Der letzte Fall des katholischen Bullen

Krimi der Woche: In «Cold Water» schickt Adrian McKinty seinen Serienhelden Sean Duffy in den Teilruhestand, doch die Reihe ist noch nicht am Ende.

Die Hauptfigur seiner Krimiserie arbeitet in Nordirland als Katholik für die von den Protestanten beherrschte Polizei. Das birgt viel Konfliktpotenzial.

Die Hauptfigur seiner Krimiserie arbeitet in Nordirland als Katholik für die von den Protestanten beherrschte Polizei. Das birgt viel Konfliktpotenzial.

(Bild: James Braund / Suhrkamp-Verlag)

Der erste Satz
Die Nacht schlängelt sich über den Horizont im Osten.

Das Buch
Es scheint eine neue Mode zu sein: Immer öfter erscheinen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte Romane mit einem englischen Titel, der aber nicht der Originaltitel ist. Auch der Suhrkamp-Verlag hält es bei Adrian McKinty nun schon zum zweiten Mal so. Die ersten drei Krimis der Serie um Sean Duffy, den «katholischen Bullen», wie der erste Band hiess, hatten deutsche Titel, bei den nächsten beiden wurden die englischen Originaltitel beibehalten. Der sechste Teil der Reihe wurde umgetauft auf «Dirty Cops». Der siebte nun spielt unter dem Titel «Cold Water» vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts in den 1980er-Jahren. Im Original heisst er «The Detective Up Late» - wie alle Originaltitel der Reihe eine Zeile aus einem Song von Tom Waits, diesmal aus «Bad As Me» aus dem Jahr 2011.

Dass Musik für McKinty wichtig ist, zeigt sich nicht nur bei den Buchtiteln. Auch in den Romanen geht es immer wieder um Klänge und Songs. Sein Protagonist hat eine grosse Plattensammlung, die Klassik, Jazz und Rock umfasst, und einer der Running Gags ist, dass er sich jedes Mal nervt, wenn Phil Collins oder U2 aus dem Autoradio dudeln. Jetzt zügelt Duffy einen Teil seiner Musik nach Schottland in das neue Heim, das er mit seiner Partnerin und der gemeinsamen Tochter bezieht. Es ist das Jahr 1990, und der Teilruhestand – Duffy wird nur noch eine Woche pro Monat bei der Polizei im nordirischen Carrickfergus arbeiten – ermöglicht es, aus dieser «Alptraumwelt» wegzuziehen, «in der Männer mit Kapuzen Semtex unter deinem Wagen anbrachten, weil sie dich hassten. Sie kannten dich nicht mal, aber sie hassten dich. Einen katholischen Polizisten – du warst der niedrigste Abschaum, noch schlimmer als ein Spitzel.» Jede Fahrt von Duffy beginnt mit dem Kontrollblick unter seinen BMW.

Autor McKinty, aufgewachsen in Duffys Revier Carrickfergus, ist schon längst aus Nordirland ausgewandert. Im keine zwei Millionen Einwohner zählenden Teil des Vereinigten Königreichs gab es allein in den 1980ern 1200 Morde in Zusammenhang mit den «Troubles», wie die Briten den Nordirlandkonflikt nennen, «und auf jeden Mord kamen ein Dutzend Schussverletzte oder Bombenopfer, die mit entsetzlichen Wunden überlebt hatten».

Einige von Duffys Fällen haben direkt mit den «Troubles» zu tun, bei den meisten bilden sie jedoch einfach den stets bedrohlichen Hintergrund. So auch in «Cold Water», Sean Duffys letztem Fall als Vollzeit-Detective. Es geht um das Verschwinden eines Roma-Mädchens. Die Leiche ist zwar nicht gefunden worden, doch es gibt mehrere Männer, die des Mordes am Mädchen verdächtigt werden.

McKintys Duffy-Reihe gehört zu den besten Serien, die die Kriminalliteratur aktuell zu bieten hat. Das liegt vor allem an der Hauptfigur: Allein schon, dass Duffy als Katholik für die von den Protestanten beherrschte Polizei und Staatsmacht arbeitet, birgt viel Konfliktpotenzial. Duffy hält den nordirischen Bürgerkrieg für ziemlich hirnrissig; es ist ihm egal, ob jemand Katholik oder Protestant ist. Was er gar nicht erträgt, sind, von welcher Seite auch immer, Autoritäten, die nur durch ihren Stand oder ihr Amt etwas zu sagen haben. So leben Adrian McKintys hervorragend erzählte Romane nicht primär von den durchaus gut gebauten Plots und der Spannung, sondern viel mehr von den vielschichtigen Figuren mit ihren Zweifeln und Hoffnungen. Und von gescheiten Reflexionen zu Kultur und Gesellschaft ebenso wie von reichlich schwarzem Humor.

So ist es ein Glück, dass McKinty noch zwei Duffy-Romane schreiben will. Der Ermittler gibt den Job noch nicht ganz auf: Er bleibt vorläufig Teilzeitpolizist, und zusammen mit britischen Geheimdienstlern führt er einen Spitzel in den Reihen terroristischer Katholiken.

Die Wertung

Der Autor
Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, ist im nordirischen Carrickfergus aufgewachsen, wo der katholische Polizist Sean Duffy, der Held seiner grossen Serie, tätig ist. Nach einem Philosophie-Studium an der Oxford University zog McKinty nach New York, wo er unter anderem als Wachmann, Vertreter, Rugbytrainer, Buchhändler, Postbote und Journalist arbeitete. 2001 zog er nach Denver, wo er Englischlehrer wurde und begann, Bücher zu schreiben. 2003 debütierte er mit dem ersten Band der starken «Dead»-Trilogie um den jungen Iren Michael Forsythe, der in die irische Gangsterszene in Boston eintaucht. 2013 erschien der erste Band der Sean-Duffy-Reihe auf Deutsch: «Der katholische Bulle» (Original: «The Cold Cold Ground», 2012). Inzwischen umfasst die Reihe sieben Titel, zwei weitere sollen noch folgen, wie der Autor schon vor einiger Zeit ankündigte. In den USA erscheint, ausserhalb der Duffy-Reihe, am 9. Juli, begleitet von viel Vorschusslorbeeren von berühmten Kollegen wie Stephen King und Don Winslow, sein Thriller «The Chain». Der jetzt bereits auf Deutsch erschienene siebte Duffy-Band erscheint im Original erst später in diesem Jahr. McKinty zog 2008 nach Australien, wo er mit seiner Familie während rund zehn Jahren in Melbourne lebte. Inzwischen lebt er wieder in New York.

Adrian McKinty: «Cold Water» (Original: «The Detective Up Late», Blackstone Publishing, Ashland OR 2019 [angekündigt; noch nicht erschienen]). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Suhrkamp, Berlin 2019. 376 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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