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Bilder hören, Töne sehen

Die neunte Ausgabe des Radio- und Podcast-Festivals Sonohr im Kino Rex begibt sich in die tiefsten Abgründe von Archiven und Datenspeicherung.

Bei ihrer Recherche stiessen Eric Facon und Darren Hayne auch auf einen Fotografen, der Polo Hofer (l.) mit seinen Rumpelstilz in den 70ern begleitete.
Bei ihrer Recherche stiessen Eric Facon und Darren Hayne auch auf einen Fotografen, der Polo Hofer (l.) mit seinen Rumpelstilz in den 70ern begleitete.
Christian Helmle

«Alles, was von uns bleibt», so heisst das Eröffnungsstück von Sonohr, dem Radio- und Podcast-Festival. Es ist eine gedankliche Reise in die Zukunft. Wie schaut man in dreissig Jahren auf heute zurück? Was bleibt von uns? Was ist wie und wo gespeichert? Und vielleicht auch: warum?

Der «Bund»-Redaktor und Theaterautor Daniel Di Falco geht in seinem Stück genau dieser Frage nach. Der Frage nach der Erinnerung in der Zukunft. Basierend auf dem Projekt «Memory of Mankind» des Österreichers Martin Kunze, hat Di Falco einen 20-minütigen Theater-Monolog geschrieben. Eine Auseinandersetzung, ein Ärgernis, eine Verzweiflung Kunzes über den Umgang mit dem kollektiven Gedächtnis. «‹Memory of Mankind› ist ein sehr beeindruckendes wie auch grössenwahnsinniges Projekt», so Di Falco. Kunze versucht in einem ehemaligen Salzbergwerk in Österreich ein Archiv zu erstellen – auf Tontafeln.

Die Idee ist so simpel wie einleuchtend wie waghalsig: Dass wir so viel über die Sumerer von vor 5000 Jahren wissen, liegt daran, dass diese ihre Geschichte auf Tonplatten eingraviert hatten. Das Gleiche versucht nun Kunze mit unserer Gegenwart. «Und das in einer Zeit, in der wir technisch so weit sind wie noch nie», sagt Di Falco. «Doch was überleben wird, nach Kunzes Hoffnung, das sind die Tontafeln.»

Monolog im Dunkeln

Doch ein Theaterstück, live gespielt, als Auftakt eines Festivals, bei welchem es doch hauptsächlich ums Hören gehen soll? «Es trifft halt total den Kern des diesjährigen Themas», so Pascal Nater, Geschäftsleiter von Sonohr. Das Thema, das lautet: Archive, Daten sammeln, oder schlicht «Ctrl+Save». «Wir machen ja nicht ein Hörfestival, damit man nichts sieht, sondern etwas Schönes hört.» Und da der Monolog des Stücks weitgehend im Dunkeln mit Stirnlampe stattfindet, ist man schliesslich wohl doch wieder ganz Ohr.

Zur neunten Ausgabe des Festivals widmet man sich also dem Archiv. Ein Thema, das auch ganz gut für die Jubiläumsausgabe im kommenden Jahr passend würde, denn das Sonohr selber arbeitet auch am eigenen Archiv, der Sonothek. «Wir wollen möglichst alle Werke der vergangenen Festivals für alle zugänglich machen», so Nater. «Und irgendwie waren wir darum schon so im Thema drin.» Denn man sei in der Radiowelt ja an einem Punkt angekommen, wo man sich fragen müsse, wie lange das lineare Radio noch überlebt. Mit den Streamings und den Podcasts habe man ständig alles überall zur Verfügung. Eine Überflutung sei das auch.

In einer Zeit, in der alles derart schnell geht, in der all unsere Bewegungen gespeichert werden, wir unsere Gedanken einer Cloud anvertrauen, in einer solchen Zeit besinnen wir uns auf Vergangenes. «Früher, da hat man ein Kassettli aufgenommen von einer Sendung oder einem Lied. Das war dann einzigartig. Das hatte man nur selbst», so Nater.

Ein Kassettli, das nahm damals 1976 auch SRF-Radiomann Eric Facon auf. Bestimmt nicht nur eines. Doch um eines, oder besser gesagt um einen einzelnen bestimmten Song, geht es in seiner Podcast-Premiere. Zusammen mit Freund und Tontechniker Darren Hayne begab sich Facon auf eine Reise zu den Spuren des Rumpelstilz-Liedes «D Rosmarie und i». Die beiden haben sich schon länger immer wieder Podcasts zugeschickt und darüber ausgetauscht – daraus entstand der Wunsch, auch selber einen zu machen. Und zwar wie bei der BBC: eine Geschichte zu einem einzigen Song.

«Chräschlete es, so chräschlete es»

«Wie lange das am Ende dauern wird, das wussten wir nicht», sagt Facon. «Klar war aber, man muss etwas über die Schweiz zu dieser Zeit erfahren.» Also mussten Zeitzeugen her. Sie starteten das Projekt als Versuch. Daraus entstanden ist ein 50-minütiger Podcast, der am Samstag Premiere feiern wird. Eine Entdeckungsreise sei es gewesen. Für beide ein neues Format, eine neue Form des Erzählens. «Oft leitete uns mehr das Gefühl als der Verstand. Wir liessen die Leute einfach erzählen. Bildeten nie eine Interviewsituation. Chräschlete es, so chräschlete es. Drehte sich einer vom Mikrofon weg, wurde er eben leiser.» Das hört man. Es bildet eine direkte Nähe, die Bilder im Kopf beginnen zu laufen.

Neben den Musikern, die Facon und Hayne von ihrer Arbeit her kennen, suchte Ersterer «ganz banal», wie er sagt, über Facebook nach weiteren Zeitzeugen. Er fand unter vielen anderen einen Fotografen, der in den Siebzigern aktiv war und, wie sich herausstellen sollte, gar ein Freud der Rumpelstilz war. «Wir hätten definitiv Material für eine noch viel längere Sendung», so Facon. Doch sie hätten schliesslich versucht, das Prägnanteste zum Song wie eben auch zur Geschichte damals herauszufiltern und zusammenzuführen – klassische Archivarbeit.

Was als Versuch gestartet wurde, soll sich wohl zu einem eigenen neuen kleinen Archiv weiterentickeln. «Wir haben die Lunte gerochen. Es ist richtig spannend, Songs so auf den Grund zu gehen», sagt er. Ein, zwei Ideen haben sie bereits. Auch von noch aktiven Schweizer Musikern. Jede Zeit und jeder Song erzählt eben eine eigene Geschichte.

Kino Rex, Freitag, 22., bis Sonntag, 24. Februar. Das ganze Programm: www.sonohr.ch

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