Die Geschichte einer neuen Aufklärung

Joachim Radkaus Sachbuch «Ära der Ökologie» beschreibt die Entstehung und Entwicklung der weltweiten Umweltbewegungen. Eine bedeutende Rollen spielen dabei Staat und Gerichte.

Der richtige Umgang mit der Natur hat seine eigene Geschichte: Wald am Pragelpass im Muotatal.

Der richtige Umgang mit der Natur hat seine eigene Geschichte: Wald am Pragelpass im Muotatal.

(Bild: Keystone)

Angesichts des Zusammenpralls einer Naturkatastrophe mit einer technischen Katastrophe in Japan könnte nichts lehrreicher sein als ein Rückblick auf die Vergangenheit jener Bewegungen, die wie keine anderen der neueren Geschichte den Stempel aufgedrückt haben. Insofern ist der Untertitel «Eine Weltgeschichte» zu Joachim Radkaus fast 800 Seiten starken Studie namens «Die Ära der Ökologie» keine Übertreibung. Der Autor, der in Bielefeld als Historiker lehrt, bündelt das riesige Material zu den Umweltbewegungen zwischen Amerika, Japan, Europa und Indien zu spannenden Geschichten, die verdeutlichen, wie stark diese Bewegungen die letzten 40 Jahre prägten und wie unterschiedlich sie in ihren Zielsetzungen und Kampfformen sowie in ihren sozialen Zusammensetzungen sind.

Natürlich kann Radkau nicht alle Umweltbewegungen beschreiben – deren Zahl kennt niemand. Er verfährt denn auch mehr leitmotivisch als streng chronologisch, weil «die» Umweltbewegungen oder «der» Ökologismus nicht in straffe Definitionen passen – und nicht in einer einzigen Geschichte aufgehen. Sie sind, wie der Autor schreibt, «ein Chamäleon», das als Protestbewegung, als Wissenschaft, als Lebensphilosophie, als Rechtfertigungsideologie oder auch als Vorwand zur Kaschierung wirtschaftlicher Interessen auftreten kann. In seiner Analyse geht Radkau methodisch reflektiert vor: Er betrachtet die Umweltbewegungen in jenen unterschiedlichen sozialen, ökonomischen und politischen Kontexten, von welchen sie geprägt sind. Allein schon der Aspekt, wann die Umweltbewegungen begonnen haben, wirft heikle Fragen auf, denn Ansätze dazu finden sich in der Antike ebenso wie im Zeitalter der Aufklärung oder in jenem der Romantik. In die Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert fielen in vielen Industriestaaten erste Versuche, die Folgeprobleme der industriellen Revolution zu lösen. Damals entstanden öffentliche Gesundheitsdienste, Natur- und Nationalparks (1890 in den USA, 1914 in der Schweiz), Rauch– und Lärmschutzgesetze. Ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg fand in Bern die erste internationale Naturschutzkonferenz statt. Naturschutzvereine, Gesundheitsbewegungen und Sozialgesetzgebung können deshalb als Keimzellen vieler Umweltbewegungen begriffen werden.

Ziele für Umweltbewegungen wichtig

Schon in dieser Frühphase werden einige Charakteristika der Umweltbewegungen deutlich. Diese müssen sich, um erfolgreich zu sein, auf konkrete Ziele (Wald, Tier, Luft und Wasser) konzentrieren. Zugleich wurde aber früh erkannt, dass diese Ziele oft miteinander zusammenhängen. Wer die Zusammenhänge verkennt oder ignoriert, muss mit erheblichen Folgen rechnen, was Radkau anhand vieler Beispiele belegt. 1906 wurden in den USA in der Gegend des Grand Canyon Wölfe, Koyoten und andere Raubtiere ausgerottet, um die nach Erholung in der Natur strebenden Menschen vor Gefahren zu schützen. Innerhalb weniger Jahre wuchs darauf die Hirschpopulation von 4000 auf 100'000 Tiere an, die den Wald völlig ruinierten – faktisch also gerade das zerstörten, was man hatte schützen wollen. Gegen die Sentimentalisierung der Natur, die seit der Romantik einen Grundzug der Moderne bildet, musste man lernen, dass Raubwild zum ökologischen Gleichgewicht gehört.

Übertriebene Leidenschaft für Tiere, das erfuhr auch der populäre Bernhard Grzimek bei seinem Kampf um den Schutz des Grosswilds in Afrika, kann auf Kosten der Menschen gehen: So wurde das Volk der Massai aus der Serengeti ausgesiedelt, um die Tiere zu schützen. Und in Oregon kämpften Umweltschützer für eine seltene Vogelart, statt sich für eine nachhaltige ökologische Waldbewirtschaftung einzusetzen.

Die «Revolution» kam 1970

Diese frühen Ansätze zum Umwelt- und Naturschutz sind wichtig, aber sie verblassen vor der «ökologischen Revolution», die Radkau auf die Zeit um 1970 datiert. Das Ende des Kalten Krieges ermöglichte 1972 die erste UNO-Umweltkonferenz in Stockholm. Der alarmierende Bericht des Club of Rome und die Gründung von Umweltministerien in diesem Jahr sind erste Belege für den Durchbruch der weltweiten Umweltbewegungen und des damit steigenden Umweltbewusstseins. Andere Indizien sind der Aufschwung von lokalen Bürgerinitiativen oder die 1971 mit einer Demonstration in Fessenheim im Elsass einsetzende Protestbewegung gegen die «friedliche» Nutzung der Atomkraft.

Auch hier zeigten sich rasch national unterschiedliche Muster. In Paris demonstrierten 1972 rund 20'000 Radfahrer gegen den Autoverkehr – in Berlin waren es einige Hundert. Die starke französische Protestbewegung gegen Atomkraftwerke brach nach dem Ölpreisschock von 1973/74 rasch völlig zusammen, während die gleiche Manifestation in der Bundesrepublik Deutschland die Grundlagen für eine Parlamentarisierung der Umweltbewegung und somit für die Gründung und den kontinuierlichen Aufstieg einer starken grünen Partei schuf.

Gerichte spielen entscheidende Rolle

Radkau zeigt aber auch, dass zum Erfolg der Umweltbewegungen nicht nur die Impulse von unten eine Rolle spielen, sondern auch jene von oben. Wenn Politik und staatliche Verwaltungen die Forderungen von Umweltbewegungen völlig ignorieren, können sich diese nicht durchsetzen. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei den Gerichten zu, die über die Gesetzeskonformität von industriellen Vorhaben, Bauprojekten aller Art und Emissionen in die Luft und in die Gewässer entscheiden. Damit Richter Recht sprechen können, muss es allerdings Kläger und Bewegungen geben, die für Klägerrechte eintreten und diese wahrnehmen. Diese Klägerrechte sind in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gut ausgebaut. In den USA zum Beispiel trugen sie entscheidend zum Aufstieg einer lebendigen Generation von Umweltaktivisten bei – weltweite Anerkennung fanden diese nach dem ersten «Earth Day» am 22. April 1970 –, die sich bald auch mit der Bürgerrechts- und mit der Friedensbewegung verbanden.

Generell gilt dagegen laut Radkau, dass die Gründe für die Entstehung von Umweltbewegungen so vielfältig sind wie die Bewegungen selbst und dass Typologien kaum auszumachen sind. Unbestritten haben jedoch charismatische Einzelkämpfer bei der Entstehung vieler Umweltbewegungen eine zentrale Rolle gespielt. Radkau zeigt das anhand einfühlsamer Porträts von zwölf Frauen, die die Frauenemanzipationsbewegung mit dem Kampf für die Umwelt verbanden. Das gilt für Petra Kelly in Deutschland und Dominique Voynet in Frankreich ebenso wie für Wangari Maathai in Kenia («Mutter der Bäume»), Vandana Shiva und Medha Paktar in Indien (Kampf gegen den Narmada-Staudamm). oder Dai Qing in China (Dreischluchtenstaudamm).

Das Buch ist ein Meisterwerk

Auch dort, wo Umweltbewegungen gegen stärkere Interessenvertreter unterlagen, bewirkte der Protest im Namen von «Menschenrechten auf sauberes Wasser, gute Luft, gesunde Ernährung und ruhigen Schlaf» gleichwohl Aufklärungs- und Emanzipationsprozesse für Millionen Menschen in aller Welt. Insofern spricht Radkau zu Recht von «der Öko-Ära» als «der Geschichte einer neuen Aufklärung».

Wenn diese gelingen soll, müssen Umweltbewegungen zwei Bedingungen erfüllen: Sie müssen Prioritäten setzen und trotzdem nicht die Zusammenhänge aus den Augen verlieren, und sie müssen sich vor Schwarzweissmalerei ebenso hüten wie vor Maximalismus. Denn ihre Stärke ist – wie die der Natur – die Vielfalt, nicht Uniformität und Einfalt. Der 2005 in Malaysia als verschollen erklärte Schweizer Umweltaktivist Bruno Manser schrieb Radkau vor Jahren die folgende Widmung in ein Buch: «Jede kleinste gute Tat ist ein Kieselstein ins wunderbare Mosaik des Lebens.» Radkau skizziert die vielen Facetten der Umweltbewegungen in diesem Mosaik sehr spannend; ergänzt wird der Lesegenuss durch eine gute und präzise Sprache. Ein Meisterwerk!

Tages-Anzeiger

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