniformen, Waffen, Kleider, Geräte und lateinische Merksätze. Alles Übrige, wie die Pariser Ausstellung anhand von Goscinnys Drehbüchern und Uderzos grossartigen, im doppelt so grossen Format angefertigten Originalzeichnungen zeigt, zielt auf eine Parodie der Gegenwart. «Il faut vivre avec le temps», sagt Obélix einmal: «Il faut être antique.»

Virtuos parodieren Goscinny und Uderzo literarische Werke und historische Figuren, persiflieren Bürokratie, Militär und Politik, kombinierte Sprichwörter, Filmszenen, Romane, Gassenhauer, Redewendungen, Namen und ­lateinische Redensarten. Sie karikieren die Mythen der französischen Republik, von der Sehnsucht nach napoleonischer Grösse bis zur Nachstilisierung der ­Résistance, und lassen sie mit den ­Alltagserfahrungen ihrer Landsleute ­kollidieren.

René Goscinny, der Sprachvirtuose, arbeitet Bildungsfetzen, Anspielungen, Parodien, Wortspiele und Kalauer in die Dialoge ein, die von Albert Uderzo mit seinem kongenialen Bildwitz umgesetzt werden, der sich ebenso gekonnt wie hemmungslos an Mythen, Bildern, Filmen und den Comics der anderen bedient. Allein mit den Politikern, Schauspielern, Musikern und anderen Prominenten, die Uderzo römisch oder gallisch ausstaffiert, liesse sich eine Ausstellung bestücken, die BNF zeigt einige der besten: Lino Ventura als cholerischen Centurio, Kirk Douglas in der Rolle des Spartakus, Sean Connery als römischen Spion.

Und die Prominenten lesen Astérix nicht nur, sie mischen sich in seine Abenteuer ein. Georges Pompidou empfahl öffentlich, Astérix einmal zu den Helvetiern zu schicken. Worauf Uderzo und Goscinny ein paar Jahre warteten, bevor sie den Rat umsetzten. Auf keinen Fall sollte Frankreich den Eindruck bekommen, sie würden sich dem Präsidenten beugen. Gallier unterwerfen sich nicht, wenn man sie angreift; sie stehen auf und schlagen zurück, bis alle dort liegen, wo sie hingehören: am Boden. Und jetzt also Astérix bei den Schotten, ein neues Abenteuer mit einem neuen Zeichner, einem neuen Texter und einigen alten Konfrontationen, die auf dem Weg zum alle versöhnenden Schlussbankett bei Feuerschein und im Speckglanz grillierter Wildschweine nicht fehlen dürfen. Der Streit zwischen dem Schmied und dem Barden zum ­Beispiel, der Dauerstreit zwischen dem Dorfchef und seiner unbeeindruckten Gattin, die dauernd im Wege segelnden Piraten.

Eingefrorene Geschichte

Aber wie ist Didier Conrad und Jean-Yves Ferri das erste Abenteuer gelungen nach all den Erwartungen, die sie mit ihren Ankündigungen geweckt haben? Das Beste zuerst: Das versprochene Abenteuer ist auch eines – eine abwechslungsreiche, gut strukturierte, von witzigen Wendungen begleitete Geschichte, wie man sie seit Goscinny bei Uderzo kaum je gesehen hat. Die Geschichte beginnt im Winter, als müsse die Geschichte von Astérix selber aus dem Permafrost der Vergangenheit getaut werden. Am winterlich gefrorenen Ufer vor dem Gallierdorf wird ein Eisblock angeschwemmt, in dem ein tiefgekühlter Mann steckt mit allen Attributen, an denen man den Schotten erkennt. Zwölf Seiten und mehrere Behandlungsversuche weiter hat der kühle Gast seine Erinnerung, seinen Verstand und seine Aura wiedergefunden, was bei den Dorfbewohnerinnen für Heftigkeit und bei ihren Männern für Eifersucht sorgt.

Als fehle der Zaubertrank

Mac Oloch, wie der junge Pikte heisst, ist einer Clanintrige zum Opfer gefallen und bangt um das Schicksal seiner Angebeteten. Er reist mit Astérix und Obélix in seine Heimat zurück, um den bösen Clanchef zu besiegen, die Schöne zu befreien, die Seinen zu einen und die störenden Römer zu atomisieren.

Die Geschichte funktioniert, die lokalen Stereotypien geben das Nötige her. Trotzdem wird man mit dem ersten Versuch der neuen Garde nicht froh, warum? Es hat mit der Fallhöhe zwischen Anspruch und Realisierung zu tun. Im Vergleich zu Albert Uderzo zeichnet Didier Conrad zu weich, zu kindlich. Überhaupt wird man den Verdacht nicht los, die Serie werde für eine neue Käufergeneration verharmlost. Auch Ferri enttäuscht in den Details. Er liefert ein anständiges Skript ab, entwickelt bei den Dialogen aber nie die Dichte, Brillanz und Subtilität von René Goscinny. «Astérix chez les Pictes» bleibt, trotz vielem Whisky und dichten Schotten, eine ernüchternde Lektüre: ein Abenteuer zwar, aber ohne Zaubertrank.

«Astérix chez les Pictes» (Editions Albert René) «Astérix à la BNF!», bis zum 19. Januar (www.bnf.fr)

DerBund.ch/Newsnet

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