Birgit Birnbacher gewinnt in Klagenfurt

Beim Wettlesen um den Bachmann-Preis ging es auch um moralische Fragen.

Die Österreicherin Birgit Birnbacher überzeugte die Jury mit ihrer Lesung aus «Der Schrank». Foto: ORF

Die Österreicherin Birgit Birnbacher überzeugte die Jury mit ihrer Lesung aus «Der Schrank». Foto: ORF

Drei Schweizer waren zum Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen worden, alle gingen sie leer aus. Andrea Gerster, Silvia Tschui und Tom Kummer kamen nicht einmal in die Endrunde der letzten sieben, aus der die Preisträger durch eine Reihe von Kampfabstimmungen zwischen den Juroren ermittelt werden. 43. Trägerin des mit 25’000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis ist die Österreicherin Birgit Birnbacher, die weiteren Auszeichnungen gingen an die Deutschen Leander Fischer und Yanic Han Biao Federer sowie Julia Jost (Österreich).

Zwei Autoren legten Texte vor, die sich vorgenommen hatten, real existierende Barbarei in die Literatur zu überführen. Und beide Texte spalteten auf symptomatische Weise die anwesende Kritik.

«Unerträglich» bis «obszön»

Martin Beyer hatte eine Geschichte dabei, in der der Icherzähler als befristet beschäftigter Assistent des NS-Henkers Johann Reichhart der Hinrichtung der Mitglieder der Weissen Rose in München-Stadelheim beiwohnt. Die Erzählkonstruktion musste dem Publikum in Klagenfurt seltsam vertraut vorkommen. Ein argloser Icherzähler, der mehr oder minder zufällig ins dunkle Herz der nationalsozialistischen Mordmaschinerie gerät und dort feststellt, dass sowohl die Mörder als auch die Opfer letztens Endes Menschen sind wie du und ich: Genau so war der «Spiegel»-Redaktor Takis Würger in seinem Roman «Stella» vorgegangen, der von der Kritik Anfang des Jahres einigermassen entgeistert aufgenommen wurde, sich im Buchhandel aber wacker behauptete. Das Verfahren Beyers fanden die Juroren in Klagenfurt ebenfalls «unerträglich» bis «obszön».

Die Frage war dabei nicht, ob man von der Hinrichtung der Scholl-Geschwister und Christoph Probst erzählen oder es besser ganz bleiben lassen sollte. Die Frage war, ob man dem Gegenstand gerecht werden kann, wenn man ihn auf einen schlichten Gedanken reduziert. Oder es sich nicht vielmehr um eine Form kultureller Ausbeutung handelt, wenn man den Tod der antifaschistischen Widerstandskämpfer für ein marktgängiges Romanprojekt einspannt. Eines, das die Diskussion um die literarische Darstellbarkeit des Abgrunds keinen Millimeter voranbringt, aber den Verdacht nährt, dass die Übersetzungs- und Filmrechte beim Schreiben schon mitgedacht wurden. Und ob sich in dieser künstlerischen Entscheidung nicht ein ganz besonderer Zynismus verbirgt, den zu entblössen eigentlich die Aufgabe der Literatur wäre – statt ihn zu verinnerlichen und fortzuschreiben.

Literatur oder Reportage?

Der andere Text über die Barbarei handelte vom Genozid des IS an den Jesiden und war insofern etwas heikel, als seine Autorin, die 1993 in München geborene Ronya Othmann, selbst einen kurdisch-jesidischen Vater hat und beide also den Völkermord nur deshalb überlebten, weil sie im August 2014 nicht in Sindschar waren, als der IS die Stadt einkesselte, Männer von Frauen trennte, die einen enthauptete und die anderen vergewaltigte.

Othmanns Verfahren aber war ein entschieden anderes als das Beyers: Es gibt im Text eine Icherzählerin, die mit der Autorin einige entscheidende Merkmale teilt und sich den Kopf nicht nur darüber zerbricht, wie von einem Genozid erzählt werden könnte, sondern auch von wem, zu welchem Zweck und an wen sich so ein Bericht eigentlich richtet.

Weil die Erzählung ausserdem mit der moralischen Autorität der Authentizität ausgestattet wird, stand schnell der Verdacht im Raum, bei dem Text handle es sich weniger um Literatur als vielmehr um eine Reportage. In diesem Falle aber fällt die Entscheidung über die Textart der Autorin zu: Indem sie es beim Bachmann-Preis einreicht, erklärt sie ihn selbst zu Literatur.

Mit dem schönen Nebeneffekt, dass es die Literatur zu einem Instrument macht, das in der medialen Aufmerksamkeitsökonomie Raum für Themen erobert, die andernfalls zu wenig vorkommen. Man kann sich trotzdem über Formfragen austauschen und auf diese Weise ein Gespräch über das Unaussprechliche überhaupt erst möglich machen. Interessant ist jedenfalls, dass sich die Sprache stets zum Unsagbaren hingezogen fühlt. Ronya Othmanns Text bekam den Publikumspreis.

Auflösung des Mittelstandes

Der Text, der letztlich mit dem Bachmann-Preis gekrönten Autorin Birgit Birnbacher zog seine Kraft ebenfalls zum guten Teil aus der Berücksichtigung brandaktueller Fragen. In «Der Schrank» geht es um eine Icherzählerin, die zwar Philosophie studiert hat, aber nur geringfügige Jobs bekommt und deshalb in einer kleinen Sozialwohnung lebt. Als es in dem Viertel zu einem Todesfall kommt, taucht plötzlich ein Soziologe aus der Hauptstadt auf, der die Lebensumstände der Hausbewohner vermessen will, in Formularen blättert und Befragungen durchführt. Der Titel der Studie lautet «Lebensverhältnisse und Neue Arbeit», aber «unter bestimmten Umständen zähle sogar keine Arbeit als Neue Arbeit».

Es geht bei Birnbacher also um einen europäischen Mittelstand, der sich langsam nach unten auflöst, um eine unredliche Sozialforschung, die Kategorien entwickelt, die diese Entwicklung eher verschleiern als dokumentieren, und eine Unterschicht, die auf dem reichsten aller Kontinente vor sich hindämmert.

Trotzdem wurden die Preise in Klagenfurt nicht für thematische Gravität vergeben, sondern für Literatur. Der «Bewerb» ist nicht nur ein Wettstreit der Literatur, sondern mindestens zu gleichen Teilen eine Leistungsschau der deutschsprachigen Kritik. Und auch in diesem Jahr zeigte sich, dass Ästhetik mit der Moral eng verwandt ist, gegen Moralismus aber nahezu immun.

Formbewusstsein bedeutet eben nicht, dass man nur dann Gehör findet, wenn man sich vorher auch was Anständiges anzieht. Formbewusstsein bedeutet, dass sich Widersprüche, Lügen und Falschheiten zuverlässig offenbaren, wenn man sich informiert über den Modus unterhält, in dem sie vorgetragen werden. Hinter der Sprache kann sich niemand verstecken.

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