Der Unerschütterliche

Säkularer Jude, Soldat im Sechstagekrieg, Kritiker des Siedlungsbaus und Initiator der Friedensbewegung: ein Nachruf auf den israelischen Schriftsteller Amos Oz.

Ein Lebensthema von Amos Oz war das Judentum nach dem Ende des Judentums. Foto: Keystone

Ein Lebensthema von Amos Oz war das Judentum nach dem Ende des Judentums. Foto: Keystone

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Er hatte es nicht immer leicht im Leben, aber der Name, den er sich selbst gab, als er 1953 in den Kibbuz Chulda ging, war Programm: «Oz» bedeutet Kraft, Stärke. Im Jahr zuvor hatte sich seine Mutter das Leben genommen. Als Amos Klausner war er im Mai 1939 in Jerusalem geboren ­worden, ein halbes Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Es gab da schon europäische Juden in Palästina, aber noch keinen Staat Israel.

In seinem grossen Roman «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» hat er geschildert, wie in seiner Familie die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 erlebt, gefeiert wurde. Die Sicht des Heranwachsenden war seine Perspektive, und sie war eingebettet in die grossen Strömungen und Erfahrungen der Epoche, in den Zionismus und in die eben erst geschehene Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden. Seiner Mutter hat er darin ein unsentimentales Denkmal gesetzt. Ihrer Familie, den Klausners, wird man in vielen seiner Bücher begegnen, manchmal zwischen den Zeilen.

Das Ende des traditionellen Judentums

Es war ja nicht so, dass schon 1945 klar gewesen wäre, was in den Jahren zuvor geschehen war. Wie ein Ballon dehnt sich in den Büchern von Amos Oz das anschwellende Wissen um die ­Vernichtung in den Biografien der Figuren aus. Das Heranwachsen des jungen Staates Israel und das Wachstum dieses Wissens durchdringen einander in diesem Werk.

Indem er das Erbe des europäischen Judentums als moderner Autor und Israeli antrat und in seinen Büchern mit den je aktuellen Erfahrungen in seinem Land, seiner Gesellschaft verschmolz, wurde Amos Oz zu dem grossen Autor, der er war. Er hat zwei Bücher geschrieben, in denen die eine Kraftquelle seines Schreibens besonders deutlich wird: «Das Schweigen des Himmels» mit Studien über den jüdischen Erzähler und Nobelpreisträger Samuel Josef Agnon – den Preis hätte übrigens auch er selbst verdient – und den gemeinsam mit seiner Tochter Fania Oz-Salzberger verfassten Essayband «Juden und Worte».

In beiden Büchern geht es um ein Lebensthema von Amos Oz, das Judentum nach dem Ende des ­Judentums. Und damit war bei ihm nie nur die Erfahrung des Holocaust gemeint, sondern zugleich das Ende des traditionellen, an die Religion gebundenen Judentums.

Bibelfest und säkular

Eine der Geschichten, die er im Dialog eines Essaybands erzählt, handelt davon, wie das Hebräische der Bibel im säkularen Judentum frei wird für die moderne Literatur. Für ihre Scherze und Pointen, ihre Parodien und Paraphrasen, ihre Herausforderungen aller Autoritäten, auch der Autoritäten des Staates, zu dem sich Amos Oz zeitlebens bekannt hat. Er war ein sehr bibelfester säkularer Jude. Und ein Soldat, der am Sechstagekrieg wie am Jom-Kippur-Krieg teilgenommen hatte, und zugleich einer der prominentesten Befürworter der Zweistaatenlösung, ein Kritiker des Siedlungsbaus und Initiator der Friedensbewegung in Israel.

Die Vitalität, die Lebenslust und sexuelle Lust spielten Hauptrollen in seinen Büchern, zugleich liebte er es, seine Figuren in Konflikte mit sich selbst zu bringen, sie mit Verlockungen zu konfrontieren, die sie verachteten. Seit seinem ersten grossen Roman «Ein anderer Ort», der auf Deutsch «Keiner bleibt allein» hiess, war der Kibbuz in seinem Werk ein exemplarischer Schauplatz, in dem sich das je aktuelle Israel spiegeln liess. Der europäische Sozialismus und der säkulare Zionismus hatten diesen Ort hervorgebracht, und wenn es eine Formel für die grosse Verdunkelung gibt, in deren Zeichen Amos Oz in den letzten Jahrzehnten sein Werk fortgeschrieben hat, dann die vom Untergang dieses säkularen Israel des Kibbuz im Israel des immer weiter um sich greifenden religiösen Fundamentalismus.

Fanatismus als faszinierende Option

Es war ein Student der religiösen Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, der im November 1995 den israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin ermordete. So konsequent Amos Oz – auch und gerade als Exponent der Friedensbewegung – stets den Staat Israel verteidigt hatte, so vehement schrieb er nun auch für die Verteidigung des säkularen Israel an, das sein Land war. Amos Oz wäre aber nicht Amos Oz gewesen, wenn er es bei den politischen Tagesinterventionen belassen hätte. Je älter er wurde, desto mehr schwand in Israel der Einfluss seiner Herkunftswelt, der Gründergeneration, in der die westeuropäischen Juden den Ton angegeben hatten. Ben-Gurion hielt nicht viel davon, sich wegen der Klagemauer in grössere Konflikte zu stürzen. Die demografische Entwicklung und die Einwanderungsgeschichte nach Israel während und nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung ihres Imperiums waren dem Israel, für das Amos Oz stand, nicht günstig.

Er muss gespürt haben, dass er und seinesgleichen in Gefahr gerieten, als Verräter attackiert zu werden, und so hat er seinen letzten grossen Roman dem Inbegriff des Verräters gewidmet – und ihn rehabilitiert. Durch diesen Roman «Judas» (2015), der in die Welt des jungen Israel in den späten Fünfzigerjahren zurückführt, geistert der Grossonkel Joseph Klausner. Judas entpuppt sich als der treueste Anhänger von Jesus, über den aktuellen Krieg mit den Arabern werfen schon die künftigen ihre Schatten, und der religiöse Fanatismus ist für manche eine faszinierende Option. Man muss annehmen, Amos hätte seine zahlreichen Auszeichnungen – darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – gern geopfert, um sein Israel zu retten. Am Freitag ist er im Alter von 79 Jahren gestorben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.12.2018, 19:55 Uhr

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