Aus dem 68er-Geist lassen sich immer noch Funken schlagen

Klug und witzig: In den neuen Erzählungen von Isolde Schaad prallen die Bedürfnisse des Herzens und des Verstandes aufeinander.

In ihrem neuen Erzählband «Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete» knüpft Isolde Schaad thematisch an den 2010 veröffentlichten Roman «Robinson und Julia» an.

In ihrem neuen Erzählband «Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete» knüpft Isolde Schaad thematisch an den 2010 veröffentlichten Roman «Robinson und Julia» an. Bild: Yoshiko Kusano/Keystone

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Hanskonrad Arter, als Restaurator am Kunsthaus Zürich angestellt, hat den Auftrag, eine der beiden Fassungen des Bildes «Die Wahrheit» von Ferdinand Hodler zu restaurieren: ein nacktes Mädchen, von dem sich verhüllte Gestalten abwenden. Anfangs hat ihn diese «Lotterpuppe» mit den aus dem Brustkorb stechenden Rippen nicht angezogen, überaus «geschlechts- und geheimnislos» erschien sie ihm. Der monatelange Umgang wirkt dann aber wie eine Verjüngungskur für den verklemmten Endfünfziger, der in einer längst in Routine erstarrten Beziehung lebt und den der Zwinglianismus als «metallkalter Keuschheitsgürtel für Männer» unbarmherzig im Griff hält.

Die Zürcher Schriftstellerin Isolde Schaad lässt in der Erzählung «Erhöhte Temperatur» diesen erotischen Analphabeten, der in seiner sexuellen Not «mit offenem Hosenbund» vor einer Polin auf dem Strassenstrich flieht, eine eingebildete, dafür aber nicht weniger aufwühlende Amour fou erleben. Er versteht sich immer mehr als «Bodyguard» des Ferdinand-Hodler-Mädchens, das er vor dem Missbrauch der sie anstarrenden «Kunstmeute» bewahren will. Aber die Ernüchterung lässt nicht auf sich warten: Arter wird von seiner Ehefrau gestellt und muss das Hodler-Mädchen bei der Vernissage schutzlos den Blicken der Anwesenden überlassen. Es bleibt die Einsicht: «So viele Gefühle aufs Mal hat er noch nie gehabt.»

Kinderkriegen als Edelsport

In ihrem neuen Erzählband «Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete» knüpft Isolde Schaad thematisch an den 2010 veröffentlichten Roman «Robinson und Julia» an. Wieder bewegt sich die Autorin in einer Zone, wo der linke 68er-Geist zwar sexuell willig und in der feministischen Theorie prinzipienfest ist, aber das Fleisch einen fatalen Hang zu Schwäche und Bedürftigkeit aufweist.

Die insgesamt sieben Erzählungen, die das neue Buch umfasst, sind allesamt in der «empfindsamen, unergründlichen Gegend» angesiedelt, wo die archaischen Instinkte oder andere niedere Bedürfnisse mitunter eruptiv Ansprüche geltend machen und die vom Intellekt gesteuerten Figuren in Turbulenzen stürzen.

«12 000 Kilometer Nabelschnur» spielt in den frühen 70er-Jahren, im Kampf für eine Fristenlösung bei Abtreibungen. In dieser Kampagne engagiert sich eine Juristin, die ungewollt schwanger geworden ist und sich in diesem «gebenedeiten Zustand» immer fremder wird. Das Gefühl zunehmender Fremdbestimmtheit steigert sich zur unerträglichen Beklemmung während eines Parcours durch Läden, in denen unter anderem für die pränatale Frühförderung Beschallungsanlagen mit dem Namen «Horowitz» angeboten werden. Die Protagonistin wird in den Ladenlokalen verhaltensauffällig und prangert das «Kinderkriegen als Edelsport für die Elite» an. Die Auflösung der Geschichte ist allerdings etwas absehbar und nicht sonderlich originell.

«Weisse Massai» für Intellektuelle

Denunziation ihrer Figuren liegt der Autorin fern, auch Moralisieren. Anflüge von dosiertem Spott und eine funkelnde (Selbst-)Ironie sind hingegen durchgängige Stilmittel. Ein Glanzpunkt ist die letzte, längste Geschichte. «Am Äquator and beyond» spielt ebendort und verbindet auf zwei Zeitebenen die Liebesgeschichte zwischen einer Schweizer Delegierten des Roten Kreuzes und einem afrikanischen Arzt, der im Bürgerkrieg in Moçambique Mitte der 70er-Jahre in den Untergrund geht und drei Jahrzehnte später vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt wird. Auf der Zuschauertribüne sitzt eine Frau im Tweedkostüm, die für den beharrlich schweigenden Angeklagten ungeplant in den Zeugenstand tritt. Am Ende ironisiert Schaad das Potenzial der unsentimental erzählten Geschichte als eine Art «weisse Massai» für ein intellektuelles Publikum. Die Protagonistin trifft sich mit einer holländischen Journalistin, in der Tasche hat sie bereits einen Vertrag für die Verfilmung.

Die Erzählerin lässt offen, ob dieses «sexuell straighte Frauenleben des letzten Jahrhunderts filmisch genutzt und von einer auflagestarken Boulevardzeitung in die Charts gehievt wird». Einen solchen Platz in den Charts wünscht man Isolde Schaads Erzählband, einer lustvollen Auseinandersetzung mit dem eigenen 68er-Erbe – auch wenn das Feuerwerk an Beobachtungen streckenweise zu heftig prasselt. (Der Bund)

Erstellt: 12.03.2014, 10:57 Uhr

Isolde Schaad: Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete. Limmat, Zürich 2014, ca. 36.50 Fr.

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