«Das Leben, hat er gesagt, sei nur ein zerrissener Rock»

«Der Teich»: Robert Walsers einziger Mundarttext aus dem Jahr 1902 liegt jetzt in einer hochdeutschen Fassung vor.

«Du armer Bub»: Der junge Robert Walser um 1900.

«Du armer Bub»: Der junge Robert Walser um 1900. Bild: Archiv

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«I wet bald lieber niene meh si, als e so do si.» Dieser Satz geht auch so: «Ich möchte fast lieber nirgends mehr sein, als so da sein». Der mit seinen Eltern und den Geschwistern Klara und Paul lebende Fritz fühlt sich von seiner Mutter ungeliebt und täuscht vor, sich im nahe gelegenen Teich das Leben genommen zu haben. «Ich bin doch gespannt», sinniert der sensible Jüngling über die Reaktion der Mutter, «ob sie gleichgültig bleiben kann, wenn’s heisst, der Fritz hat sich in den Teich gestürzt».

Anfang Februar 1902 war der junge Robert Walser, noch nicht 24-jährig, enttäuscht ob der ausbleibenden dichterischen Erfolge, aus Berlin in die Heimat zurückgekehrt. In Täuffelen am Bielersee lebte er vorübergehend im Dunstkreis der Familie, nämlich bei seiner Schwester Lisa, die dort als Lehrerin tätig war. Dort schrieb er vermutlich auch das Dramolett «Der Teich» und verwendete dafür – einzigartig in seinem literarischen Werk – die berndeutsche Mundart. Zu seinen Lebzeiten hat weder der Dichter noch sonst jemand das Stück je erwähnt.

Märchenhafte Wendung

Erst 1966, zehn Jahre nach Walsers Tod, tauchte das 15-seitige Manuskript bei seiner jüngeren Tochter Fanny auf. Weitere sechs Jahre später wurde es im letzten Band der Gesamtausgabe erstmals publiziert. Die vom Berner Robert-Walser-Zentrum erarbeitete zweisprachige Ausgabe mit Holzschnitt-Illustrationen entstand nicht zuletzt aufgrund der regen Nachfrage, die das Stück gerade bei jungen Theatergruppen findet. Die geschmeidige, nahe am Original bleibende Übersetzung besorgten der Lyriker und Musiker Raphael Urweider sowie der Theater- und Filmautor Händl Klaus.

Das familiäre Beziehungsdrama in «Der Teich» nimmt eine versöhnliche, fast märchenhafte Wendung. Seinen Bruder Paul lässt der scheinbar lebensmüde Fritz zunächst mit der Bemerkung zurück, das Leben sei «nur ein zerrissener Rock», den er nun flicken gehen müsse.

Alles läuft nach Plan: Der aufgeschreckte Bruder entdeckt den schwimmenden Hut im Teich und den am Ufer drapierten Rock, derweil Fritz die Szene von einem Baum aus beobachtet. Nach seiner überraschenden Rückkehr – «kein Fleckchen an ihm ist nass» – ist die Erleichterung gross, und die vorher so schroff-distanzierte Mutter wirkt wie verwandelt. Sie haben eine zärtliche Aussprache («Mi Sohn, i möcht der uf de Chneune danke, dass de di mir hesch z’erkenne gä») unter nahezu inzestuösen Vorzeichen.

Das Kurzdrama endet schliesslich als Spiel im Spiel: Die drei Kinder verarbeiten die Ereignisse des Tages und spielen sich mithilfe von Messer, Gabel und Löffel gleich selber. Ein Tintenfleck markiert dabei den Teich. Die Geschwister entdecken dabei bewundernd das bislang verborgene Talent des Bruders: «Der Fritz, der kann schöne Geschichten erfinden.» Auf die Frage der Mutter, wo er denn die Geschichten alle herhabe, antwortet Klara: «Na, aus dem Kopf. Sein Kopf ist ein ganzes Buch voller Geschichten.» Der glücklich vereinten Familie ist in diesem traumhaften Finale ein Dichter geboren. (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2014, 11:02 Uhr

Das Buch

Robert Walser: Der Teich. Zweisprachig. Aus dem Schweizerdeutschen von Händl Klaus und Raphael Urweider. Insel-Bücherei 1396, Berlin 2014. 80 S. 20.50 Fr.

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