«Das verborgenere Engadin»

Fundstücke aus dem Schweizerischen Literaturarchiv: Eine Fotokarte des Engadiner Schrifstellers Andri Peer.

Die knochenweissen Arven von Sursass, im Hintergrund der Piz Lindard bei Lavin. (Foto: Rudolf Grass, Zernez)

Die knochenweissen Arven von Sursass, im Hintergrund der Piz Lindard bei Lavin. (Foto: Rudolf Grass, Zernez)

(Bild: Simon Schmid)

Andri Peer hatte 1948 in Paris seinen zweiten Gedichtband «Poesias» ver­öffentlicht. Die hier abgebildete Fotokarte fand sich in einem Widmungsexemplar an den Freund und Kritiker Gustav Siebenmann. Vielleicht waren es die Bleistiftzeichen auf der Rückseite, die diesem anonymen, schwarz-weissen Bild mit dem eindrücklichen Piz Linard etwas Geheimnisvolles verliehen?

Auch in diesem Fall zeigten sich erst während der Katalogisierung Zusammenhänge zwischen einzelnen Dokumenten und ihre besondere Bedeutung in Bezug zum Werk. Besonders auffällig sind die Verbindungen zwischen dem Arvenstrunk im Vordergrund der Fotokarte und dem literarischen Werk Andri Peers. Etwa zur Erzählung «Daman da chatscha» / «Jagdmorgen» (1959/1961), in der ein Ich-Erzähler mit viel Pathos die abgelichtete Szene beschreibt: «Die Arve, jede sich selbst, unverwechselbar: geboren und gewachsen auf diesem Platz, während die Vögel gekommen und fortgezogen sind und andere Vögel gekommen und wieder gegangen. Und sie ist alt geworden, uralt, immer schöner, immer freier, ob du sie anschaust oder nicht, eines Tages stirbt sie hier oben, zerrissen von einer Feuerpranke, zu Boden geworfen vom Föhn, mit dem vor Alter schon hohlen Stamm, der noch Jahre und Jahre rein erbleicht mit seiner Knochenweisse, mit seinen stumpfen Ästen, Buckeln und Hörnern auf dem fast unverweslichen Patriarchenleib.» Wie in Peider Lansels «Tamangur» (1923) und Cla Bierts «La müdada» (1962) zeigen sich in Peers Erzählung anthropomorphe Züge des vielfach als Symbol für die bedrohte Kleinsprache und deren Geschichte und Literatur interpretierten Kultbaums.

1952 erschien das dem Hispanisten Siebenmann gewidmete Sonett «­Spadas e guitarras», in dem von unterschiedlichen Kulturräumen und dem diese verbindenden Paris die Rede ist, vom Dichter, der unter Arven und dem Freund, der unter Palmen geboren sei. Dies ist der Anfang von Peers dichterischer Überhöhung der Arve in einer Reihe von Gedichten des folgenden Jahrzehnts.

Wie sehr Andri Peer die heimatliche Landschaft in seine Poetik einbezieht, lässt sich zahlreichen seiner Artikel zu Tourismus-Themen entnehmen: «­Engiadina Bassa, dies ist für alle, die das Unterengadin lieben und kennen, kein abgeminderter Name; vielmehr ist es gezeichnet in unserem Herzen als das geheimere, das verborgenere Engadin, [. . .] voll von natürlichen Wundern und reich an Aussage des Menschlichen. Sahst du je die farbigen Seelein von Macun, die vollkommene Pyramide des Piz Linard? [. . .] Viel­geprüft und unermüdlich aufbauend, schmückend, singend, dichtend, das ist Engiadina Bassa, dieses Land von Bauern und Auswanderern, von Künstlern und Gelehrten.» (1963)

Eine eigentliche Zuordnung des Arvenstrunks jedoch gelang erst, als die Karbonkopie einer Würdigung mit dem Titel «Zwischen Bewunderung und Nostalgie. Zu Aufnahmen des Fotografen Rudolf Grass» auftauchte: Darin beschreibt Peer die «markante Figur im Zernez unserer Jugendjahre: Jäger, Fallensteller, Fischer und Fotograf. Seine Wohnung mit Laden und Atelier lag nur zweihundert Schritte von der unseren entfernt; da schauten wir ihm gerne zu beim Entwickeln und beim Kopieren. Er machte auch Hochzeits­aufnahmen [. . .] und Passbilder; aber am liebsten widmete er sich der Natur. [. . .] Ich sammelte einmal Wurzelfotos von Grass, eine ganze Folge gereckter, gestellter, traumverschlungener Wurzeltrommeln und skurril-rührender Baumleichen [. . .]. Es sind Gebilde von versammelter plastischer Wucht.» (1978)

Sowohl die Fotos von Grass wie auch die Prosa von Peer werden nächstens neu aufgelegt. Die Abbildung von Rudolf Grass und einige damit verbundene Texte von Andri Peer zeigen beispielhaft, wie ein Naturphänomen seit Generationen Dichter, Künstler und Fotografen inspiriert.

Annetta Ganzoni: Lichter blauer Erwartung. Das poetische Schreiben von Andri Peer im kulturellen Kontext. Institut für Kulturforschung Graubünden, Chur 2013.

Rudolf Grass: Zernez 1906–1982. ­Dorffotograf/Fotograf dal cumün/Fotografo di paese. Mit Texten von Lucia Bühler. Zürich, Limmat Verlag, erscheint im Frühjahr 2015.

Andri Peer: Prosa 1947–1986, ed. Annetta Ganzoni. Cuoira, Chasa Editura Rumantscha, erscheint im Frühjahr 2016.

Der Bund

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