Als die Sonntage noch träge waren

Nostalgie und Gegenwartsliebe: Der Zürcher Publizist Martin Meyer hat ein ebenso kluges wie unterhaltsames Buch über den Umgang mit der Vergangenheit geschrieben.

Pfeifenrauchender Vater, umsorgende Mutter: Familienidylle aus den 50er-Jahren. Foto: Interfoto, Keystone

Pfeifenrauchender Vater, umsorgende Mutter: Familienidylle aus den 50er-Jahren. Foto: Interfoto, Keystone

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«Tout mon œuvre est ironique», hat Albert Camus einmal in sein Tagebuch geschrieben. Gefallen hat dieser Satz seinem Biografen Martin Meyer wohl deswegen so gut, weil er sich selbst auf die Kunst der Ironie versteht – mündlich wie schriftlich. Dass diese «nicht knackbare Strategie» einen schweren Stand hat, bedauert der ehemalige Feuilletonchef der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Mit der Ironie ist es nicht einfacher geworden. Häufig wird sie heute weder verstanden noch gebilligt. Das hat vielleicht mit unserem zunehmend binär werdenden Denken zu tun, das die Zwischentöne und Umwege zu- gunsten der klaren Botschaften in den Hintergrund verschiebt.»

Diese Stelle ist zentral für das Verständnis des neuen Buchs des Zürcher Publizisten: Ein leichter ironischer Ton grundiert die 86 Reminiszenzen von «Gerade gestern». Sie handeln «vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten», ohne in Nostalgie zu verfallen. Dafür sind die Geschichten, die der Autor mit einem Augenzwinkern erzählt, zu sehr einer Zeit verpflichtet, welche auch für Zürcher Verhältnisse eng und beschränkt war. Und zu sehr auch pflegt Martin Meyer ein «Gegenwartspathos», das Medizin gegen zu viel Vergangenheitsschmerz ist. Der 1951 geborene Journalist nimmt sich seiner eigenen Geschichte so an, dass auch Nachgeborene sich in ihr erkennen. So begegnen wir vielem, was auch uns einst ewig und heilig schien – und das aus unserem Leben entsorgt wurde.

Die fehlende Musse

Nehmen wir beispielsweise die Sonntage, die zwar noch so heissen wie früher, aber heute ganz anders sind. «Träge und spröd flossen die Sonntage damals dahin und durch die Stunden.» In den 50er- und 60er-Jahren waren dies Tage, in denen die Zeit ins Stocken kam und einfach nicht vergehen wollte. Abwechslung brachte ein Skirennen im Schwarzweissfernsehen, bei dem man noch selbst sehen konnte, wer schneller fuhr. Oder ein Gottesdienst: «Am Vormittag hatte der Pfarrer von der Kanzel herunter mit klaren Worten den Verzicht gefordert. Drei Stunden später war alles vergessen.» Solange alles beim Alten blieb, durfte die Kirche, welche moralische Besserung predigte, im Dorf bleiben. Alles hatte seine Ordnung und alles seine Zeit. Wer kann es sich heute in unserer Leistungsgesellschaft noch leisten, um 12 Uhr nach Hause zu gehen, um gemeinsam mit der Familie zu essen?

Der Rückblick gibt Aufschluss über das Jetzt. Das Aussterben der Pfeifenraucher etwa ist auch ein Symptom einer Zeit, (in) der die Zeit fehlt. «Pfeifen waren Musse- und Gedankenspender», schreibt Martin Meyer, und wir denken an Max Frisch und an die allmähliche Verfertigung seiner Gedanken beim Stopfen und Rauchen seiner Pfeifen. Auch bei der legendären ARD-Sendung «Der internationale Frühschoppen» wurde gequalmt, dass es eine Freude war. Keinen hat dies gestört; die Gesundheitsprediger lagen da noch in den Windeln oder waren noch gar nicht geboren. Gestört hat erst die späte Aufdeckung, dass Moderator Werner Höfer «ein ziemlich schlimmer Nazi» war, wie Meyer schreibt. Neben Skirennen und Kirchgang verlor auch diese Sonntagsbeschäftigung ihre Bedeutung – und Unschuld.

Martin Meyers luzide Beobachtungen widmen sich mal Objekten wie der Krokodil-Lokomotive und dem Fotoalbum, mal den Dichtern, Denkern und Musikern, mit denen er es zu tun hatte, mal den Stars und Sternchen in Hollywood – insgesamt ergibt dies ein vielschichtiges Stimmungsbild der zweiten Jahrhunderthälfte: Vieles, was gekommen war, um zu bleiben, verschwand still und heimlich wieder; vieles, was von vorübergehender Natur schien, hatte Bestand (wie die Barbiepuppe). Die Kontingenz, der Zufall, wird ins Recht versetzt: Man weiss nicht genau, wieso sich dies so und nicht anders abgespielt hat. Der Weltgeist, der sich, «wenn er einmal die Erde berühren will, gern auf mehrere Stühle setzt», ward nicht gesehen.

Die neue Heilslehre

Dafür gab es jede Menge Zeitphänomene, an denen Menschen aus freien Stücken – und doch wie einem Zwang gehorchend – teilnahmen: So hat etwa die Psychoanalyse Zürich in den späten 60er-Jahren im Sturm erobert. Sie war die neue Heilslehre, an der sich das saturierte Bürgertum gesundstossen wollte. «Bald ging in die Analyse, wer etwas auf sich hielt, auch wenn ihm oder ihr nichts fehlte und das durchaus ernst zu nehmende Risiko bestand, dass nachher wirklich etwas fehlen würde.» In solchen Passagen, welche Ironie und Dialektik miteinander vermählen, glänzt das Buch. Ungern erinnert man sich der Zeiten, als viele kluge Köpfe bereit waren, an so viel Unsinn zu glauben. Erst der Vormarsch der Naturwissenschaften hat diese sektiererischen Bewegungen zur Räson gebracht. Einen ähnlichen Überschwang der Unfreiheit sieht der Autor auch in der Vergabe der Vornamen. «Es gibt Vornamensphasen. Das heisst, für eine Generation, manchmal sogar länger, gibt es Standards, denen die glücklich gewordenen Eltern brav folgen.»

Ein Ausflug ins Reich der englischen Sprache darf nicht fehlen, wenn es um die Zeit geht, als die USA unangefochten unseren Lifestyle bestimmten. Wenn der Vater ein Geschäftsessen hatte, dann sprach er «mit einem blitzkurzen ö von Löntsch». Und wenn die Eltern in Anwesenheit der Kinder etwas verschweigen wollten, machten sie einander mit einem «Bikärfl» darauf aufmerksam. Englisch kumpelhaft wird der Autor, der das Smartphone als genial bezeichnet, auch heutzutage empfangen, wenn er einen Apple Store betritt: «Ich werde a priori geduzt, was mich leider auch a posteriori nicht jünger aussehen lässt.» An einer anderen Stelle, wo es um die Zumutung von Veränderungen geht, fragt er: «Ist das schlimm? Im Prinzip nicht. Unsere Spezies strotzt von Anpassungsfähigkeit.»

Davon erzählen diese Reminiszenzen in «Gerade gestern», die – je nach Sujet – manchmal amüsant sind, manchmal aber auch nachdenklich stimmen. Auch wenn man den Wandel begrüsst, heisst dies noch lange nicht, dass Wehmut fehl am Platz ist. Auch diese Botschaft enthält dieses Buch, ohne sie explizit zu formulieren.

Martin Meyer stellt sein neues Buch am Dienstag, 6. Februar, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich am Limmatquai 62 vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2018, 07:23 Uhr

Martin Meyer
Gerade gestern. Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten.

Hanser-Verlag, München 2018. 320 S., ca. 37 Fr.

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