Aus dem Leben eines Urviechs

Der grosse Schauspieler und gewaltige Säufer Gérard Depardieu hat seine Autobiografie geschrieben. Es ist der schonungslose Bericht eines Mannes, der aus dem Dreck kam.

Befreit von der «ranzigen Vergangenheit»: Gérard Depardieu mit 28 Jahren in «1900» von Bernardo Bertolucci. Foto: Imago/AGD

Befreit von der «ranzigen Vergangenheit»: Gérard Depardieu mit 28 Jahren in «1900» von Bernardo Bertolucci. Foto: Imago/AGD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Schauspieler Gérard Depardieu, der Danton und Cyrano und Obelix war, also gewissermassen Frankreich in seiner Gesamtheit, hat seine Autobiografie geschrieben oder schreiben lassen vom Schriftsteller und geübten Ghostwriter Lionel Duroy, so genau weiss man das nicht. «Es hat sich so ergeben» heisst die deutsche Übersetzung, und der Titel macht gleich etwas melancholisch.

Derart gründlich hat ja Depardieu in den letzten Jahren seinen Ruf als zivilisierter Künstler beschädigt und den als irrlaufender Säufer befestigt, dass er einem nun zuallererst vor Augen steht als bizarre Karikatur: ein besoffener Fettberg, der in einen Flugzeuggang uriniert (denn das hat er getan und zeigte danach wenig Schambewusstsein). Sein von ihm selbst verbürgter Alkoholkonsum muss selbst in Russland, wo er jetzt lebt, staunenswert sein. Eine sehr böse Zunge behauptete, er habe nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» als Franzose, der er immer noch ist, auch von ganzem Herzen «Je suis Charlie» sagen wollen, es sei aber «Je suis Chablis» herausgekommen. So ist das scheints mit Depardieu heute: ein Trauerspiel des Zerbröckelns. Es hat sich so ergeben.

Kolossaler, berührender Kitsch

Aber die Melancholie ist unsere Sache, nicht seine. Die seine im Buch ist der Trotz dessen, der sich ums Gewesene foutiert, das ihn nur hinderte an der Lust und der Gier nach hochprozentiger Gegenwart. Das ist das Ziel seiner autobiografischen Unternehmung: zu erklären, dass nicht immer gut war, aber sein musste, was sich ergeben hat; und nicht «schwer und plump und wund von dir selbst» zu werden (eine Formulierung von Peter Handke, immer wieder zitiert Depardieu seinen «Freund Handke»).

Und frei zu werden von der «ranzigen» Vergangenheit. Deshalb erzählt er von ihr mit einer koketten Schonungs­losigkeit, und das ist fast ein bewundernswerter Spagat: wie er sie nostalgisch umspielt und erzählend abstreift. Bis alles, was sich ergab, am rechten gegenwärtigen Platz ist, das Saufen als Teil der Lebenspoesie, die Freundschaft zum russischen Präsidenten Putin, den er brüderlich anschwärmt mit irritierendem Tunnelblick, auch der russische Pass, den er Putin verdankt und der ihm jetzt erlaube, der Russe zu sein, der er eigentlich immer schon gewesen sei, und auf der Hochebene von Kasachstan «das Lied der Welt» zu hören und das Singen der Menschen und Dinge.

Das ist natürlich kolossaler Kitsch, aber ein berührender und angemessener. Der Koloss Depardieu glaubt bestimmt daran. Die Nostalgie anderseits ist womöglich ein Akt der Notwehr. Die Vergangenheit gehört ja doch zu ­Depardieu, und er wurde wund daran und von sich, da hilft der Kitsch nichts. Der eindrücklichste Teil seines Buchs handelt von der Jugend, die «nach Armut stank», und eine Art Wunder war es schon, dass einer wie er, geboren 1948 im elendesten Viertel von Châteauroux in der Region Berry, wurde, was er ist oder noch sein könnte: der gewaltige Schauspieler, der das Grob- mit dem Feinstofflichen verbindet, die raue physische Präsenz etwa mit dem melodischen Talent, in Alexandrinern zu sprechen, als seien sie ihm angeboren.

Die rohe Freiheit der Armut

An der Wiege wurde es ihm nicht gesungen. Überhaupt wurde bei den ­Depardieus nicht an Wiegen gesungen. Nicht vom Vater, dem «Dédé», der nur seine Initialen schreiben konnte und sein Lebtag keinen graden Satz zusammenbrachte. Nicht von der Mutter, der «Lilette», die den kleinen Gérard (und auch den grossen, schwierigen) zärtlich liebte, aber zuvor die Fruchtabtreibung mit Stricknadeln und dem Tee von Kirschenstängeln versucht hatte. Er hats überlebt und ist dann nicht lieblos aufgewachsen, aber fast sprachlos.

Das ist der drastische Stoff, aus dem die Nostalgien sind. Ihn formte Depardieu quasi zur Schicksalserzählung: von der rohen Freiheit der Armut, in der ein Künstler erwachte; in der die «Scheisse» von Châteauroux, die noch jetzt an ihm klebt, ihn düngte, bis das «Unkraut» wunderbar erblühte. Sodass ein kleiner Stricher und Dieb und Leichenfledderer (all das will Depardieu gewesen sein, er gesteht es mit einer gewissen Freude am Skandal) die Musikalität der Sprache, die in ihm war, noch vor der Bedeutung der Worte entdeckte und verstand. Manche haben ihm dabei geholfen, die Regisseure Jean-Laurent Cochet und Claude Régy, die Schriftstellerin Marguerite Duras, an sie erinnert er sich zärtlich. Jedoch ist es im Grunde die ­Geschichte vom Originalgenie, das dem Dreck dankbar ist, aus dem es sich an den eigenen Haaren ganz allein zog.

Womöglich war es ja so. Nicht so dahinbrausend vermutlich, wie Depardieu es beschreibt, und nicht so rauschig von Vitalitätspathos. Derart beständig laut kann das Leben wirklich nur in einer ­Autobiografie toben, in der einer auf seinem Ruf als Urviech besteht, um ihn auszuhalten. Es sind aber keine Symptome von Verlogenheit festzustellen. Eher eine Art von naiver Wahrhaftigkeit in der Wirrnis und Egozentrik eines eigentümlich bewegenden Buchs.

Und die Traurigkeit eines siebenundsechzigjährigen Mannes, der seinen Sohn begraben hat und die Zeit nun an seinem «eigenen Fleisch» misst. Und schliesslich: Gérard Depardieu, dieses übergewichtige Monument, mag bröckeln. Die Erinnerung an Danton, Cyrano oder Obelix und auch an andere Figuren, zum Beispiel den Säufer Léopold in «Uranus» (1990) – die bröckelt nicht.


Gérard Depardieu (mit Lionel Duroy): Es hat sich so ergeben. Das Neue Berlin 2015. 176 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2015, 19:50 Uhr

Video

«Mammuth», Trailer. Quelle: Youtube

Video

«Welcome to New York», Trailer. Quelle: Youtube

Video

«Cyrano de Bergerac», Trailer. Quelle: Youtube

Video

Going Places, Trailer. Quelle: Youtube

Artikel zum Thema

Ein Münchner im Filmhimmel

Der deutsche Regisseur Helmut Dietl ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Ein Nachruf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Wohnideen, die glücklich machen

Tingler Verschwunden

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...