Der böse Blick, der liebende Blick

Die Laudatio von DerBund.ch/Newsnet-Redaktor Martin Ebel auf den Schriftsteller Markus Werner, der am Wochenende einen renommierten Literatur-Preis erhielt.

Erhielt am Samstag den Preis der Stiftung Pro Litteris für sein Gesamtwerk: Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner. Foto: Isolde Ohlbaum (Laif)

Erhielt am Samstag den Preis der Stiftung Pro Litteris für sein Gesamtwerk: Der Schweizer Schriftsteller Markus Werner. Foto: Isolde Ohlbaum (Laif)

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Die Sprache ist für Markus Werner nicht nur (wie für alle guten Schriftsteller) das Medium, um der Welt, wie er sie sieht, Form und Gestalt zu geben, sie ist selbst ein Teil ihrer Beschaffenheit. Sie bringt diese Beschaffenheit zum Ausdruck: zum schreiend empörenden Ausdruck. Immer wieder stossen die Helden – es sind ja bei Markus Werner allesamt sehr unheldische Helden – auf eine Formulierung, eine Wendung, ein Schlagwort, das ihnen, genau: schlagartig klarmacht: Diese Welt ist unhaltbar.

Es sind gedankenlos nachgeplapperte, vermeintlich harmlose Formeln, in denen die Helden aber Werkzeuge der Zurichtung, der Indoktrination, der Manipulation des Menschen erkennen. Das kann der markige Spruch eines Offiziers, der Psychojargon eines wohlmeinenden Freundes, ein von der Gattin aufgeschnappter Spruch aus der Frauengruppe oder die schneidende Befehlsausgabe eines Lehrers sein.

Hühner- oder Gänsehaut – oder eine Allergie

Die Helden empfinden diese Begriffe als «eiszapfenhaft» oder «schneepflugartig», und sie reagieren psychosomatisch darauf: mit Hühner- oder Gänsehaut oder, wie Loos in «Am Hang», mit einer Allergie am Unterarm, als sein Gesprächspartner Clarin das Wort «investieren» im menschlichen Zusammenhang verwendet.

Falsche Sprache, falsche Welt. Und der Ort, an dem sich die verhunzte Sprache konzentriert, ist die Tageszeitung. Ihr gilt die Hassliebe vieler seiner Figuren. Sie stolpern ständig über Euphemismen oder Wortungetüme, die den Zugang zu Wahrheit und Wirklichkeit verstellen. Hören wir Zündel, seinen allerersten Helden:

«Lockvogelpolitik à la Kreml und faires Angebot des Weissen Hauses und dauerbequemtaugliche Schutzräume zur Überbrückung von Jammertalsohlen. Und die Wörter stinken, und die Sätze stinken, als ob sie ausgeschlüpft wären aus den hämorrhoidenbekränzten Mastdärmen pestkranker Vollidioten. Der Aktienmarkt ist gut gelaunt, kompromisslos das Dreilagentoilettenpapier, ausgewogen das Marschflugkörperprogramm. Formulierungen stülpen sich röhrend über stöhnende Fakten. Tatsachen spreizen die Schenkel und gewähren korrupten Sprachstücken Einlass. Das Substantiv hat ein steifes Adjektiv und rammt die Wirklichkeit von hinten. Endlos, schamlos, trostlos paaren sich Sätze und Sachverhalte, und das Produkt dieser Unzucht heisst Zeitung.»

«Kein Fluch vulgär genug»

Die Welt ist unhaltbar: Das ist die vordergründige Botschaft, die Markus Werners Romane ausstrahlen. Eine Botschaft, die zwar laut tönt, aber von einer nicht weniger hartnäckigen Gegenstimme begleitet wird. Erst mal allerdings betrachten wir diesen Vordergrund.

Jeder, der auch nur einen einzigen Roman von Markus Werner gelesen hat, wird sich an die Donnerworte erinnern, mit denen seine Hauptfiguren die Welt bedenken. «Hier ist kein Urteil scharf, kein Fluch vulgär genug», heisst es in «Froschnacht». Die Spannweite der Verdammungsgründe ist gross. Sie reicht vom Grundsätzlichsten, dass der Mensch zum Unglück verurteilt ist – «Wir sollen elend seyn und sinds», heisst es in «Festland» über die Conditio humana –, bis zur Petitesse, einer geschmacklichen Verirrung, einem kleinen Missgeschick. Manchmal schlägt der Held auch den Bogen vom einen zum anderen: Für Loos ist die Tatsache, dass es keine Unterhosen mit Eingriff mehr gibt, ein Beweis für die vollkommene Unhaltbarkeit der Welt. Merken wir uns diesen Bogen.

In dieser Welt werden schon die Kinder verbogen und deformiert, durch die Mütter und die Schule; werden die jungen Männer vom Militär gedemütigt, dann unter das Joch eines Berufs gezwungen, wo sie von ihren Chefs, von lähmender Routine und zugleich ständiger Beschleunigung geduckt und gehetzt werden. Über allem leuchtet die «hysterische Botschaft der Effizienz».

«Auch die Liebe ist keine Lösung, vor allem, wenn sie die Dauerform der Ehe annimmt.»

Und privat? Auch die Liebe ist keine Lösung, vor allem, wenn sie die Dauerform der Ehe annimmt; das Zusammenleben der Geschlechter ist eine Folge von Missverständnissen, Verletzungen, Sprachlosigkeit, schliesslich Eiszeit und Trennung. Das einzige Paar, das zu einiger Hoffnung Anlass gibt, nämlich Judith und Wank in «Die kalte Schulter», trennt der Autor selbst durch einen tödlichen Bienenstich.

Ist Markus Werner also ein später Vertreter des «contemptus mundi», ein Weltbeschimpfer im mittelalterlichen oder barocken Sinne? Das hiesse ihn mit seinen Figuren gleichsetzen, und das hiesse das raffinierte Spiel verkennen, das er mit ihnen treibt. Erinnern wir uns an den Kurzschluss von der Unterhose ohne Eingriff zur Rundum-Verdammung: Die Logik ist grotesk, und sie zwingt uns, den Mann, der sie formuliert, etwas skeptischer zu betrachten.

«Keine Kränkung je vergessen»

Alle Helden Markus Werners überreagieren auf ähnliche Weise; sie machen aus der Mücke einen Elefanten und aus einem Splitter einen Balken. Er habe «keine Kränkung je vergessen», heisst es über Moritz Wank. Wank geht als personifizierte Störbarkeit durch die Welt – und die Auslöser dieser Störbarkeit sind unendlich, ob es die abgebrochene Spitze eines «Medizinalzahnholzes» ist oder die unmöglichen glänzend weissen Herren-Slipper, die ein Freund trägt.

Solche Kurzschlüsse vom Slipper zum «Pfui Welt» müssen den aufmerksamen Leser misstrauisch machen. Markus Werners Helden sind keine Träger einer nihilistischen Botschaft. Das zeigt schon die Form dieser Romane: Sie sind allesamt dialogisch angelegt. Das dialogische Prinzip bestimmt jedes dieser Bücher, wenn auch auf je andere Weise.

In «Zündels Abgang» als Selbstgespräch oder als Dialog mit einer imaginierten Partnerin. In der «Froschnacht» als kapitelweise abwechselnder Monolog von Thalmann Vater und Sohn (wobei das, was der Vater sagt, ja das ist, was der Sohn sich vorstellt, dass er es sagt). In der «Kalten Schulter» als Auseinandersetzung zwischen Moritz und Judith über den richtigen Umgang mit der Welt. «Bis bald» ist ein Bericht des todgeweihten Helden an einen ungenannten Zuhörer. In «Festland» schreibt die Tochter Julia auf, was sie im Gespräch mit ihrem Vater über ihre eigene Entstehung erfahren hat. «Der ägyptische Heinrich» ist ein wunderbar über zwei Jahrhunderte imaginierter, fabulierter Dialog zweier Wahlverwandter, wobei der eine, die Schriftstellerfigur, die andere, den Vorfahren, auf der Grundlage schütterer Fakten erst erschafft.

Gebrochene Weltverdammung

«Am Hang» schliesslich, der siebte Roman, stellt mit dem schwer lebenden Loos und dem leichtlebigen Clarin zwei Prinzipien, zwei Philosophien gegenüber, wobei wir vom ersteren ja nur durch die Wahrnehmung und schliesslich das Manuskript des zweiten erfahren.

Wir befinden uns nun mitten in den Geheimnissen und Subtilitäten der wernerschen Romankunst, in der das, was als plakative Äusserung daherkommt, vielfach aufgehoben wird: durch die sie äussernde Figur, durch einen erzählerischen Filter, durch die literarische Konstruktion. Und so wird die Weltverdammung dialektisch gebrochen und erhoben zu einer sehr viel komplexeren Darstellung der Wirklichkeit. Wie eben Literatur eine unendlich komplexere Form des sprachlichen Umgangs mit Gegebenem ist als etwa ein Leitartikel.

Relativiert, gebrochen, aufgehoben wird die Weltverdammung bei Markus Werner oft auch durch einen Widerpart. Der böse Blick bleibt nicht unkorrigiert. So ein Widerpart ist Judith für Moritz Wank. Und auch Lorenz Hatt begegnet in einem Sanatorium einer Mitpatientin, Sophie, die zwar die Zumutungen der Welt ähnlich empfindet wie er, aber anders reagiert: mit Langmut und Verständnis.

«Der liebende Blick: Das ist der Blick, mit dem das Auge des Autors auf seinen Figuren ruht.»

«Der positive Blick auf die Welt, auf die Mitmenschen und auf sich selbst» sagt Sophie, «ist also der liebende Blick, und diesem zeige und enthülle sich vieles, was der negative, der böse, der sogenannte vernünftige Blick übersehe; der liebende Blick stosse vor bis zum Gelungenen und Liebenswerten, das freilich oft verborgen und verschüttet sei, und insofern müsse dieser Blick als der im Wortsinn radikale gelten.»

Verletzbare, leidende Naturen

Der liebende Blick: Das ist der Blick, mit dem das Auge des Autors auf seinen Figuren ruht – und mit dem dann auch wir, die Leser, sie betrachten. Markus Werner ist eben kein Thomas Bernhard. Seine Helden sind und bleiben, bei aller gelegentlichen Aggressivität, empfindsame, verletzbare, leidende Naturen; aber sie sind empfänglich nicht nur für die Störung, sondern auch gelegentlich fähig, darin die Schwächen anderer zu erkennen. So betrachtet Lorenz Hatt, nachdem er sich das endlose Schwadronieren eines Mitpatienten über eine einst errungene Bronzemedaille im Einer-Kunstradfahren hat anhören müssen, «mit Rührung und Ekel, wie sich Rindlisbachers knorriges Gesicht erhellte».

Rührung und Ekel gegenüber der Welt: In dieser Spannung stehen die Figuren Markus Werners. «Ich schwanke ständig zwischen zwei Gefühlen», sagt Franz Thalmann, der Ex-Pfarrer. «Das eine sagt: Es sollte alles anders sein. Das andre sagt: Die rechte Liebe gilt dem Gegebenen.» Oder Julia, im Roman «Festland»: «Auf dem Weg hinunter ins Städtchen ist mir das Leben fast unerträglich spannend vorgekommen, nach hundert Schritten zum Wegwerfen sinnlos, dann wieder anders, dann wieder so, abwechslungsweise.» Und schon über Zündel hiess es: «Zeitweise schien es für ihn keine Äusserung mehr zu geben, die nicht angefochten zu werden verdiente, keine Feststellung, die diesen Namen zu Recht hätte tragen dürfen.»

Kunst, ein Beziehungsversuch

Was bedeutet das aber für den Schriftsteller? Der schreibt ja Sätze hin, die er nicht mit dem nächsten wieder annullieren kann. Der trifft mit jedem Satz, ja jedem Wort, eine Entscheidung, eine genau von der Art, die seine Helden in der Welt als ständigen Zwang zum Sich-Entscheiden-Müssen gebrandmarkt haben. Der sieht sich, mit seinem Streben nach Ökonomie im Gebrauch der Sprache – tatsächlich gibt es im ganzen Werk von Markus Werner kein überflüssiges, kein deplatziertes und kein belangloses Wort – genau dem Terror der Effizienz ausgesetzt, unter dem seine Figuren leiden. Ja, auch das Schreiben ist mit der Welt zutiefst verstrickt. Kunst ist, wie es in der «Kalten Schulter» heisst, «eine Form der Annäherung, ein Sich-Einlassen auf Welt und Wirklichkeit, ein Beziehungsversuch». Und wie alles, was mit dieser Welt zu tun hat, eine recht dubiose Sache.

Es ist gut, dass Markus Werner sich auf diese Sache eingelassen, dass er uns diese sieben Romane geschenkt hat. Sie machen uns vielleicht nicht tauglicher für diese Welt, aber feinnerviger, scharfsinniger, hellhöriger, geschmackssicherer. Mit einem Wort: reicher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 20:13 Uhr

Der Laudator

Martin Ebel ist Literatur-Redaktor im Ressort Kultur & Gesellschaft von DerBund.ch/Newsnet.

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