Auf Achse mit «Buchowski»

Am Freitag geht in Bern eine neue Tramlinie in Betrieb: Auf ihr dreht das Tram Nummer 5 seine Schlaufen. Das Büchertram gabelt auf der Route Autoren auf, die den Passagieren aus ihren Werken vorlesen.

Simon Hörler, Sarah Leonor Müller und Noémie Delfgour mit ihrem 30-plätzigen Lesesaal im Depot Burgernziel.

Simon Hörler, Sarah Leonor Müller und Noémie Delfgour mit ihrem 30-plätzigen Lesesaal im Depot Burgernziel. Bild: Manuel Zingg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was schiefgehen könnte? Nicht viel, ausser dass bei einer Vollbremsung die schweren Schinken aus den Regalen purzeln. Oder die Stimme des Autors in den Kurven im Rädergequietsche untergeht, immerhin ist das Gefährt ein Modell aus dem Jahr 1947. Doch um Ersteres zu verhindern, wollen die Schöpfer des Büchertrams die Bücherregale besonders gut sichern. Und ein Verstärker wird dafür sorgen, dass die Autoren auch in der hintersten Reihe des Waggons einwandfrei gehört werden.

Selbst der Chauffeur ist Literat

Literatur auf die Schiene bringen – ein nicht eben alltägliches Unterfangen, dass sich die drei Organisatoren Sarah Leonor Müller (30), Noémie Delfgou (25) und Simon Hörler (38) da ausgesucht haben. Doch innerhalb von drei Monaten ist aus einem Hirngespinst Ernst geworden: Zwischen dem 17. und dem 19. August wird das Büchertram Buchowski auf dem Berner Schienennetz verkehren.

Vorne bei der Führerkabine wird ein Lesesessel stehen, auf dem in wechselnder Besetzung Autoren aus ihren Werken lesen. Manche, etwa die «Nasbüechli»-Autorin Yvonn Scherrer, werden schon von der ersten Station an zugegen sein, andere werden unterwegs zusteigen.

Ein temporäres Bücherkaffee auf Schienen

Zu Beginn steht den beiden Organisatorinnen, die sich vom Studium der Theaterwissenschaften her kennen, der Sinn nach einem Bücherkaffee. Einem einfachen, einladenden Kaffee, in dem Bücher geschmökert werden und in dem sich alle wohlfühlen. «Es war eine der romantischen Ideen, die letztendlich nicht umgesetzt werden», sagt Sarah Leonor Müller (Lieblingsliteraten: «die Russen»).

Bei einem Abendessen im Garten von Simon Hörler (Lieblingsjugendbuch: «Krabat» von Otfried Preussler) einigen sich die drei schliesslich auf ein temporäres Bücherkaffee – dafür eins auf Schienen.

«Alles lief so rund»

Ihre Rotweinidee stösst allseits auf offene Ohren. Der Berner Tramverein willigt ein, ihnen das Tram und den Stellplatz im Depot Burgernziel zu vermieten und stellt ihnen gar einen Fachmann zur Seite: Der Chauffeur Mischu Eggimann schreibt in seiner Freizeit Prosa. Die Wunschautoren sagen sofort zu, die Stadt übernimmt deren Salär, der Kanton Bern beteiligt sich mit einer Defizitgarantie am Projekt.

«Es lief alles so rund, dass wir uns sagten: Jetzt müssen wir es einfach durchziehen», so Noémie Delfgou (derzeitiges Lieblingsbuch: «Schilf» von Juli Zeh).

Kein Gonzo-Tram

Am Nachmittag steht das Tram jeweils auf dem grün überwucherten Abstellgleis im Depot Burgernziel, als eine Mischung aus Cafébetrieb und Bücherladen: Die Tramwände bestückt mit «täglich frischer Ware» aus dem Buchantiquariat Bücherbergwerk Monbijou, vor dem Waggon werden Kaffee und Kuchen serviert.

Buchowski heisst das Tram, weil schon das Bücherkaffee so hätte heissen sollen, aber auch, weil Charles Bukowski, der amerikanische Schwerenöter und Autor, für die drei eine eindrucksvolle Figur darstellt. «Der Name soll allerdings nicht irreführen», sagt Sarah Leonor Müller, «es wird kein Gonzo-Tram.»

Texte frisch ab Schreibmaschine

Verspielte Literatur steht im Zentrum: Das Literaturbüro Olten, zu dem auch der ausgezeichnete Jungautor Patric Marino zählt, wird mit einer Schreibmaschine einsteigen – und darauf im «Textkiosk» Texte ad hoc produzieren, während an den Passagieren Berns Stadtkulisse vorüberzieht.

Ausgangs- und Schlusspunkt der Fahrten ist jeweils der Casinoplatz. Welche Route dazwischen liegt, will Simon Hörler, der hauptberuflich an einer Gesamtschule unterrichtet, nicht verraten. «Nur so viel: Wir werden das ganze Schienennetz ausnutzen und die eine oder andere überraschende Wendung einbauen.»Bloss wenn Kinderbuchautor Lorenz Pauli liest, wird das Tram stillstehen. Die Kinder sollen sich schliesslich ganz auf die Geschichte konzentrieren können. (Der Bund)

Erstellt: 13.08.2012, 08:44 Uhr

Vorverkauf

17. bis 19. August, Vorverkauf in der Buchhandlung zum Zytglogge, Abendkasse am Casinoplatz.

Büchertram: Programm

Am Freitag, 17. August, um 19.30 Uhr liest Yvonn Scherrer aus ihrem olfaktorischen Reisetagebuch «Nasbüechli». Für die streckenweise musikalische Begleitung sorgt Res Mettler.

Am Samstag, 18. August, um 21 Uhr steigt das Literaturbüro Olten mit dem «Textkiosk» zu. Mit dabei: Patric Marino, Noëmi Lerch, Eva Seck sowie Taraf de Berne zur musikalischen Untermalung.

Am Sonntag, 19. August, um 11 Uhr hält Lorenz Pauli seine Kinderbuchlesung ab – im stehenden Tram am Depot Burgernziel. Um 18 Uhr lesen Marina Bolzli, Hanna Widmer und Andreas Heise von Onos Lesesessel, begleitet von der Musik von Vincent Millioud.

Kommentare

Blogs

KulturStattBern An der Sache vorbeigelärmt

Zum Runden Leder Budi reloaded

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...