Botschaft aus dem süssen Jenseits

«Schöne Bescherung»: Der Berner Schriftsteller Christoph Geiser stellt sich mit heiterer Verzweiflung seiner Endlichkeit und meldet sich mit einem funkelnden Prosatext zurück.

Stillleben mit Totenschädel und einem Porträt des Künstlers als junger Mann: Christoph Geiser in seiner Berner Schreibmansarde.<p class='credit'>(Bild: Franziska Scheidegger)</p>

Stillleben mit Totenschädel und einem Porträt des Künstlers als junger Mann: Christoph Geiser in seiner Berner Schreibmansarde.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Dem Besucher, soeben vor dem Pyramiden-Eingang gestolpert und hingefallen, wird bedeutet, dass er für den Besuch der ägyptischen Sammlung im Louvre einen Ausweis mit Foto benötigt. Für dieses Bild sitzt er also Modell und realisiert die «alte Gewohnheit, Reflex schier, aus einer Zeit, als wir noch öffentliche Person waren, existent beim Publikum, literarisch nicht tot». Jetzt darf aber gewissermassen von einer kleinen literarischen Wiederauferstehung berichtet werden. Nach dem abrupten Ende des Ammann-Verlags 2006 und einer längeren Odyssee hat der Schriftsteller Christoph Geiser im Zürcher Offizin-Verlag nämlich wieder einen Heimathafen gefunden und angesteuert.

Schonungslose Gesellschaftsanalyse

Wer sich beruflich auf dem Abstellgleis wähnt, finanziell jedoch nach Jahren am Rande der Armengenössigkeit plötzlich abgesichert ist, der kann nicht umhin, sein Selbstwertgefühl neu auszutarieren. «Läden sind nicht nur zum Einkaufen da. Seit wir uns eingerichtet haben in Berlin, seit wir vermögend sind, guter Kunde womöglich, von Beruf Erbe (...), seit, meine ich, unsere potenzielle Kaufkraft wirtschaftlich relevant ist, wir mithin ernst zu nehmen sind als nutzbringendes Glied der Gemeinschaft, bleiben wir auf unseren rituellen Gängen regelmässig vor den Auslagen in den Schaufenstern stehen, im Grund egal welcher.»

So beginnt «Schöne Bescherung» von Christoph Geiser, dessen Alter Ego seine hochbetagte Mutter verloren hat und – selber bereits jenseits der 60 – im Zustand latenter Panik mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wird. Dieser Anfang lässt natürlich aufhorchen, weil der 64-jährige Geiser, Sohn einer Basler Arztfamilie, an die grossbürgerliche Familiengeschichte aus seinen beiden frühen Romanen «Grünsee» (1978) und «Brachland» (1980) anknüpft. Diese beiden Romane, realistisch im formalen Zugriff und detailgesättigt, begründeten den frühen Ruhm des damals knapp 30-jährigen Dichters. Hier versank ein hochbegabter Autor nicht in private Nabelschau, sondern rang seinem familiären Malaise eine schonungslose Gesellschaftsanalyse ab.

«Ästhetik des Fragments»

Geisers ästhetische Position als Autor hat sich seither radikal verändert. Die Befreiung von der Sprache des bürgerlichen Romans folgte allerdings keinem Kalkül. Die Begegnung mit dem frühbarocken Maler Caravaggio liess bei ihm etwas aufbrechen, das zwingend nach einem anderen sprachlichen Zugriff verlangte, auch nach einer Ästhetik des Hässlichen rief. Geiser hat einmal vom «Ausbruch einer Spracherregung» gesprochen, die erzählerische Behutsamkeit öffnete sich hin zum Grotesken, Komischen und Absurden. Einer «Ästhetik des Fragments» ist Christoph Geiser seither schreibend auf der Spur.

Höllenfahrten und eine Erlösung

«Lesbarer» und marktgängiger wird dieser eigensinnige Autor auch in Zukunft nicht erzählen. In seinem jüngsten Prosatext jedoch beschert uns der in Berlin und Bern lebende Geiser eine facettenreiche, dicht gewobene Spracherregung, wendig und geschmeidig widersetzt sie sich dem gefürchteten Stillstand. Selbstironisch und von wachsender heiterer Verzweiflung angetrieben ist dieses Selbstporträt des Dichters als «rüstiger Jung-Senior».

Fitnesscenter als Untotenreich

Der Krebstod der Mutter bildet dabei eine «Startrampe», um den Protagonisten im Zeichen tragikomischer Vergänglichkeitsbekämpfung («Du musst dein Leben ändern!») auf eine diesseitige Höllenfahrt in ein Fitnesscenter oder in eine exklusive Schweizer Klinik zu schicken – dies alles in einem furiosen, ebenso assoziationsreichen wie virtuos sprachspielerischen Bewusstseinsstrom. Das untertags liegende Berliner Fitnesscenter mit seinen Folterinstrumenten vom Schenkelstrecker bis zur «Brustvergrösserungsmaschine» wird als Untotenreich wahrgenommen, das sogar das von Geiser leitmotivisch thematisierte (homosexuelle) Begehren temporär zum Versiegen bringt. Die in die Wand eingelassenen Garderobenschränke erinnern an «Urnengräber», auf einer Garderobenbank haucht ein uralter Mann mit schlohweissem Haar sein Leben aus – «eine grosse schwarze Wasserlache auf dem Granitboden» zurücklassend.

Verlockender Prunksarg

Eine Reise nach Paris kommt schliesslich einer Befreiung gleich und führt ihn «im wehenden Mantel» in den Louvre, an Löwen- und Katzengöttinen, Speih- und Blähkobras vorbei zu einer auf den ersten Blick unscheinbaren ägyptischen Kalksteinfigur. In einer «urtümlichen Sitzhaltung» verharrend und ihn aus 5000 Jahre alten türkisblauen Augen «glasklar» anschauend, offenbart dieser «Schreiber» dem von barocker Vanitas gequälten Betrachter eine befreiende Sicht auf das Jenseits: «Nur einen Zirkelschluss, den Kreis, die Weltenschlange, die sich ums Ei legt. Die Ewigkeit im Blick! Die Ewigkeit im Rücken.» Im Bewusstsein dieser neu gewonnenen Seelenruhe flaniert er in seinem Wilmersdorfer Kiez an einem Bestattungsinstitut vorbei, sinniert übers «Probeliegen» und kann trotz der «Ridiculus sum»-Einsicht nicht verhehlen, dass der lackglänzende Prunksarg mit den Messinggriffen am verlockendsten erscheint.

Der Bund

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