Kultur

Die Rolle meiner Familie im Kalten Krieg

Ein Grossvater kommt aus der Mode, sein Enkel verweigert den Militärdienst, und ein Chalet desertiert ins Ausland: Der Berner Dichter und Spoken-Word-Autor Guy Krneta lässt uns in «Unger üs» in einen Schweizerspiegel blicken.

Schweizer Geschichten über ein vergangenes Land mit ungewisser Zukunft: Autor Guy Krneta vor der Polizeikaserne am Berner Waisenhausplatz.

Schweizer Geschichten über ein vergangenes Land mit ungewisser Zukunft: Autor Guy Krneta vor der Polizeikaserne am Berner Waisenhausplatz. Bild: Adrian Moser

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Der Satz erklingt immer wieder wie ein Refrain in diesem Familienlied: «Dr Unggle Sämi isch zwöuf Jahr euter gsi.» Nur ein Dutzend Jahre älter als sein Neffe ist dieser Onkel, ein bunter Vogel, der sich im Leben alle Möglichkeiten offenlässt, auf den Grenzen balanciert, für den Subversiven-Jäger Ernst Cincera schnüffelt und gleichzeitig die «staatsgefährdenden» linken Extremisten durchaus nett findet. Der jüngste Sohn des greisen Familien­patriarchen ist ein grosser Fabulierer und den Frauen zugetaner Lebemann, der als einziger Nichtschwuler im Schwulenchor Köniz singt. Und sie ist früh gestorben, diese schon fast mythische Gestalt, wie der Leser schon bald ­erfährt. Als der Neffe die Nachricht erreicht, denkt er: «Wider typisch. Absyts vor Pischte. Z Wänge dr Hang ab.» Seinem Neffen, gleichzeitig auch der Icherzähler in Guy Krnetas Buch «Unger üs», tischt dieser Eulenspiegel immer wieder im Brustton der Überzeugung die unglaublichsten Geschichten auf.

All die Panzersperren im Mittelland? In Tat und Wahrheit «Böckligump­anlagen» für die in der Schweiz geplanten und wegen des Krieges abgesagten Olympischen Sommerspiele 1939. Einmal will er der Erfinder des Bratwurstjoghurts gewesen sein, dann behauptet er, in der Schweiz würde alle 25 Jahre das Wasser in den Seen abgelassen, um die Gewässer gründlich zu reinigen, oder er verkündet ungerührt, dass die Schweiz wegen der immer noch nicht abgeschlossenen Alpenfaltung jährlich «zwöi komma eisfüf Quadratsantimeter» schrumpfe. In zwei Millionen Jahren, so die Konsequenz, werde es die Schweiz nicht mehr geben: «Oder nume no aus scharfi Kanten irgend­­wo im europäische Gebirg.»

Die Summe der Einzelbilder

Von einer versunkenen Schweiz aus der Zeit des ausgehenden Kalten Krieges berichtet der 50-jährige Berner Guy Krneta («Zmittst im Giätt uss»), der seit einigen Jahren in Basel lebt. «Die alten Zeiten sind vorbei», sagt Krneta, «aber wir sind immer noch ratlos, was das Neue ausmacht, wohin sich die Schweiz bewegt.» Der politisch überaus aktive Schriftsteller – er ist unter anderem einer der Initianten der Aktion «Rettet Basel», die Transparenz bei den Besitzverhältnissen der «Blocher-BaZ» forderte – beobachtet, wie ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer «polarisierend alte Schemen» wieder­belebt werden in der Schweiz: «Daran tragen Christoph Blocher und die SVP eine grosse Schuld.»

Viel Politik und Zeitkolorit gibt es auch im neuen Buch von Guy Krneta: Ein fragmentarischer Episodenroman mit scharfen Kanten ist «Unger üs», ein bewusst nicht chronologisch arrangiertes Mosaik aus Puzzleteilen, das sich allmählich vervollständigt. Ein Familienalbum eben mit zahlreichen Einzelbildern, wo das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Stärke des Dramatikers Guy Krneta kommt auch hier zum Tragen, er wirft einen Theaterblick auf seine nicht nur sympathischen Figuren, ihn interessieren die dramatischen Momente, er ist nahe an der Rollenprosa, stellt diese Familienmitglieder dar mit ihren Sprachhülsen und in ihren Sprachmasken. Krneta selber lebt in Basel in einer für ihn «anregenden» familiären Sprachsituation: «Für mich ist es gut, dass ich Berndeutsch nicht jeden Tag höre.» Seine Frau spricht Hochdeutsch, die vier Kinder reden Baseldeutsch, und wenn sie sich in Berndeutsch versuchten, «tönt es oft so, als ob sie mich parodieren würden», sagt Krneta lachend.

«Über kurze Texte und die Auftrittsform wollte ich etwas Grösseres ent­wickeln», sagt Guy Krneta, ein Spoken-Word-Roman, das war mein Traum.» Und er räumt ein, dass er ohne den sanften Druck seines Verlegers das Buch wohl nicht fertiggemacht und die einzelnen Textelemente weiter als Steinbruch benutzt hätte. Jetzt ist das Buch da, liest sich wie aus einem Guss und wurde sogar – nach «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz als zweiter Mundartroman – zu Recht für den Schweizer Buchpreis nominiert. Den Autor freut es natürlich, auch wenn er Wettbewerbe eigentlich nicht mag. «Bei mir zeigt die Nominierung aber schon Wirkung, das Buch ist gerade herausgekommen und erhält so viel Aufmerksamkeit.» Auf der Lesereise durch Deutschland und Österreich wird Krneta übrigens auf Hochdeutsch lesen; einige Texte seien bereits von seinem deutschen Übersetzer Uwe Dethier übertragen worden.

Surreales Kabinettstück

Regelmässig hat Guy Krneta in den vergangenen Jahren Geschichten seiner Figu­ren auf der Bühne vorgetragen, etwa als Mitglied der Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» oder im Rahmen einer Konzertreihe zusammen mit einer Jazzband. Er hat vom schrägen ­Onkel Sämi erzählt und vom Grossvater, einer Stütze der Gesellschaft, Gründer einer Herrenmode-Kette im Kanton Bern, Grossrat für eine Gewerbe- und Bauernpartei und Aktivdienstoffizer.

Der Grossvater versammelt seine Sippe, um darüber zu beraten, ob das Familiengrab um weitere 25 Jahre verlängert werden soll. Zu einem Entscheid kommt man nicht, und der Grossvater stellt einmal mehr fest: «Geng we d Familie zäme syg, gäb’s Krach. Das syg scho früecher so gsi.» Für Krneta ist dieser Patriarch ein «Sinnbild des Kalten Krieges», er vereinigt in sich die geballte Macht von Politik, Wirtschaft und Militär. Und er hat offenbar auch Karrieren von angeblich linken Subversiven im Schuldienst zerstört, wie der Besuch ­eines mittlerweile pensionierten Lehrers zeigt, der eine Entschuldigung vom störrischen Alten erwartet. Allein, dieser Mann ist kein sturer Betonkopf, er zeigt sich lernfähig, seine «Partei von de Schtiulose» ist ihm fremd geworden, er fühlt sich dort «nümme deheime». Ein wunderbares, surreales Kabinettstücklein gelingt Krneta mit dem wandernden Familienchalet, dem Inbegriff des Heimeligen in einer verklärten Ballenberg-Natur, das eigentlich auf den Namen Eiger­blick hört und in Grindelwald steht, plötzlich in Saanenmöser auftaucht und am Ende über die Grenze nach Chamonix desertiert.

Die Schweizer Welt ist nicht fertig

Und da ist der Icherzähler, ein junger Student und Enkel dieses Grossvaters, der sich von seiner Mutter nach Genf fahren lässt, um als verurteilter Militärdienstverweigerer eine sechsmonatige Halbgefangenschaft anzutreten. Der junge Mann aus gutem Hause war einem Militärrichter mit einem Rossschwanz vorgeführt worden. Nach der Urteilsverkündigung ging er schnurstracks zum Coiffeur und liess sich eine Glatze schneiden: «We itz sogar d Militärrichter längi Haar hei, ha i tänkt, bruucht’s myni nid o no.» Dieser Erzählstrang sei «im Prinzip eine autobiografische Geschichte», sagt Guy Krneta, «auch wenn ich selber nie lange Haare hatte. An dem Material bin ich lange gesessen und habe es immer wieder auch mit anderem Material kombiniert.» Dieser Icherzähler lernt in Genf in einem Restaurant die Peruanerin Isabel kennen, die in der Schweiz Geld verdient für ihr Pädagogikstudium in Lima. Eine Liebesgeschichte bahnt sich an, aber sie scheint in ihrem Heimatdorf dem Bürgermeister versprochen zu sein. Die junge Frau kehrt zurück in ihre Heimat, und der Icherzähler reist ihr nach, als er erfährt, dass sie schwanger ist. Findet da eine globalisierte Kleinfamilie zusammen?

Mit dem Grossvater wird am Ende auch eine Schweiz zu Grabe getragen. Dem letzten Offizier der Aktivdienstgeneration erweist sogar der Bundespräsident die Ehre. Krneta erlaubt sich da eine kleine Utopie, die so weit weg von der helvetischen Realität nicht mehr ist: «Är aus ehemalige Dienschtverweigerer u erschte grüene Bundesrat» spricht in seiner Trauerrede vom eigenen Grossvater. In einem Wutausbruch hatte der andere Grossvater seine Nachkommen einmal als «überzeichnete Karikature vo eim säuber» gegeisselt und sich gewünscht: «D Wäut müesst mit eim säuber fertig sy.» Aber die Welt ist nicht fertig, auch nicht «unger üs» in der Schweiz. Erinnern wir uns an Sämis scharfkantige Alpenfaltung.

Guy Krneta: Unger üs. Familienalbum. Verlag Der Gesunde Menschenversand, Luzern 2014, 168 Seiten, 24.90 Fr Vernissage: 15. Oktober, 20 Uhr, 
Buchhandlung Stauffacher Bern.
Am 17. Oktober liest er mit den anderen Buchpreis-Nominierten um 20 Uhr 
im Yehudi Menuhin Forum Bern. (Der Bund)

Erstellt: 15.10.2014, 11:03 Uhr

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