Die weibliche Freude an der Wohltätigkeit

Ein Buch rückt das weibliche Mäzenatentum ins Zentrum. Unter den Porträtierten sind auch die beiden Bernerinnen Marlies Kornfeld und Janine Aebi-Müller.

Das Museum Creaviva ist ihr «Kind»: Janine Aebi-Müller plädiert für ein «Vetorecht der Stifterfamilie».

Das Museum Creaviva ist ihr «Kind»: Janine Aebi-Müller plädiert für ein «Vetorecht der Stifterfamilie».

(Bild: Museum Creaviva)

Sie gehört zwar nicht zu den 20 porträtierten Frauen, die Berner Unternehmerin und Mäzenin Ursula Streit hat aber, gleichsam als aktuellstes Beispiel, mit ­ihrer kürzlich publik gewordenen Millionenspende an das Kunstmuseum das Scheinwerferlicht auf weibliche Philanthropen gerichtet.

Das von der Stiftung Rudolf und Ursula Streit gespendete Geld soll im Zusammenhang mit dem Gurlitt-Erbe hauptsächlich für den Aufbau und Betrieb einer Berner Forschungsstelle verwendet werden. Die frühere Leiterin des Scherz-Verlags hat sich in der Vergangenheit bereits verschiedentlich als Gönnerin betätigt, etwa beim unlängst eröffneten Berner Haus der Religionen.

Gibt es überhaupt so etwas wie typisch weibliches Mäzenatentum? Handelte Anna Seiler, die Stifterin des Berner Inselspitals, besonders geschlechtsspezifisch, als sie im Jahr 1354 testamentarisch detailliert verfügte, was mit ihrer Hinterlassenschaft zu geschehen habe und wie genau sie eingesetzt werden solle?

Elisa Bortoluzzi Dubach und Hans­rudolf Frey, das Autorenduo eines Buches über 20 Mäzeninnen aus dem mitteleuropäischen Raum, sprechen immerhin von einem «nachahmenswerten Grund­modell», stellen jedoch auch fest, dass die eigentliche Arbeit der Philanthropen geschlechtsneutral sei.

Die Herangehens- und Denkweise, die Art, Entscheidungen zu fällen und Risiken einzugehen: All dies weise jedoch durchaus geschlechtsspezifische Eigenarten auf. Tatsache ist, dass die Zahl der Mäzeninnen auch in der Schweiz rasant wächst.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Zahlen: Rund die Hälfte der Vermögen von Philanthropinnen ist immer noch ererbt, je ein Viertel ist durch Heirat erworben oder selbst verdient, etwa in Familienunternehmen. Der Trend geht jedoch – Spiegel der veränderten wirtschaftlichen und sozialen Rolle der Frauen – eindeutig zu selbst erwirtschaftetem Stiftungskapital.

Laut Studien tendieren weibliche Wohltäter mehr dazu, situativ an Organisationen zu spenden, mit denen sie vorher schon in Berührung gekommen sind, oder an Menschen, die sie persönlich kennen. Sie verteilen das eingesetzte Geld auch auf eine grössere Anzahl von Projekten als Männer, die ihre Spendentätigkeit eher strategisch bündeln und sich auf Wohltätigkeitsorganisationen konzentrieren.

Der ausgerollte «rote Teppich»

In den Gesprächen habe sich gezeigt, dass es aktiven Mäzeninnen im Vergleich zu Männern oft besser gelinge, zusätz­lich zu den eigenen Ressourcen im Freundeskreis oder bei anderen Institu­tionen Drittmittel für Projekte zu gewinnen. Die Schriftstellerin Susanna Tamaro unterstützt mit ihren Stiftungen unter anderem soziale Projekte in Italien und Kolumbien.

Hilde Schwab, die Ehefrau von WEF-Gründer Klaus Schwab, fördert mit ihrer Stiftung nachhaltiges soziales Unternehmertum. Die Unternehmerin Carolina Müller-Möhl versteht sich weniger als Spenderin und mehr als «soziale Investorin», und die Baslerin Gisela Kutter zog die Fäden bei der vorwiegend privaten Finanzierung des Basler Schauspielhauses durch die Stiftung Ladies First.

Besonderes Interesse wecken aus Berner Sicht die Porträts von Marlies Kornfeld und Janine Aebi-Müller. Die heute 74-jährige Marlies Kornfeld, aus ­einer Industriellenfamilie stammend und lange mit dem Galeristen Eberhard Kornfeld verheiratet, hat eine hochkarätige eigene Kunstsammlung und ab 1995 in Nepal eine Schule für 230 Kinder aufgebaut.

«Frauen kommen anders als Männer meistens vom Praktischen her», sagt Kornfeld und setzt folgerichtig bei ihren mäzenatischen Unternehmungen auf ein pragmatisches Vorgehen. Ihr Motto lautet denn auch: «Konzentriere dich in deiner Arbeit, vergehe nicht vor Mitleid.»

Ziemlich pointiert äussert sich Janine Aebi-Müller, die Präsidentin des Stiftungsrates des Kindermuseums Creaviva. Mit Blick auf das Zentrum Paul Klee, dessen Bau und Infrastruktur ihr Vater Maurice E. Müller finanzierte, spricht sie die Schwierigkeiten (von Stadt und Kanton Bern) im Umgang mit Millionengeschenken an. Klare, schriftlich formulierte «Spielregeln» würden vor Überraschungen schützen, sagt Aebi.

Überraschungen wie die «chronische Unterfinanzierung» oder nicht einkalkulierte Folgekosten im Zentrum Paul Klee in den letzten Jahren. Ein Businessplan sei ebenfalls unerlässlich zur «Klärung der Verantwortung für die Betriebskosten». Ein «Vetorecht der Stifterfamilie» erachtet sie als zwingend, um den zweckgebundenen Einsatz der Mittel wenn nötig sicherzustellen.

Wenn sie von der Betreuung von Mäzenen durch die öffentliche Hand spricht – Bern hat hier nicht immer eine glückliche Hand bewiesen, wie das schwierige Verhältnis zwischen dem Kunstmuseum Bern und Hansjörg Wyss zeigt –, ist auch eine gewisse Enttäuschung spürbar: ­«Guter Umgang mit Mäzenen und Stiftern verlangt den roten Teppich nicht nur vor, sondern auch nach dem Vertrags­abschluss.» Auf die Frage, ob ihre Eltern heute das Geld anders einsetzen würden, antwortet Janine Aebi-Müller im Buch denn auch mit einem schlichten «Ja».

Die zuweilen mit einem etwas gar schmeichlerisch-bewundernden «Pinselstrich» skizzierten Porträts werden ergänzt durch einen historischen Einführungsteil und einem Anhang mit Adressen und Ausbildungsmöglichkeiten. Insgesamt liegt aber ein Lesebuch und Nachschlagewerk vor, das eine Lücke schliesst.

Elisa Bortoluzzi Dubach, Hansrudolf Frey: Mäzeninnen. Denken. Handeln. Bewegen. Haupt-Verlag, Bern, 2014, 248 Seiten, 52.90 Fr.

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