Brasilien, wie es wählt und lacht

Wahrheit-Kolumnist Ane Hebeisen erklärt, was Brasilien mit dem Adjektiv «unfassbar» zu tun hat.

Bild: zvg

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Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Das Lieblingsadjektiv der Zeit ist «unfassbar». Alles ist «unfassbar toll» oder «unfassbar nervig», Martin Schulz sagt von sich, er sei «unfassbar müde», und dem Fussballer Christoph Kramer ist die Tabelle «unfassbar scheissegal».

«Unfassbar» ist also das Wort der Stunde. Weil tatsächlich so manches gerade nicht mehr greifbar ist – zumindest nicht mit dem gesunden Menschenverstand. Zum Beispiel die Vorkommnisse in Brasilien. Ein Land, in dem – von sehr weit aussen betrachtet – alles einigermassen im Lot schien. Die Sonne zündete jedenfalls ziemlich senkrecht auf das schöne Land hernieder, die Menschen tanzten, es gab Touristenführungen durch die Favelas, und man stand stets ein Bohrloch vor dem ganz grossen wirtschaftlichen Durchbruch. Dann kam die Krise, in der offenbar wurde, dass doch nicht alles so prima lief, und es wurden wüste Korruptionsaktivitäten aufgedeckt, die weit ins oberste Politmilieu reichten. Die Präsidentin versprach Aufklärung und wurde vom Vizepräsidenten und dessen Parlamentskomplizen abgesetzt, die diese Aufklärung dringend zu fürchten hatten. Die Leute hörten auf zu tanzen, und die Sonne warf lange Schatten, in denen die Kriminalität ungehindert florierte.

Doch in diesen Tagen ist Brasilien auf dem besten Wege, einen Präsidenten zu wählen, der alles wieder zum Guten zu wenden verspricht. Kein Wunder, dass das viele unfassbar toll finden. Die Anhänger (und ja, es gibt auch Anhängerinnen, und ja, auch in der Schweiz) sind merklich aufgekratzt und schreiben bunt unterlegte Merksätze in die sozialen Medien. Die meisten handeln davon, dass das Land bald wieder zur alten Stärke zurückfinden werde, wenn dieser Präsident in zwei Wochen die Stichwahl gewinne, und dass es an der Zeit sei, endlich aufzuräumen in diesem Land. Klingt gut.

Das Ungünstige daran ist, dass dieser Präsident – er heisst Jair Bolsonaro (Messias mit zweitem Vornamen) einen etwas auffälligen Charakter an den Tag legt. Kurz zusammengefasst: Er würde es vorziehen, dass sein Sohn «bei einem Unfall stirbt», als homosexuell zu sein, er möchte der Polizei die Vollmacht geben, zu foltern und zu töten, er fand die Militärdiktatur, der 400 Oppositionelle zum Opfer fielen, nur deshalb nicht so gelungen, weil man besser noch «mehr getötet als bloss gefoltert» hätte, er bezeichnet die Presse als einen «Haufen von Verbrechern», er möchte die Waffengesetze lockern und findet, Schwarze taugten nicht einmal zur Reproduktion, er hält Hitler für einen grossen Strategen, sagt, dass die Anhänger seines entfernten politischen Widersachers Lula erschossen werden sollten, er bemerkte, dass sich keiner seiner Söhne je in eine afrobrasilianische Frau verlieben würde, denn sie seien schliesslich «gut erzogen», er möchte die Gewerkschaften verbieten, er will die «kommunistische UN» verlassen und den Amazonaswald zur wirtschaftlichen Nutzung freigeben. Und so hat es niemanden so richtig überrascht, als sein Sohn verriet, dass ein gewisser Steve Bannon (der ehemalige Trump-Berater) als Wahlstratege beigezogen wurde und angekündigt habe, die «Opposition zu zermalmen».

Kurz: Bolsonaro will tatsächlich aufräumen. Und es gibt Menschen – wohl die Mehrheit der Brasilianer –, die mit ihm Brasilien niederreissen und wieder neu aufbauen mögen. Ihn, der schon seit 27 Jahren politische Mandate bekleidet, ausser diverser Provokationen absolut nichts erreicht hat und angibt, von der Wirtschaft nicht viel zu verstehen.

Und die Börse, die alte Puffbiene? Sie macht Freudensprünge, wenn ein homophober Rassist und Charakterlump kurz vor der Machtergreifung steht. Ja, es ist gerade schlecht bestellt um Ethos und Wert. Unfassbar schlecht. (Der Bund)

Erstellt: 11.10.2018, 07:17 Uhr

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