«Blutend Herz» hinter der Maske

Madame de Meuron: Als die Berner Patrizierin 1980 mit 98 Jahren starb, war sie längst ein schrulliges «Berner Original». Die Historikerin Karoline Arn trägt nun in ihrer Biografie Schicht um Schicht vom Mythos ab.

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So war sie seit den frühen 1940er-Jahren in den Gassen der Berner Altstadt unterwegs: knöchellange, pechschwarze Kleider und Mäntel, dunkle breitkrempige Hüte, ein Hörrohr in Griffweite, das Gesicht unter einer Schicht Puder maskenhaft wirkend, meistens begleitet von Windhunden: In einem Märchen hätte sie die Rolle der skurrilen Hexe eingenommen, vor der sich die Kinder fürchteten und zu der die Erwachsenen instinktiv auf Abstand gingen. Sie selber wusste um den Schutzwall, den sie um sich herum errichtet hatte und zu dem auch ihr Hauptwohnsitz gehörte, das über dem oberen Gürbetal gelegene Schloss Rümligen. Gewissenhaft müsse man sich verstellen im Leben, notierte sie einmal, «damit man in den Rahmen passt».

Entsetzt ist die fast 90-Jährige und schockiert, als 1971 dieses Buch erscheint, eine Anekdotensammlung aus ihrem Leben, scheinbar authentisch aufgemacht in einer Art Tagebuch aus der Perspektive der alten Dame. Alles in diesem Machwerk sei unwahr, beklagt sie sich bei Freunden, und würde ein Zerrbild ihrer Person zeichnen. Missverstanden fühlt sie sich – viele ihrer Aussprüche seien doch ironisch, scherzhaft, das Gegenüber foppend gemeint – und dem Gespött der Leute ausgeliefert. Sie ahnt, dass solche Publikationen das Bild von ihr unbarmherzig prägen werden.

Anek­doten und Bonmots über Elisabeth de Meuron-von Tscharner sind darin versammelt, welche die Klischees über sie zementieren, den Standesdünkel der Aristokratin illustrieren («Syt dihr öpper oder nämet dihr Lohn») oder ihre Sparsamkeit und den spartanischen Lebensstil der Gutsbesitzerin auf den Schlössern Rümligen und Amsoldingen aufs Korn nehmen.

Sie selber stand den Ursachen dieses wachsenden Interesses an ihrer Person eher ratlos gegenüber: «Weil man mich aus Zufall zu einer Persönlichkeit gemacht hat, an welcher die Leute sich belustigen können als Gaudium.» Ihre eigene Lebensbilanz fällt dagegen düster aus: «Das Leben hinter mir erscheint mir ununterbrochen ein böser Traum gewesen zu sein, wo alles unverständlich durcheinander kam und blitzartig Schönheiten aufwies.»

Beide Kinder überlebt

Aufgewachsen in einer Familie aus dem Berner Patriziat direkt gegenüber dem Berner Münster, sollten ihre Wissbegier und ihr lebhaftes Wesen schnell in einer standesgemässen Ehe kanalisiert werden. Der Greif, das mythische Wappentier der von Tscharners – ein Löwe mit Flügeln –, symbolisiert die Situation dieser jungen Frau: Gesegnet mit vielen Gaben, aber konfrontiert mit zu starken Kräften, die sie daran hindern, in ein eigenständiges Leben abzuheben.

Die Jugendliebe zu einem jungen Zürcher aus gutem Haus war dem Vater nicht genehm; er wollte nicht, dass das Berner Vermögen nach Zürich geht. Sie heiratet den entfernt verwandten Fritz de Meuron aus Neuenburg – ein vom Naturell her gegensätzlicher Typ, sanft, den schönen Dingen des Lebens und auch anderen Männer zugetan – sie haben zwei Kinder, Louise und Roger, lassen sich 1923 scheiden, bleiben aber in Freundschaft verbunden. Elisabeth de Meuron befindet sich nach dem frühen Unfalltod des Bruders und dem Tod ihres Vaters in der «einmaligen Situation, genug Geld zu haben, um tun und lassen zu können, was sie wollte». Sie verliebt sich in einen österreichischen Maler, der mit ihr nach Amerika auswandern möchte.

Aber sie kann nicht über den eigenen Schatten springen: «Wieder heiraten ist nicht leicht, wenn man schweres Bernerblut in den Adern hat.» Die beiden Kinder entziehen sich der dominanten Mutter, die ihre Liebe nur schwer zeigen kann: Louise wird nach einem psychischen Zusammenbruch bis nach Tanger flüchten, wo sie sich ein neues Leben aufbaut und 1977, drei Jahre vor der Mutter, stirbt. Der sensible und kränkliche Roger, der einst aus Heimweh zu Fuss aus dem Internat in Zuoz nach Hause laufen wollte, später Agronomie studiert und den Landwirtschaftsbetrieb übernehmen soll, nimmt sich 1939, noch nicht 30 Jahre alt, im Keller von Schloss Rümligen mit seiner Ordonnanzpistole das Leben.

«Sie versteckte ihr blutend Herz in Eis und Hohn.»

Seither trägt die im Innersten getroffene Elisabeth de Meuron ihre schwarze «Uniform», in den Briefen spart sie nicht mit Selbst­anklagen, gegen aussen bewahrt sie Haltung und entgegnet mitunter auf Fragen nach den Gründen für den Freitod des Sohnes, dieser hätte offenbar nichts Gescheiteres zu tun gehabt.

Die Gutsbesitzerin, die sich landwirtschaftlichen Dingen bestens auskennt, unterhält während des Zweiten Weltkriegs auch Kontakte zu Vertretern des Nazi-Regimes in der Schweiz – was familienintern zu Zwistigkeiten führt – und kümmert sich gleichzeitig um italienische Internierte. Der jährliche Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens in Rümligen ist jeweils die Reitkonkurrenz, der Concours, zu dem sich die Honoratioren einfinden. 1972 wird die Kavallerie jedoch abgeschafft, und für die letzte Austragung kommt zum Ärger der Hausherrin auch der «Totengräber», der für den Entscheid zuständige Bundesrat Rudolf Gnägi.

Nach dem Tod von Grittli, die über 60 Jahre den Haushalt führte auf Schloss Rümligen, wird es einsam, 1967 hat sie die Landwirtschaft aufgelöst, und Mitte der 70er-Jahre wird ihr eröffnet, dass sie bankrott sei. Die letzten beiden Jahre verbringt Elisabeth de Meuron nach einem Oberschenkelhalsbruch im Spital Riggisberg. Bei der Beerdigung in der Kirche Gerzensee sagt der Pfarrer: «Sie versteckte ihr blutend Herz in Eis und Hohn.»

Seelenarbeit in den Briefen

Die Berner Historikerin und Journalistin Karoline Arn legt eine differenzierte, in mancherlei Hinsicht ebenso überraschende wie berührende Biografie dieses Relikts einer schon zu ihren Lebzeiten untergegangenen Aristokraten-Welt vor. Der Umstand, dass sie mit dem Urgrossneffen von Elisabeth de Meurons Ehemann Fritz verheiratet ist, wird Karoline Arn möglicherweise bei diesem Unternehmen hin und wieder als willkommener Türöffner gedient haben. Bereits die dreiteilige Serie im «Bund» im vergangenen Januar gewährte zahlreiche Einblicke hinter die Fassade des «Berner Originals» – Einblicke, die nun im Buch mit noch mehr Material eindrücklich vertieft werden.

Elisabeth de Meuron war eine passionierte, fast schon manisch zu nennende Briefeschreiberin, die sich auf dem Papier als temperamentvolle und geistreiche, mitunter wortgewaltige und um ihre Widersprüche wissende Persönlichkeit entpuppte. «Was sie nicht aussprechen kann», heisst es einmal, «quillt in ihre Briefe.» Sie verbrannte alle Briefe, nachdem sie beantwortet waren, und bat die Empfänger mit dem Hinweis «Zum Zerreissen nach flüchtiger Einsicht» regelmässig darum, ihre Briefe ebenfalls zu vernichten. Diesem Wunsch wurde jedoch nicht immer entsprochen. Grundlage der Biografie sind denn auch die rund 1200 Briefe in der Burgerbibliothek Bern, die Freunde von Elisabeth de Meuron sammelten, unter anderen der ehemalige Kunsthalle- und Kunstmuseumsdirektor Max Huggler oder der Architekt und Museumsdirektor Michael Stettler.

«Mediziner sind fahrig, unsichere Leute»

Auch ehemalige Mieter von Elisabeth de Meurons Stadtwohnungen, vor allem in der Junkerngasse, bewahrten die Briefe ihrer oft gestrengen und den jungen Schützlingen gleichzeitig zugewandten Vermieterin auf. Am Leben der Studenten nahm sie regen Anteil: Ein angehender Physiker musste ihr etwa 1969 haarklein erklären, wie es technisch überhaupt möglich war, auf dem Mond zu landen. Einen anderen Physiker rügte sie nach einer Inspektion von dessen Wohnung – sie hatte natürlich Schlüssel – und bezeichnete das Aufbewahren von Weinflaschen in der Badewanne für Festivitäten als «schändlich». Gleichwohl mochte sie die Physiker, «sie sind sehr nette Menschen, auch die Astronomen», während sie die Mediziner als «fahrige, unsichere Leute» erlebte.

Einen tieferen Einblick in das Leben ihrer Grossmutter ermöglicht die Ärztin Barbara Hegner, die heute auf Schloss Amsoldingen lebt. Es sind wohl vor allem ihre Erinnerungen und ihre intimen Kenntnisse, die es Karoline Arn ermöglicht haben, eine in den besten Passagen durchaus literarische Qualitäten aufweisende Innenansicht zu wagen. In einer mosaikartigen, auf eine chronologische Form verzichtenden und oft mit Rückblenden arbeitenden Erzählstruktur fühlt sie sich in die Hauptfigur ein und füllt die Lücken zwischen den Fakten mit prägnanten Szenen und inneren Monologen.

«Tenebo» bis zum Schluss

Zweifellos wird die romanhafte Biografie das Interesse an dieser schillernden Persönlichkeit neu befeuern. Und bereits gibt es auch Pläne, das Buch von Karoline Arn zu verfilmen. Die Schweizer Produzentin Ruth Waldburger hat sich zusammen mit der Filmemacherin Isabel Hegner die Rechte gesichert. Isabel Hegner ist die Urenkelin von Madame de Meuron und scheint mit dem Filmprojekt die kurz nach dem Tod von Elisabeth de Meuron niedergeschriebenen Worte ihrer Mutter zu bestätigen: «Grand-maman war in der Familie eine problematische Figur, trotz allem wird sie uns fehlen und ihre undurchsichtige Persönlichkeit uns noch lange beschäftigen.»

Karoline Arns Verdienst ist es, in ihrem Buch mit Akribie und beeindruckender Empathie etliche Schichten von diesem Mythos abgetragen und den Blick auf eine Frau freigelegt zu haben, deren fast ein Jahrhundert währendes Leben voller Tragik war, geprägt von Verzicht, Pflichtgefühl und einer Lebenshaltung, die mit der lateinischen Losung der Familie von Tscharner zutreffend beschrieben werden kann: «Tenebo» – ich werde (aus-)halten, niemals aufgeben.

(Der Bund)

Erstellt: 28.10.2014, 09:46 Uhr

Buchvernissage

Karoline Arn: Elisabeth de Meuron-von Tscharner. Der Wunsch der Löwin zu fliegen. Zytglogge-Verlag, Oberhofen, 2014, 240 S., 36.90 Fr. 



Buchvernissage: Heute, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher Bern.

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