Der kleine Unterschied

Nach der Short Story «Cat Person» zeigt ihr erster Erzählband: Kristen Roupenian ist eine brillante Autorin.

US-Schriftstellerin Kristen Roupenian: Ihr erster Erzählband weist sie als Autorin aus, die im Zweifel alles schreiben kann. Foto: Elisa Roupenian Toha

US-Schriftstellerin Kristen Roupenian: Ihr erster Erzählband weist sie als Autorin aus, die im Zweifel alles schreiben kann. Foto: Elisa Roupenian Toha

Im Dezember 2017, kurz nach den Weinstein-Enthüllungen, erschien im «New Yorker» eine Short Story über ein missglücktes Date. Die Geschichte heisst «Cat Person», stammt von der bis dahin vollkommen unbekannten amerikanischen Autorin Kristen Roupenian. Und weil sie in den sozialen Netzwerken millionenfach geteilt und diskutiert wurde, handelt es sich mit einiger Sicherheit um die am häufigsten gelesene Short Story der vergangenen Jahre.

In «Cat Person», erzählt in dritter Person, geht es um die 20-jährige Margot, die studiert und nebenher in einem Programmkino Tickets verkauft, und um den 34-jährigen Robert, dem sie aus dem Ticketschalter heraus ihre Nummer gibt, als er sie darum bittet. Wochenlang schreiben sie sich Nachrichten, verstehen sich in diesem Rahmen erstaunlich gut und treffen sich irgendwann auch physisch. Der erste Eindruck ist kein guter: Robert holt Margot «in einem schmutzigen weissen Honda Civic» ab, die «Getränkehalter quollen über vor alten Bonbonpapieren», im Kino versucht er der Ticketverkäuferin gegenüber einen Witz, der «so verunglückte, dass alle drei peinlich berührt waren, vor allem Margot».

Wendepunkt im Bett

Für ihr erstes Date hat Robert einen schwarzweissen Holocaustfilm ausgesucht, weil er weiss, dass Margot einen ausgesuchteren Geschmack hat als er, und ein Schwarzweiss-Holocaustfilm das ist, was er sich unter Hochkultur vorstellt. Natürlich funktioniert das nicht, beharrlich macht sie sich über seine Wahl lustig. Dennoch, seine Naivität rührt sie, und auch deshalb kommt es nach dem Kino zu einem ersten Kuss, allerdings: «so unbeholfen, dass Margot kaum glauben konnte, dass ein erwachsener Mann so schlecht küsste». Mit aller Kraft gelingt es ihr, auch seine sensible Seite anzuerkennen, und als er sie fragt, ob sie mit zu ihm komme, sagt sie zu.

In Roberts Schlafzimmer aber kommt es zum Wendepunkt. Sie liegt schon auf seinem Bett, als sie ihm dabei zuschaut, wie er sich das Shirt und die Hose auszieht und erst dann feststellt, dass er noch die Schuhe anhat, und also ungelenk seinen untrainierten, haarigen Oberkörper vornüberbeugt, um mit halb heruntergelassener Hose die Schuhe aufzudröseln, und bei diesem Anblick denkt Margot: «O nein.» 

Deutlicher Klassenunterschied

Weil es ihr aber so vorkommt, als sei es ein grösserer Aufwand, Robert jetzt möglichst schonend beizubringen, dass sie sich umentschieden hat, als den Sex einfach über sich ergehen zu lassen, entschliesst sie sich, «ihre Ablehnung in Unterwerfung niederzuknüppeln». Beim Sex selbst liefert Robert eine Vorstellung ab, bei der Margot ihr Gesicht in das Kissen drücken muss, um einen Lachanfall zu unterdrücken.

Diese Entscheidung der fiktionalen Margot ist vielfach als Ausdruck einer patriarchalen Gesellschaft gedeutet worden, die das männliche Begehren über das Selbstbestimmungsrecht der Frau stellt und die Margot derart internalisiert hat, dass es sie zu dieser scheinfreiwilligen Unterwerfung nötigt. In einem strukturellen Sinne handele es sich deshalb schon um eine Vergewaltigung, selbst wenn Robert gar nicht wisse, dass er Gewalt ausübe.

Die Geschichte liesse sich aber auch so lesen, dass es Margot ist, die strukturelle Gewalt ausübt, schliesslich offenbart sich zwischen den beiden ein deutlicher Klassenunterschied. Es ist Margot, die dem Habitus, der richtigen Einrichtung, dem richtigen Auto so viel Bedeutung beimisst, dass sie nicht in der Lage ist, diese Differenz zu überbrücken.

Moralphilosophie in sokratischer Tradition

Bei jeder Gelegenheit misst sie Robert an ständischen Signalen, an Geschmacks- und Konsumentscheidungen, und er macht nicht zuletzt deshalb eine so schlechte Figur, weil ihm dieser Unterschied sehr bewusst ist und er angestrengt versucht, ihn zu verschleiern, was ihn erst recht als Tölpel markiert. Spät am Abend lässt er sich sogar dazu hinreissen, sich Margot zu offenbaren und auf seine Gefühle, Zweifel und Sorgen zu sprechen zu kommen, wofür ihn Margot nur noch inniger verachtet.

In dieser Lesart dreht sich die Geschichte nicht um toxische Männlichkeit, sondern um eine Epoche, in der Frauen im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse haben als Männer und jetzt vor dem Problem stehen, dass sie mit zunehmender Wahrscheinlichkeit gezwungen sind, nach unten zu daten.

Die Story ist konstruiert wie ein moralphilosophischer Anwendungsfall in sokratischer Tradition, der am konkreten Beispiel Fragen aufwirft nach Gewalt, Schuld und moralischer Relativität. Zudem warf der immense Publikumserfolg die Frage auf, ob der Autorin eigentlich bewusst war, was sie tat, oder ob sie einfach eine Episode aus ihrem Leben erzählte und ihr das Glanzstück einfach unterlaufen war; schliesslich hatte man sonst noch nie etwas von ihr gelesen. 

Postmimetische Literatur

Dagegen sprach, dass Kristen Roupenian in Harvard afrikanische Literatur und in Michigan Kreatives Schreiben studiert hat. Und dagegen spricht nun auch ihr erster Erzählband. Das Buch heisst wie die berühmte Story und weist Roupenian als Autorin aus, die im Zweifel alles schreiben kann. Die Storys klingen wahlweise nach Stephen King, Edgar Allan Poe, Guy de Maupassant, Carrie Bradshaw.

Postmimetische Literatur könnte man das nennen, vielleicht auch einfach: Fan-Fiction. In der Erzählung «Der Junge im Pool» wird dieses ästhetische Programm, das die Oberfläche feiert, die Medialisierung und das Trostpotenzial der Bilder, explizit verhandelt. Darin gehts um ein paar beste Freundinnen, die an der Highschool die Tradition hatten, gemeinsam ein fürchterliches Vampir-B-Movie zu schauen und den hübschen jugendlichen Hauptdarsteller anzuhimmeln, der vor allem in einer kitschigen Sexszene im Pool ganz hinreissend aussieht.

Jahre später, als erwachsene Frauen, kommen sie wieder zusammen, um einen Junggesel­linnenabschied zu feiern, für den die Erzählerin als Überraschungsgast den Schauspieler von damals bucht. Weil er aber als der auftritt, der er wirklich ist – ein erfolgloser Enddreissiger, der an einer Webserie namens «Dadzone» arbeitet –, gerät sein Besuch langweilig, banal und ziemlich deprimierend. Die Erzählerin legt also ein paar Hunderter drauf, damit der Schauspieler in den Pool springt und für ein paar Augenblicke in die Rolle von damals schlüpft: «Der Junge schwimmt im Schmetterlingsstil, genau so wie im Film 20 Jahre zuvor.»

Glücklicher als die Mittelstandsfrauen in diesem Moment ist in dem Buch niemand mehr. Nass gespritzt stehen sie am Beckenrand, «eine holt ihr Telefon heraus und fängt an, Fotos zu machen. ‹Was ist noch mal der Hochzeits-Hashtag?›, flüstert sie, aber keine der Frauen antwortet.»

Frage nach der Schuld

Das ist alles ohnehin schon wirklich gut, aber Roupenian hat in ihre Storys noch eine weitere Ebene eingezogen, die wiederum moralischer und essenzieller nicht sein könnte. Wenn man ein Motiv finden wollte, das sämtliche Texte durchzieht, wäre es die Frage nach der Schuld. Nahezu jede Figur verhält sich amoralisch, selbstsüchtig und zugleich genau so, wie es ihr von der Kultur aufgetragen wird. Sie werden mitleidslos aus Selbstschutz; sie erniedrigen, traumatisieren, verletzen auf der Suche nach einem Plätzchen in der Komfortzone andere. Bei Roupenian, und dieser hohe Ernst ist gut verborgen, ist Schuld nichts, was den Einzelnen betrifft, sondern den Menschen an sich.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt