Brennende Berner Avantgarde

«Burn Baby, Bern!»: Mit drei Komponisten und einer Uraufführung entfachte das Berner Ensemble Proton ein gewaltiges Feuer.

Bloss keine Routine aufkommen lassen: Das Ensemble Proton.

Bloss keine Routine aufkommen lassen: Das Ensemble Proton. Bild: Oliver Oettli (zvg)

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Ausgerechnet ein Ungar sei der Gründer der Berner Komponistenschule, erklärt der Komponist Heinz Holliger nach der Aufführung seines «Quintetts für Klavier und vier Bläser». Die Inspiration dafür, sagt Holliger, habe er aus der Unvereinbarkeit von Klavier und Bläserensemble geschöpft. Tatsächlich ist es mal ein Ringen, mal ein tapsiges Tanzen, was die fünf jungen Mitglieder des renommierten Ensembles Proton waghalsig aufführen. Ihr Feuer ist derart ansteckend, dass man als Zuhörer froh ist, dass es wenigstens drei Sätze dauert, bis die Vereinigung doch noch gelingt – nachdem die Holzbläser auf ihre Rohrblätter verzichten und mit Trompetenansatz spielen.

Klarinette, Harfe, Nebengeräusche

Und Sándor Veress? Der bildet den roten Faden dieses Montagabends in der Dampfzentrale, obwohl keines seiner Werke erklingt. Als Kompositionslehrer am Konservatorium zählte der gebürtige Ungar neben Holliger auch Jürg Wyttenbach zu seinen Schülern. Der erweitert mit seinem Duett «. . . ist doch alles SCHALL und RAUSCH . . .» für Klarinette, Harfe und Nebengeräusche den Abend um eine theatralische Dimension.

Mit überzeugender Ernsthaftigkeit und einer Prise Ironie loten Vera Schnider und Richard Haynes die Möglichkeiten ihrer Instrumente als Schall- und Rauschquellen aus und öffnen mit ihren Stimmen einen Kreis, der sich am Schluss des Konzerts zu einem runden Ganzen schliessen wird. Vorerst folgt aber das älteste Werk in der Reihe. Wyttenbachs «Drei Sätze» für Oboe, Harfe und Klavier geben dem Kollektiv die Gelegenheit zu beweisen, dass es sich auch in lyrischen Klangwelten nicht zu verstecken braucht.

Bewegung und Musik gehören für Christian Henking zusammen. Daran sei sein Bewegungstrieb schuld, erklärt der anwesende Komponist. Das Orchester für seine neueste Schöpfung «Change» ist zwar bloss neunköpfig, die geräumige Bühne der Dampfzentrale füllt es aber mit den durchkomponierten Bewegungen mit Leichtigkeit. Passend zum Titel beginnt das Werk mit einer Verwechslung: Die Instrumente sind vertauscht!

Teppichgrosse Notenblätter

Davon lässt sich das Ensemble unter Matthias Kuhns sicherer Leitung jedoch keineswegs aus der Ruhe bringen und entlockt dem ungewöhnlichen Instrumentarium ebenso ungewöhnliche Klänge, die es mit den zischenden Silben von «Wolfgang Amadeus Mozart» würzt. Wie aber erhält man das eigene Instrument zurück? Mit einem bunten Instrumentenbasar. Durch den Raum lotsen gekrümmte Notensysteme auf teppichgrossen Notenblättern, die sich von beiden Seiten lesen lassen. Der ausgedehnte Wechsel ans herkömmliche Instrumentarium gelingt problemlos, und wer meint, es ginge jetzt richtig los, wird umgehend mit einem glühenden Finale eines Besseren belehrt.

Dieser abwechslungsreiche und unterhaltsame Mut zum Wechsel lässt den Abend so packend enden, wie er begann. Das Publikum honoriert es mit langem Applaus, und die Mitwirkenden werden mit einem weiteren Berner verdankt. Mit dem Honiglebkuchen. (Der Bund)

Erstellt: 06.12.2017, 06:45 Uhr

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