Fussball-Literatur

Bier, Bratwurst und Tigerbalsam

«Ränze u churzi Scheiche»: Pedro Lenz und Wolfgang Bortlik nehmen in ihrem Hörbuch «Die Schwalbenkönige» die eigentümliche Welt des Provinz-Fussballs aufs Korn.

Schöpfen beim Thema Underdog-Fussball aus dem Vollen: Pedro Lenz (Nr. 2) und Wolfgang Bortlik (mit Ball) samt den Mitgliedern der Formation Tim und Struppi.

Schöpfen beim Thema Underdog-Fussball aus dem Vollen: Pedro Lenz (Nr. 2) und Wolfgang Bortlik (mit Ball) samt den Mitgliedern der Formation Tim und Struppi. Bild: zvg

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Während sich in neun Tagen die halbe Schweiz vor TV-Geräten versammeln wird, um bei Chips und Bier lautstark Messi, Ronaldo und Konsorten anzufeuern, ereignet sich fernab von Zuckerhut und Copacabana tagtäglich fussballerische Dramatik erster Güte. In unzähligen Tiefliga-Clubs und Vereinen wird Woche für Woche gedribbelt, gefoult, geflucht und tief geflogen.

Es ist diese wenig glamouröse Welt, die des FC Moutier oder FC Kölliken, der sich Pedro Lenz und Wolfang Bortlik in ihrem Hörbuch «Die Schwalbenkönige» annehmen. In Texten, Gedichten und Lumpenliedern – vertont von der Formation Tim und Struppi rund um Gogo Frei – berichten Lenz und Bortlik über die Helden fernab der grossen Scheinwerfer. Da wären zum Beispiel die Schwalbenkönige, die bereits in der Garderobe stolpern, oder die Stürmer, die trotz spektakulären 5-Meter-Kerzen am Ball vorbeischlagen, da die Motorik nicht recht will. Im Universum von Bortlik und Lenz haben die Schiedsrichter «zimlechi Ränze u churzi Scheiche», der Platzwart muss mindestens vier Mal pro Spiel den Ball aus dem angrenzenden Dorfbach fischen, und ein Libero erklärt dem gegnerischen Spieler: «Ich nehm dir jetzt den Ball mal weg, sonst foul ich und du liegst im Dreck.»

Bluterguss und Pferdekuss

Der in Basel beheimatete Schriftsteller Wolfgang Bortlik, berüchtigt für seine Sportgedichte, und der bekennende YB-Fan und Mundart-Poet Pedro Lenz schöpfen beim Thema Underdog-Fussball aus dem Vollen, inhaltlich wie auch sprachlich. Lenz liefert rhythmisierte und klangvolle Prosa, stimmt in priesterlicher Manier eine Litanei auf den Schutzpatron des Fussballs an und ergründet mit beissendem Spott die Sprach(un)mächtigkeit von Kommentierenden in Fussballblogs. Bortlik liest melancholische Elegien über die eigene Dorfbuben-Fussball-Vergangenheit, als jeweils nach dem Match die Steinchen aus den aufgeschürften Knien gepickt werden mussten, fordert beim Thema Fussball mit Migrationshintergrund die Masseneinwanderung und stimmt ein lustiges Lied auf Nasenbruch, Bluterguss und Pferdekuss an.

Pedro Lenz wiederum lässt sich gar zu einer Art Rap verleiten und erprobt sein Gesangstalent am Boney-M-Klassiker «By the Rivers of Babylon», das einzige verkratzte «Singeli», welches in den 70er-Jahren jeweils bei den Spielen des FC Langenthal aus den Platz-Lautsprechern erklungen sei. Dieser Abstecher ins Mittelland der 70er gehört denn auch zum Vergnüglichsten auf dem Hörbuch der beiden Sprachakrobaten, zumal der Lenz so richtig nicht singen kann. Oder um beim Jargon zu bleiben: eher Alternativ-Liga als Königsklasse und deswegen der perfekte Soundtrack für «Die Schwalbenkönige».

«Freistöss ids Chrut»

Es ist eine sympathisch kauzige Welt, welche die Herren Bortlik und Lenz porträtieren. Eine Welt, in der nicht gestählte Körper und Traumtore regieren, sondern vielmehr Tigerbalsam, Perskindol, «Freistöss ids Chrut» und Bier. Man fühlt sich zu Hause in diesem eigentümlichen Universum des Provinz-Fussballs. Copacabana, Cüpli in der VIP-Lounge, Messi und Ronaldo mögen vielleicht verlockend klingen – Bier und Bratwurst in der Pernod-Kurve im Brügglifeld dafür realistisch.

Pedro Lenz, Wolfgang Bortlik: Die Schwalbenkönige. Ersatzbank. Audio-CD, 56 Minuten. Der gesunde Menschenversand, 28 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 03.06.2014, 13:11 Uhr

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