Bald erscheint Stephen Kings 67. Buch, eine neue Biografie ist schon da. Höchste Zeit, sich dem Mann, der die Zahl 13 hasst, «monoton monogam» lebt und politische Korrektheit liebt, einmal genauer zu widmen.
Es gibt Autoren, die schreiben besser unter Kokain. Zum Beispiel Bret Easton Ellis. Der Autor mag zurzeit clean sein, denn «Imperial Bedrooms» ist die Enttäuschung des Jahres. Nicht so Stephen King. Die Zeiten, da er – überwältigt vom plötzlichen Ruhm und Geld – in die grosse Abwärtsspirale aus Alkohol und Kokain geriet, liegen gute 25 Jahre zurück. Seine Bücher begeisterten damals und tun es noch heute.
Bis jetzt hat er 66 Titel veröffentlicht, der 67., die Novellensammlung «Full Dark, No Stars» («Zwischen Nacht und Dunkel») folgt in wenigen Tagen. Hinzu kommen rund 20 weitere Bände, die er mal eben so in Kleinstauflagen für seine Freunde als Weihnachtsgeschenke gebastelt hat.
Zahlreich sind auch die Bücher über Stephen King, das jüngste davon heisst «Wer fürchtet sich vor Stephen King?». Autor ist Uwe Anton, Hauptschreiber der «Perry Rhodan»-Heftchen. Es ist ein brauchbares Nachschlagewerk, allerdings lausig geschrieben – halt ganz im trashigen Hauruck-Stil von «Perry Rhodan» –, manches flott verkürzt bis zur Unverständlichkeit, viele zur Orientierung nötige Jahreszahlen fehlen.
Beschäftigt Stephen King Ghostwriter?
Es lohnt sich deshalb, sich seinen Stephen King anderswo zusammenzusuchen, zum Beispiel in der 2009 erschienenen Biografie «Haunted Heart» der «New York Times»-Autorin Lisa Rogak oder im grossen Interview, das Stephen King im Juni 1983 dem «Playboy» gab.
Oder man ruft gleich bei einem der vielen Stephen-King-Verlage an, etwa, um das hartnäckigste Gerücht ein für alle Mal zu klären: Beschäftigt Stephen King Ghostwriter? «Nee, nee», sagt die Mitarbeiterin des Heyne-Verlags, «der schreibt alles selbst.» Und dann betet sie wie im Schlaf herunter, welches Buch Stephen King gemeinsam mit einem andern Autor geschrieben hat – etwa das Sachbuch «Faithful» mit Stewart O’Nan – oder welche unter dem Pseudonym Richard Bachman entstanden sind. Auch die andere Frage aller (hiesigen) KingFans «Kommt er denn endlich bald einmal nach Europa?» beantwortet sie mit Nein. Es gibt keinen Schriftsteller, der weniger gern fliegt als er. Stephen King ist ein Autor, der notorisch lieber 700 als 300 Seiten schreibt. Sein letzter Roman «Under the Dome» («Die Arena», 2009) brachte es in der deutschen Ausgabe auf 1279 Seiten. Aber die Geschichte einer Kleinstadt, über die sich plötzlich eine gespenstische Membran legt, unter der sich die misstrauischen, von der grossen Welt isolierten Provinzler allmählich in Kannibalen verwandeln, war Stephen King eben besonders wichtig. Er betrachtete «Under the Dome» als sein persönliches Manifest gegen die repressive Politik der Republikaner. Seine Abrechnung mit Bush.
Stephen King ist gern politisch korrekt. In «Full Dark, No Stars» kommt in mindestens zwei der vier Novellen wieder der Feminist in ihm zum Vorschein, denn Gewalt an Frauen wird bei ihm stets mit einem Höchstmass an Horror gesühnt. Auch Rassisten geht es stets gnadenlos ans Lebendige. Und kein anderer zeitgenössischer Autor schreibt so unbeirrt starke Frauengestalten wie er – im Guten wie im Bösen.
Literarisch betrachtet, findet sich bei Stephen King alle paar Jahre wieder ein Werk, das nicht nur mit höchst alltagsnahem Horror unterhält – in «Cell» («Puls», 2006) verwandeln etwa Handys ihre Besitzer in Zombies –, sondern sich als eindringlicher, sprachlich dunkel bezaubernder amerikanischer Roman, oft auch als wundervoller Liebesroman entpuppt. «Bag of Bones» («Bag of Bones», 1998) und «Lisey’s Story» («Love», 2006) etwa erzählen von Menschen, die die Liebe ihres Lebens verloren haben und sich nun unter grossen Schmerzen vortasten in ein metaphysisches Zwischenreich, wo die geliebten Seelen ihrerseits noch keinen Abschied nehmen wollen.
Ein armer Englischlehrer
Nicht nur der Traum, auch das Trauma gebiert seine Monster. Doch Stephen King lässt diese Nachtschatten nicht einfach in seinen Protagonisten ruhen und gären, er kehrt sie nach aussen, Ängste materialisieren sich und werden zu echten Monstern. Die können manchmal simpel und mechanisch sein, etwa eine metzelnde Waschmaschine, oder ganz menschlich wie das verschupfte Highschool-Mädchen Carrie, das per Telekinese – einer Art mentaler Fernsteuerung – eine ganze Stadt ausrottet.
Mit «Carrie» hatte im Winter 1972 alles angefangen. Stephen King, 1947 zur Welt gekommen und von der Mutter allein in sehr ärmlichen Verhältnissen grossgezogen, war damals ein mittelloser Englischlehrer in Maine, er lebte mit seiner Frau Tabitha im Wohnwagen in einem Trailerpark und jobbte nachts in einer Wäscherei. «Wir lebten . . . an einem öden, schneeverwehten Hang, der zwar nicht am Arschloch des Universums war, sich aber doch immerhin in Furzweite davon befand», sagte er darüber im «Playboy».
Er schrieb damals in jeder freien Sekunde, konnte ab und zu eine Geschichte an Magazine verkaufen und hatte bereits fünf Romanmanuskripte vollendet. Ein unvollendetes schmiss er weg, seine Frau las es, zwang ihn dazu, es fertig zu schreiben, und er schickte es im März 1973 an den Verlag Doubleday, der bis dahin alles von ihm abgelehnt hatte. Da sich die Kings kein Telefon leisten konnten, antwortete Doubleday per Telegramm. Amerika, seit 1971 dem kruden Charme eines Romans namens «The Exorcist» (die Vorlage zum Film) verfallen, war reif für den «Carrie»-Horror. Doubleday bezahlte 400 000 Dollar.
Geldgierige Nervensäge
Von da an war alles, was Stephen King schrieb, ein Erfolg. Sein nächstes Buch «Salem’s Lot», wahrscheinlich der beste Vampirroman des 20. Jahrhunderts, konnte er fixfertig aus der Schublade ziehen. Elf Jahre später schrieb er über sich: «Ich begann als Geschichtenerzähler; irgendwann unterwegs bin ich auch zu einer Wirtschaftsmacht geworden.» Daran hat sich nichts geändert. Stephen Kings derzeitiges Jahreseinkommen wird auf 30 Millionen Dollar geschätzt, er hat über 400 Millionen Bücher verkauft.
Wenigstens dies wird aus Uwe Antons Buch klar – Stephen King muss für seine Verleger alle paar Jahre wieder einmal eine geldgierige Nervensäge sein. Immer höhere Vorschüsse erhöhen automatisch seine Motivation und beheben garantiert gelegentliche Schreibkrisen, und wenn die Unzufriedenheit zu gross ist, wechselt er einfach den Verlag. Auch mit den rund 120 Verfilmungen seiner Bücher ist er gern unzufrieden. Ausser «Carrie» (1976) von Brian de Palma mochte er bisher die wenigsten, am allerwenigsten Stanley Kubricks «The Shining» (1980). Er hielt Kubrick für einen «very cold man», der für die feinstofflichen Nuancen von Kings Roman kein Gespür gehabt habe.
Stephen King ist ein zurückgezogener, sympathischer Privatier, der am liebsten bedruckte T-Shirts trägt, noch immer in Maine lebt, seit 39 Jahren «monoton monogam» ist, sich nur ungern fotografieren lässt und die Zahl 13 für die Quelle grossen Übels hält. Dafür reist er gern mit seinem guten Freund und Kollegen John Irving durch Provinzbuchhandlungen und hält Vorträge übers Schreiben. Vor vier Jahren hatten sie allerdings mit dem einzigen lebenden Autor, der noch mehr Bücher verkauft als Stephen King, einen ganz grossen Auftritt. Der Autor war eine Frau und hiess J. K. Rowling, und die beiden Herren flehten sie ganz ernsthaft an, Harry Potter nicht sterben zu lassen.
Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel. Heyne, München 2010. 528 S., ca. 34 Fr. Ab 15. November im Handel. Uwe Anton: Wer fürchtet sich vor Stephen King? Hannibal-Verlag, Höfen 2010. 301 S., ca. 28 Fr.
«Playboy»-Interview mit Stephen King: hier klicken.
Tages-Anzeiger
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