Der Wohlstand greift um sich

Tagtäglich werden wir mit schlechten Nachrichten bombardiert. Dies lässt uns ganz vergessen, dass es uns je länger, desto besser geht.

Wie in Indien ist die Armut weltweit auf dem Rückzug – davon ist Steven Pinker überzeugt. Foto: Anindito Mukherjee (Reuters)

Wie in Indien ist die Armut weltweit auf dem Rückzug – davon ist Steven Pinker überzeugt. Foto: Anindito Mukherjee (Reuters)

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Wir leben in einer seltsamen Zeit. Obwohl es den Menschen nicht nur im Westen besser geht als je zuvor, malen vor allem rechtsgerichtete, nationalistisch gesinnte Politiker den Teufel an die Wand. Anstatt auf die wissenschaftlichen Errungenschaften, die einen nie gesehenen Wohlstand mit sich brachten, stolzzu sein, wird die Gegenwart schlechtgeredet. Was für unsere Grosseltern dem Paradies auf Erden gleichgekommen wäre, wird zu einem Albtraum erklärt.

Wir reiben uns die Augen und suchen nach Erklärungen für diese Verkehrung der objektiv belegbaren Verhältnisse – und finden sie bei Autoren wie dem an der Harvard University lehrenden Psychologieprofessor Steven Pinker. Mit datenbasierten Studien, gewürzt mit einer Portion Polemik, weist er linke Miesmacher und rechte Lügner in die Schranken. So bringt der selbst ernannte Optimist Ordnung in die gegenwärtige Kakofonie der Stimmen. 

Wage, selbst zu denken!

Sein neues Buch ist ein Plädoyer für die Werte der Aufklärung, für die Ideen und Gedanken, in deren Tradition wir nach wie vor stehen und die erst den zivilisatorischen Fortschritt ermöglicht haben. Wir können über unsere Stellung in der Welt nicht reden, ohne uns auf die revolutionäre Denkbewegung der Aufklärung zu beziehen.

An allererster Stelle steht der Philosoph Immanuel Kant, dessen schmales Buch über die Aufklärung Pflichtlektüre an den Schulen sein müsste. Wer seine Ausführungen gelesen hat über Mündigkeit – die darin besteht, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen –, wird sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen vom Fake-News-Gerede, das vor allem dem Machterhalt dient. Wie relevant ein Gespräch ist, erkennt man nicht zuletzt daran, wie erhellend es ist. 

Für Steven Pinker ist es kein Zufall, dass die populistischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts die Experten, Gelehrten und Wissenschaftler unverhohlen ablehnen oder verhöhnen. Denn diese stehen für das aufklärerische Wissen ein, das Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan bekämpfen: «Sie sind nicht kosmopolitisch, sondern tribalistisch eingestellt, nicht demokratisch, sondern autoritär und schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an eine idyllische Vergangenheit, statt auf eine bessere Zukunft zu hoffen.»

Da wir uns in einer Phase der Gegenaufklärung befinden, macht sich Steven Pinker die Mühe, die dem Wissen und der Wissenschaft geschuldeten gesellschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrhunderte darzustellen. Mehr als Worte vermögen Infografiken den exponentiellen Anstieg der zivilisatorischen Leistungen zu veranschaulichen: Ebenso wie die Gewalt ist die Sterblichkeit der Kinder – und die der gebärenden Mütter! – massiv zurückgegangen. Parallel dazu ist die Lebensqualität gestiegen, es gibt mehr Sicherheit und Frieden überall – was dem «Ideal der Aufklärung» entspricht.

Dabei beschränken sich die Vorteile nicht bloss auf den Westen, sondern zeitigen auf der ganzen Welt Auswirkungen. «Im Jahr 2008 verfügte die Weltbevölkerung, also alle 6,7 Milliarden, über ein Durchschnittseinkommen, das dem von 1964 in Westeuropa entsprach. Extreme Armut ist auf dem Rückzug, und die Welt erreicht Mittelschichtniveau.» Der beste Garant für solche Entwicklungen sind nach Ansicht von Steven Pinker die Marktwirtschaften moderner Demokratien. Die am wenigsten liberale und damit rückständigste Region sei der vom Islam geprägte Nahe Osten. 

Alarmierende Fakten

Auch wenn es so aussieht, als ob Pinker durch und durch positiv denkt, so mischt sich doch immer wieder etwas Skepsis in sein Weltbild, das vom unaufhaltsamen Aufstieg der Vernunft – und damit des Fortschritts – erzählt. Der Autor bezieht seine aufklärerische Theorie auch auf die Lösung der Umweltprobleme: Am besten sind sie nämlich dann zu bewältigen, wenn man über das dazu erforderliche Wissen verfügt.

Beim Klimawandel kühlt sich der pinkersche Fortschrittsoptimismus merklich ab: «Mit einem solchen Problem musste sich die Menschheit bisher noch nie auseinandersetzen.» Die Fakten, die nur noch von Zynikern bestritten würden, seien alarmierend, und die Zeit dränge. Erschwerend komme hinzu, dass sich die Staaten reihenweise von der Kernenergie lossagten, «der ergiebigsten und am besten skalierbaren CO2-freien Energiequelle der Welt». Warum nur schlagen westliche Länder gerade jetzt den falschen Weg ein, fragt Pinker.

«Aufklärung jetzt» ist ein wohltuendes Korrektiv zu all den Stimmen, die stets das Schlechteste hoffen. Das Buch verteidigt die enormen Errungenschaften unserer Kultur und kommt zur richtigen Zeit: Während antiintellektuelle Trends traurige Hochzeit feiern, befördert das für überwunden geglaubte politische Stammesdenken irrationales Handeln. Doch Bildung, die «so vieles kann», sei ein Medikament gegen die grassierende Dummheit.

Manchmal allerdings tut Pinker grünen Bedenkenträgern unrecht: Ohne ihre Hartnäckigkeit wären viele von ihm gelobte Fortschritte wenn überhaupt, dann später eingetreten. Weniger Polemik, dafür mehr Dialektik in der Darstellung der gesellschaftlichen Prozesse hätte die Verdienste dieses Buches noch besser zum Tragen gebracht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.11.2018, 20:03 Uhr

Steven Pinker

Aufklärung jetzt. Eine Verteidigung

Übersetzt von Martina Wiese.
S.-Fischer-Verlag, Frankfurt a. M. 2018.
736?S., ca.?33?Fr.

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