Das Leben frei passieren lassen

«Aaregeflüster»: Désirée Scheidegger erkundet Bern und seinen Fluss auf leichtfüssige und humorvolle Art.

Désirée Scheidegger hat ihr erstes Buch «Aaregeflüster» in diesem Jahr publiziert.

Désirée Scheidegger hat ihr erstes Buch «Aaregeflüster» in diesem Jahr publiziert. Bild: Eoghan Murray

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Wohin nur entführt uns Désirée Scheidegger? An scheinbar bekannte Orte wie das Marzili, in den Dählhölzliwald, zum Chindlifrässer-Brunnen oder auf die Stadttheatertreppe, an den Zibelemärit oder in eine Einzimmerwohnung an der Gerechtigkeitsgasse. Wir glauben diese Orte mehr oder weniger zu kennen, und doch werden sie nach dem Lesen dieses Buches eine neue Farbe, vielleicht sogar einen kleinen Glanz erhalten haben.

Désirée Scheidegger, die 1989 in Bern geborene Lehrerin, Studentin, Kellnerin und Reisende, hat mit Kurzgeschichten bereits mehrere Preise an Schreibwettbewerben gewonnen. In ihrem Erstling vereinigt sie nun Dialoge, Kurzprosa und Gedichte zu einem grösseren Ganzen mit dem poetischen Titel «Aaregeflüster».

Mit Fantasie begabt

Die Texte, geschrieben in Hochdeutsch, Mundart und manchmal auch in Englisch, vernetzen sich teilweise untereinander, sodass reizvolle Bezüge entstehen. Severin Küffer etwa, dessen Name im Pflasterstein auf dem Kornhausplatz verewigt ist, gewinnt plötzlich eine Gestalt, ist ein Mediziner, der nach dem strengen Tagwerk im Inselspital gerne leise mit der Stadt spricht, wenn er die Monbijoubrücke betritt. Sie ist einfach nur da, diese Stadt, und mischt sich nie ein.

Oder Hannah, die ihre kleinen Wünsche Papierfliegern anvertraut, von denen einer in einen Strauch fällt, wo ihn wiederum dieser Severin Küffer entdeckt: «Ich wünsche dir, dass dich jemand auf eine Aare-Schlauchbootfahrt mitnimmt», steht darauf. Désirée Scheideggers Menschen sind mit Fantasie begabte Wesen, hecken allerlei Verrücktheiten aus und folgen ihren Einfällen ohne Zögern, mögen sie noch so skurril sein. So erfährt der Begriff Normalität eine grosszügige Ausweitung. Muriel etwa entschliesst sich jäh zum Dasein einer «Luxusobdachlosen», will fortan «das Leben passieren lassen, frei und unbeschwert» – so wie die Aare in ihrem Flussbett dahinzieht.

Lili geht im Bart eines Mönchs spazieren wie in einem Wald, nachdem sie ihren Matcha-Tee getrunken hat (dem vielleicht halluzinogene Stoffe beigemengt worden sind). Petra zeigt sich besessen von der grünen Linie, die sich unter den Lauben dahinzieht. Und der faule Hummel soll ausgerechnet an seinem arbeitsfreien Tag als Juror bei der Wahl der neuen Eiskönigin amten, wozu ihn Stracciatella, die Anführerin der Eisbecher in seinem Gefrierfach, überredet hat.

Mundgerechte Dialoge

Die Texte wirken leichtfüssig und humorvoll; nur wenige Male schleichen sich ungelenke syntaktische Wendungen ein. Geschick zeigt die Autorin auch bei der Gestaltung mundgerechter Dialoge oder beim Wechsel zwischen heiteren und ernsthafteren Passagen, realistischen und märchenhaft überhöhten Momenten. So entsteht ein subjektiv gefärbter Stadtführer, der sich nicht auf Sehenswürdigkeiten konzentriert, sondern auf die Menschen, die hier ihre Lebensspuren ziehen.

Désirée Scheidegger: Aaregeflüster. Knapp-Verlag, Olten 2017, 160 S., 19.80 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 24.05.2017, 08:48 Uhr

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