Das vergiftete Schöne

Der zweite Band von Susan Sontags Tagebüchern ist da. Amerikas berühmteste Intellektuelle schreibt darin wenig über ihre Frauen und viel über ihren Sohn. Und strickt gewaltig am eigenen Mythos.

Sie wollte einen «‹Moby Dick› des Denkens» schreiben: Susan Sontag.

Sie wollte einen «‹Moby Dick› des Denkens» schreiben: Susan Sontag. Bild: Keystone

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Ach, Tagebücher von Prominenten sind was Schönes! Oft halten sich die Verfasser für genial, gern wird ihr Wirken verkannt, und weil jeder Kontext, in dem sie gerade stehen, irgendwie historisch und bedeutend ist, kommt vieles im Gestus einer unterhaltsamen napoleonischen Selbstgefälligkeit daher. Es gibt da keine Furcht vor grossen Taten. Aber dazu sind Tagebücher schliesslich da: Um sein Selbst immer wieder vor dem Rest der Welt zu bestätigen. Susan Sontag etwa schrieb Dinge wie: «Ich möchte einen ‹Moby Dick› des Denkens schreiben» (Mai 1975).

Susan Sontag, die rundum anerkannte, rundum emanzipierte Powerfrau des amerikanischen Geisteslebens, eine Feministin, die den Feminismus nicht brauchte, jedenfalls nicht als Steigbügelhalter der Selbstermächtigung: Derart anerkannt und respektiert war sie als Essayistin, Aktivistin und Schriftstellerin. Und verehrt – als Gesunde, als Kranke, als Sterbende und Gestorbene. Genauso souveräner Geist wie imposant inszenierter Körper (die Uniform, die Haare, das Auftreten, der Einsatz von Körperlichkeit in ihren Schriften).

Als sie 2004 nach grossen Qualen mit 71 Jahren starb, da gab es zwei Kräfte, die um ihr Erbe buhlten. Die letzte Geliebte und der Sohn. Die Fotografin Annie Leibovitz und der Essayist und Journalist David Rieff. Leibovitz war schon lange vor ihrer – gegen aussen äusserst zurückhaltend vermittelten – Beziehung ab 1988 eine Ikone. David Rieff ist auch jetzt noch vor allem der Sohn von Susan Sontag, ein sehr kluger zwar, aber immer der Sohn, oft herumgereicht als Ersatz für die Mutter.

Der geliebte Sohn

Annie Leibovitz hat während der letzten Tage ihrer Gefährtin getan, was sie am besten konnte: Sie hat Susan Sontag fotografiert, auf dem Kranken-, dem Sterbe-, dem Totenbett. Später hat sie die Bilder publiziert und ausgestellt. David Rieff hat sie dafür gehasst und, wo immer es ging, totgeschwiegen. Doch seit 2009 tut er Ähnliches – doch im Gegensatz zu Leibovitz, die den Verfall des realen Körpers dokumentierte und in den Augen der Öffentlichkeit festschrieb, fleddert er ein Stück des Werk-Körpers seiner Mutter: die Tagebücher.

Schon der erste Band, der 2009 in den USA unter dem Titel «Reborn» erschien und die Jahre 1947 bis 1963 umfasste, war eine Sammlung ausgewählter, beschnittener und zum Teil sicher auch zensierter Aufzeichnungen, und Rieff erhielt dafür viel Kritik. Beim zweiten Band «A Consciousness Is Harnessed to Flesh – 1964–1980», der jetzt unter dem Titel «Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke» auf Deutsch vorliegt, tat er noch mal das Gleiche. Wieder ist die Kritik gross, und es fragt sich, was er beim noch ausstehenden dritten Band tun wird. Annie Leibovitz totschweigen? Und werden wir erfahren, ob stimmt, was sich in New York alle zuflüstern, nämlich dass Annie Leibovitz’ Kinder dank einer Samenspende von David Rieff entstanden sind? Sontag, Leibovitz und Rieff haben dazu geschwiegen, bloss Sontags Mutter sagte einmal: «Ganz sicher nicht! Gott bewahre!»

Wir haben also, was wir haben beziehungsweise wie es David Rieff gefiel; und man muss schon sagen, so gut wie er kommt in «Ich schreibe...» kein anderes menschliches Wesen weg. «Ich bin David zu ‹nahe› in dem Sinne, dass ich mich mit ihm identifiziere», schrieb Susan Sontag im Juli 1966, als David 13 Jahre alt war. Und: «Jetzt denken die Leute also, David + ich seien Geschwister + das gefällt mir ungemein, es törnt mich an», im August 1968. Im März 1970: «Die immense Bedeutung, die David in meinem Leben hat: – jemand, den ich bedingungslos, vertrauensvoll lieben kann.» Und so weiter.

Der derart Geliebte kühlt nun – fast scheint es jedenfalls so – sein Mütchen an den Geliebten seiner Mutter, die es während seiner Kindheit und Jugend gab. Denn nach der kurzen Ehe mit dem Soziologen Philip Rieff ist in Sontags Tagebüchern fast ausschliesslich von Partnerinnen die Rede. Männer gibt es auch, als enge Freunde, und fast alle davon sind schwul. Es war für Sontag ein Weg, zur «Wiedererlangung oder Bewahrung meiner Weiblichkeit», denn alles Weibliche und Schöne sei ihr von ihrer gehassten Mutter «vergiftet» worden, schreibt sie im August 1968.

Sontags Frauen werden von David Rieff, der immer mal wieder gerne grössere Erklärungen einflicht, kaum gewürdigt, sie haben bei ihm nur einen Namen, aber weder Beruf noch Herkunft. Die omnipräsente Irene etwa, an der sich Sontag fünfzehn Jahre lang obsessiv abarbeitet, wäre zum Beispiel die mehrfach ausgezeichnete kubanisch-amerikanische Avantgarde-Dramatikerin Maria Irene Fornes (*1930), die in New York massgeblich zur Formierung der Off-Off-Broadway-Szene beigetragen hat. Diese Irene, mit der Susan Sontag viereinhalb Jahre verbrachte und mit der sie einen «Kontrakt» aushandelte, der von Ferne leicht an das Vertragswesen in «Fifty Shades of Grey» erinnert, machte Sontag zuerst sehr glücklich und dann total unglücklich: «Was mir bleibt ist ein völlig gelähmtes Sexualleben – sie hat mich zurückgewiesen, weil ich nicht gut im Bett war – ich bin nicht gut im Bett ...», schrieb sie im August 1965, und auch zwei Jahre später arbeitete sie noch immer an dem «Projekt, Irene zu entmythologisieren».

Eine Schwäche für Glamour

Denn ein Mythos, das darf nur Susan Sontag selbst sein, das wird aus jeder Zeile klar, und daran arbeitet sie mit einer Angst einflössenden Besessenheit. Regelmässig macht sie lange Listen mit allem, was sie gelesen, gesehen oder gehört hat oder noch lesen, sehen und hören will. Sie schwankt dabei zwischen Kulturpessimismus (Fernsehen ist schlecht) und popkulturellem Optimismus (Science-Fiction ist gut, Drogen, Pop-Art und Popmusik auch, obwohl sie den Beatles lange nicht so viel abgewinnen kann wie etwa Wagner).

In jeder wachen Minute trimmt und schärft sie ihr Denken und ist nicht nur geistig, sondern auch physisch immerzu unterwegs, bereist Europa, Asien. Sie ist mal politisch, mal ganz Dichterin, wütet gegen die eigenen Denkblockaden – am schwierigsten ist es immer, ein Thema für ein neues Buch, besonders einen neuen Roman, zu finden. Das ist bewundernswert, so kennt man sie.

Selbstironisch ist sie selten, einmal allerdings ausgerechnet in Liebesdingen. Sie hat sich da gerade die neapolitanische Adelige Carlotta del Pezzo geangelt, die ihrerseits von der französischen Schauspielerin und Regisseurin Nicole Stéphane, einer geborenen Baronesse de Rothschild, abgelöst werden wird. In eine spätpubertäre Liste von sieben «Eigenschaften, die mich antörnen (jemand, den ich liebe, muss mindestens zwei oder drei davon haben)» (Februar 1970), setzt sie unter viertens «Glamour, Prominenz». «Eine meiner grossen Entdeckungen der letzten Jahre war (peinlicherweise), wie sehr ich auf 4 reagiere», gesteht die grosse Frau Sontag. Und wie wir wissen, hat sie sich bis zuletzt daran gehalten.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.11.2013, 07:42 Uhr

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Susan Sontag: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964–1980. Hrsg. von David Rieff. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kathrin Razum. Hanser-Verlag, München 2013. 560 S., ca. 43 Fr.

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