Die Wunden der EU

Der französische Soziologe Emmanuel Todd sieht schwarz für die europäische Union. Insbesondere Deutschland kritisiert er hart.

Entfernen sich Deutschland und Frankreich? Angela Merkel und Emmanuel Macron. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Entfernen sich Deutschland und Frankreich? Angela Merkel und Emmanuel Macron. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

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Auch wenn er ab und zu übertreibt oder zu Provokationen neigt, muss man diesen Mann ernst nehmen: In seinem ersten Buch, «Vor dem Sturz», prophezeite Emmanuel Todd 1976 den Untergang der Sowjetunion. Seine sozialen und demografischen Untersuchungen hatten ergeben, dass die Kindersterblichkeit in der Sowjetunion zwischen 1970 und 1974 im Unterschied zum gesamten Westen gestiegen ist. Dies war für den Wissenschaftler ein klares Indiz dafür, dass das sozialistische Modell keine Zukunft haben konnte.

Eine Zukunft als Präsident der USA hingegen sagte der französische Soziologe 2016 dem Kandidaten Donald Trump voraus. In der Tatsache, dass die Sterblichkeit der 45- bis 55-jährigen weissen Amerikaner zwischen 1999 und 2013 angestiegen war, sah er einen Indikator für einen bevorstehenden politischen Kurswechsel. Da die meisten Todesursachen im psychosozialen Bereich (Suizid, Alkoholismus, Vergiftung) lagen, also gesellschaftlich bedingt waren, liessen sie sich verändern – etwa durch Wahlen.

Datensätze sprechen Bände

In seinem neuen Buch, «Traurige Moderne», schreibt der Wissenschaftler «eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo Americanus» – so der Untertitel – anhand von ­verschiedenen Familientypen. Auch wenn dieses ambitionierte Unterfangen, das von Asien über Afrika bis nach Europa und Nordamerika führt, an allzu monokausalen ahistorischen Deutungen scheitert, lohnt sich die Lektüre dennoch. Denn immer dann, wenn sich Emmanuel Todd um gesicherte Daten kümmert und nicht in prähistorischen Zeiten wühlt und spekuliert, zeigt er seine analytische Stärke.

Während Emmanuel Todd neben Japan Deutschland als Kerngebiet der Stammfamilie bezeichnet, in der mehrere Generationen unter einem Dach leben und der erstgeborene Sohn Haupterbe ist, sieht er Frankreich als Land der Kernfamilie, in der nur das Elternpaar mit seinen gleichgestellten Kindern lebt. Dieser historisch gewachsene Unterschied kam mit der Globalisierung zunehmend unter Druck, sodass sich aus dem einst geplanten Miteinander der europäischen Vereinigung langsam, aber sicher eine Monopolstellung des ökonomisch stärkeren Deutschland entwickelte.

«Die historische Wahrheit ist, dass Deutschland Frankreich den Wirtschaftskrieg erklärt hat», meint der Franzose, und er behauptet allen Ernstes, dass angesichts des Geburtenrückgangs «die Suche nach Zuwanderern eines der vorrangigsten Ziele von Berlin» sei. Denn das Land leide unter dem Spannungsverhältnis zwischen Handelsüberschuss und demografischem Defizit.

In dem eigens für die deutschsprachige Ausgabe geschriebenen Vorwort betont Todd den «Misserfolg der europäischen Einigung, seitdem Deutschland die führende Rolle übernommen hat». Denn der Versuch, das erfolgreiche deutsche Wirtschaftskonzept Ländern mit anderen anthropologischen Grundlagen aufzuzwingen, habe die Nationen voneinander entfremdet. 

Euro als Sündenfall

Am Beispiel der beiden führenden Nationen legt der linksliberale Todd die Wunden der EU offen. Die beabsichtigte Angleichung der Lebensverhältnisse durch Globalisierung und Freihandel habe das Gegenteil bewirkt. Da die Unterschiedlichkeit der Kulturen, insbesondere die Familienstrukturen, nicht beachtet werde, seien die Nationen auf dem Rückzug auf das ihnen Eigene und Bekannte. Der Sündenfall für die Entwicklung sei die Einführung der Einheitswährung gewesen.

Emmanuel Todd rechnet scharf mit den neoliberalen Ökonomen ab, die Europa zu einer gleichförmigen Konsumgesellschaft umbauen wollen, ohne auf die familiären Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, die auch nach Jahrhunderten unterschwellig oder unbewusst wirksam seien. Da sich Stamm- und Kernfamilie unversöhnlich ge­gen­überstünden, sieht der Soziologe schwarz für die Zukunft der Europäischen Union.

Er geht sogar so weit, zu behaupten, dass die alte Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland eine Renaissance erlebt: Familiärer Egalitarismus versus Autoritarismus. Auch wenn der Mensch universal sei, lebe er in einem sehr konkreten Umfeld. «Für den Frieden in der Welt ist es dringend notwendig, die Hypothese von der Verschiedenheit der Nationen zu akzeptieren.»

So wenig Emmanuel Todd mit den Ökonomen anfangen kann, so wenig Sympathie oder Verständnis bringt er für die Deutschen auf. Die extreme Härte im Umgang mit den südeuropäischen Partnern, insbesondere Griechenland, auf der einen Seite, die umarmende Migrationsgeste auf der anderen führen ihn zur steilen These: «Masslosigkeit und Hybris sind etwas sehr Deutsches.» Auch hier macht der Wissenschaftler in seinem zu Recht mahnenden Buch gegen die fortschreitende Nivellierung durch das ökonomische Denken den Fehler, nicht historisch zu argumentieren. 

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2018, 18:40 Uhr

Emmanuel Todd



Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo Americanus.

Übersetzt von Werner Damson und Enrico Heinemann. C. H. Beck,
München 2018. 537 S., ca. 50 Fr.

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