Arbeit war Sigmund Freuds Droge

Eine Biografie von Fehldiagnosen, unterdrückten Trieben und 25 Havanna-Zigarren pro Tag. Die Sigmund-Freud-Biografie von Peter-André Alt lässt tief blicken.

Die berühmteste Couch der Welt steht heute im Freud-Museum in London. Foto: Bjanka Kadic (Alamy)

Die berühmteste Couch der Welt steht heute im Freud-Museum in London. Foto: Bjanka Kadic (Alamy)

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Wie wird man eigentlich Wegbereiter einer wissenschaftlichen Revolution? Im Fall von Sigmund Freud gelang dies dank Sublimierung – der Umwandlung sexueller Energie in eine geistige Leistung. Das zumindest ist die Erklärung einer neuen Biografie des Germanisten Peter-André Alt, der Freuds Leben und Werk auf 1000 Seiten nacherzählt: Als «echter Sohn» des 19. Jahrhunderts, wie Thomas Mann ihn einmal nannte, sei Freud geprägt gewesen vom Szientismus seiner Zeit: vom Darwinismus und dem Glauben an die Macht der Ratio, den Fortschritt und die Wahrheit erkenntnisgeleiteter Forschung. Deshalb habe Freud seinen Trieb schon bald aufs Feld der Wissenschaft umgelenkt, wo er Grosses schaffen wollte.

Freuds Erkenntnishunger ist aber nur ein Teil der Erklärung, die uns Alt für den Durchbruch der Psychoanalyse anbietet. Sadistische Episoden dürfen ebenfalls herangezogen werden: Als Kind habe Freud einem gleichaltrigen Mädchen Quälereien zugefügt, die bei ihm schon früh zu der Einsicht führten, dass das eigene Triebleben Gewalt zur Folge haben kann. Nach diesen Ereignissen setzten Sublimierungsprozesse ein, die Freuds Leben und Werk entscheidend prägten: Mehrfach, als könnte er es selbst nicht glauben, hebt Alt hervor, dass Freud die Masturbation und den Coitus interruptus als Quellen von Neurosen sah.

Sex nur zur Fortpflanzung

Geschlechtsverkehr mit Kondom sei triebhemmend und lustmindernd; Sex eigentlich nur dann sinnvoll, wenn Kinder gezeugt werden können. Davon sei Freud überzeugt gewesen. Und Alt ist sich sicher, dass Freud wohl den grössten Teil des Lebens enthaltsam gelebt hat. Nach der Geburt seiner jüngsten Tochter Anna waren dies immerhin noch 44 Jahre. Wobei Freud durchaus triebhaft sein konnte: Nach Jahren des Konsums von Kokain, das ihm zeitweilig als Allheilmittel galt – und ihm schon bald seine Nasenscheidewand zerstörte –, verlagerte sich Freud aufs Nikotin. Bis zu 25 Havannas pro Tag habe er geraucht, wenn er seiner eigentlichen Droge nachging: der wissenschaftlichen Arbeit. Wobei es gerade die enorme Sublimierungsleistung war, die Freud schliesslich zu dem zwang, was am Anfang der Geschichte der Psychoanalyse steht: die Selbstanalyse.

Bei Peter-André Alt, der eine brillante Kafka- und eine zweibändige Schiller-Biografie verfasst hat, erfährt man so ziemlich alles, was man über Sigmund Freud wissen kann – von den berühmten Fallgeschichten über Freuds Phobien (Eisenbahnfahrten) bis hin zu den Todesarten seiner Chow-Chow-Hunde (einer von ihnen wurde von einem Zug überrollt). Unverkennbar ist aber auch das Ziel, das Peter-André Alt mit seiner Arbeit verfolgt: Freud wird bei ihm in die Geschichte der Wissenschaft gerückt, was insofern bedeutend ist, als seiner Erfindung die universitäre Anerkennung zu Lebzeiten weitgehend verwehrt blieb. Nicht zuletzt deshalb können wir in der Biografie detailliert mitverfolgen, wie Freud während eines Paris-Aufenthalts die Grenzen der Hirnanatomie erkannte und sich mit den Hypnose- und Analysemethoden des Neurologen Jean-Martin Charcot vertraut machte. Und wie schliesslich die «Traumdeutung» entstand.

Wenn es um die Verteidigung von Freuds wissenschaftlicher Leistung geht, zeigt sich Alt erstaunlich kämpferisch. Insbesondere gegenüber Autoritäten des geisteswissenschaftlichen Diskurses. Was bei einem Autor wie Alt überrascht, der sonst alles in gleichschwebender Aufmerksamkeit beschreibt. So verteidigt er Freud gegenüber Jürgen Habermas, der in der naturwissenschaftlichen Begründung der «Traumdeutung» eine Taktik sah, mit der Freud seine Psychoanalyse nachträglich zu objektivieren versuchte. Abgewatscht wird auch Adorno, der Freud ein Einverständnis mit dem Rationalismus unterstellte. In seiner «wütenden Kritik» bleibe Adorno in der Unterscheidung von Vernunft und Unvernunft befangen, die Freud gerade aufgelöst habe, als er einen irrationalen Gegenstand wie die Psyche einer rationalen Analyse unterzog. Abgestraft wird nicht zuletzt auch Peter Sloterdijk, der sich zur «simplifizierenden» Behauptung verstieg, Freuds Sexuallehre sei eine «Zähmungswissenschaft». Das sei falsch: Freud wollte «die Sexualität als mächtigen Faktor» verstehen, mit der wir leben können, «ohne ihr absolute Herrschaft einzuräumen», wie Alt schreibt.

Offensichtliche Irrtümer

Starke Argumente, kundige Lektüren von Freuds Schriften. Schmal fällt eigentlich nur die Bilanz aus, wenn man danach fragt, was Alts Biografie denn nun an substanziell Neuem bringt. Erwähnenswert sind hier eigentlich nur einige unveröffentlichte Briefe aus den Beständen der Library of Congress. Darunter jene an die Patientin Emma Eckstein, die das lange vorherrschende Bild korrigieren, Freud habe nach Abschluss der Therapien keinen Kontakt mehr mit ehemaligen Patientinnen gehabt. Das ist offensichtlich falsch. Freud stand noch Jahrzehnte später in Briefverkehr mit Eckstein, was insofern bemerkenswert ist, als ihr Fall zu Freuds grössten Fehlleistungen zählt: Der Vater der Psychoanalyse war sicher, seine Patientin habe «aus Sehnsucht geblutet». Eine organische Ursache der Zwischenblutungen kam für ihn nicht infrage. Dabei litt Eckstein an einer gutartigen Geschwulst, die ihr später mitsamt der Gebärmutter entfernt werden musste.

Wenn es um die offensichtlichen Irrtümer seines Protagonisten geht, lässt Alt nichts durchgehen. Auch die zahlreichen Machtkämpfe, die Freud zwecks Reinheit seiner Lehre gegen C. G. Jung und viele andere mit «eiserner Hand» ausfocht, werden mit Distanz und ohne Parteinahme für Freud beschrieben. Gelten lässt er auch den Vorwurf des «Phallozentrismus», der später von Jacques Lacan und feministischen Kritikern gegen Freud erhoben wurde. Dem schliesst Alt sich an, wenn er festhält, dass Freud bis zu seinem Tod darauf beharrte, die weibliche Sexualität sei etwas Defizitäres.

Auch wenn der Freud-Wälzer nicht so brillant ist wie Alts Biografien von Kafka und Schiller, in denen die Beschreibung von Vita und Œuvre elegant miteinander verquickt werden, so kommt man nicht umhin, das Hütchen vor diesem Ziegelstein zu ­lüpfen, dessen Leistung in der ungeschönten Zusammenschau der Fakten und der ebenso anschaulichen wie differenzierten Darstellung besteht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2016, 22:56 Uhr

Peter-André Alt. Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. Eine Biografie. C.-H.-Beck-Verlag, München 2016. 1036 S., ca. 46 Fr.
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